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Eine Fotowand mit Bildern von Menschen, die Auschwitz überlebt haben und im Frankfurter Prozess aussagten.
Auschwitz-Prozess in Frankfurt
Frankfurt

Auschwitz-Akten sind Welterbe

Von Marie-Sophie Adeoso
17:36

Die Akten und Tonbandmitschnitte des ersten Auschwitz-Prozesses, der 1963 in Frankfurt begann, sind Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes. Nach der Entscheidung über die Aufnahme im Oktober vorigen Jahres übergaben die Präsidentin der deutschen Unesco-Kommission, Verena Metze-Mangold, und Andreas Kindl vom Auswärtigen Amt am Mittwoch die offizielle Urkunde an Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU). Dem Festakt im Bürgerhaus Gallus, wohin der Prozess im April 1964 vom Römer verlagert worden war, wohnten zahlreiche Gäste bei – darunter neben Vertretern der Jüdischen Gemeinde und des Landesverbands der Sinti und Roma auch einer der damaligen Anklagevertreter, der heute 89-jährige Staatsanwalt Gerhard Wiese.

Mit der Aufnahme ins Weltdokumentenerbe erkenne die Unesco die Prozessakten „als Teil eines schrittweise entstehenden Gedächtnisses der Menschheit an“, sagte Präsidentin Metze-Mangold. Die Dokumente und insbesondere die Tonbandprotokolle der vernommenen Zeuginnen und Zeugen spiegelten „den unvorstellbaren Schrecken des größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers“ wider und seien eine Erinnerung und Mahnung „an uns, aber auch die zukünftigen Generationen, dass wir Unrecht nicht schweigend hinnehmen dürfen“.

Der Historiker Joachim-Felix Leonhard, Vorsitzender des Deutschen Nominierungskomitees „Memory of the World“, spielte in seinem Vortrag einige der Tonaufnahmen ab. Darin berichtete etwa der Arzt Mauritius Berner, wie er mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Auschwitz ankam und so schnell von ihnen getrennt wurde, dass er sie noch nicht einmal umarmen konnte. Seine Frau habe ihm noch auf ungarisch zugerufen: „Komm, küss uns“. Der als „Apotheker von Auschwitz“ im Prozess angeklagte und am Ende zu neun Jahren Haft verurteilte SS-Mann Victor Capesius habe ihm gesagt, er solle nicht weinen, „die gehen nur baden. In einer Stunde werden Sie sie wiedersehen“. Tatsächlich wurde Berners Familie in den Gaskammern ermordet, er sah sie nie wieder.

Zeugenaussagen wie diese zu hören und zugleich die Angeklagten zu erleben, die sich ihrer Schuld nicht stellten, das seien für ihn „unvergessliche Eindrücke“, sagte Historiker Leonhard, der als 18-Jähriger selbst einem Prozesstag beigewohnt hatte und später in einem Schülerzeitungsartikel schrieb: „Gewissen, was ist das?“ Der Prozess habe den Überlebenden des Völkermordes erstmals die Gelegenheit gegeben, sich zu äußern. „Sie erhielten endlich und öffentlich eine, genauer ihre Stimme wieder.“

Der von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegen viele Widerstände durchgesetzte Auschwitzprozess sei „ein Meilenstein“ und eine „Wegmarke“ in der Aufarbeitung des Holocaust gewesen, betonte auch Minister Rhein in seiner Festrede. In Frankfurt hätten jene „ganz normalen Männer“, die Krankenpfleger, Briefträger und Bankbeamten ein Gesicht bekommen, die am Massenmord beteiligt waren. Erst mit diesem Prozess sei Auschwitz zur „Chiffre für den Völkermord“ geworden, sagte Rhein. Ohne den Prozess „wäre dies ein anderes Deutschland. Ein Land, in dem zumindest ich nicht leben wollte“. Einen Schlussstrich könne und dürfe es nicht geben. 

Insgesamt 450 Aktenbände und 103 Original-Tonbänder zum Prozess sind im Hessischen Hauptstadtarchiv in Wiesbaden verwahrt. Der Präsident des Landesarchivs, Andreas Hedwig, sagte, er verstehe die Aufnahme in das Welterbe „als Auszeichnung und als Verpflichtung“, die Erinnerung wachzuhalten. 

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