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Das Duo "Badesalz" präsentiert seine neue CD.
Badesalz
Frankfurt

„Der Gauland spiegelt sich in jedem zweiten Depp“

Von Thomas Stillbauer
08:30

Gerd, Henni, es ist lang her, dass Ihr zuletzt eine Badesalz-CD gemacht habt. 14 Jahre.
Gerd Knebel: Lang her.

Henni Nachtsheim: Ja, lange Zeit.

Das Warten hat ein Ende. „Mailbox-Terror“ heißt euer neues Werk. Leitmotiv ist ein Anrufbeantworter. Warum?
GK: Wir haben eine neue Form gesucht. Henni wollte schon seit Jahren wieder mal ’ne Platte machen. Ich hab gesagt: Wiederholen wir uns nicht, wenn wir dasselbe machen wie damals, Sketch, Sketch, Sketch? Irgendwann kam ich auf dieses Ding und hab gesagt: Anrufbeantworter, wie findst’n des?

HN: Das war so’n Pingpong, das offizielle Badesalz-Büro ist ja bei mir zu Hause, und da landet immer der Krempel auf dem Anrufbeantworter. Wir hören da so viel Zeug. Leute laden uns ein: Ihr müsst mal kommen, Partykeller …

Im Ernst?
GK: Ja, natürlich. Auch wenn wir unterwegs sind: Ihr müsst kommen!

HN: Der Gerd hat mir zum Geburtstag eine Art Blind Date geschenkt, wir sind aufs Amigos-Konzert …

Was? Zu diesem Schlagerduo?
HN: … ich wusste es vorher nicht, bis wir vor die Halle fuhren. Dann seh ich den Truck mit den zwei Fressen drauf – ich hab geschrien!

GK: Ehehehehe!

HN: Wir sind da rein, nur Omas und Opas, und dann kommt tatsächlich ein Typ mit seinem Sohn, beide aus dem Odenwald, und sagt, er wollte uns einladen, er hätte den Partykeller renoviert, und dann sagt er: Mir ham da was ganz Feines – mir ham jetzt nämlich LED-Lampen!

Huuiii! LED-Lampen!
HN: Das war für ihn der Punkt, an dem ich spätestens sagen muss: Ach so, ja, dann kommen wir!

GK: Und diese LED-Lampen tauchen dann auf der CD wieder auf.

HN: Weil wir es lieben, wenn jemand nix zu bieten hat, aber daraus ein Riesending macht.

Auf der Platte habt ihr einen Song: „De Äppler un de Handkäs wern immer gute Freunde sein …“ – plötzlich singen die genialsten Musiker dieses Lied für euch.
HN: Das läuft auch über den Anrufbeantworter. Ich frag’, wieso blinkt der – da ist der Max Mutzke drauf!

Der das Stück tatsächlich live im Konzert gesungen und euch dann die Aufnahme geschickt hat.
HN: Wir saßen davor und sind bald ausgeflippt. Beim Andreas Kümmert genauso.

Abzüge gibt es natürlich für die Verwendung des Begriffs Äppler.
HN: In dem Lied? „De Äppler un de Handkäs“?

GK: Was? Kennt man doch: Äppler.

Nein, Äppler ist ein Modebegriff. Es heißt Ebbelwei.
GK: Das ist doch kein Modebegriff. Äppler! Gibt’s seit meiner Jugend.

Den hat eine Firma eingeführt, als diese Apfelwein-Mixgetränke in Mode kamen.
HN: Ich kenn das aber schon ewig: „Gebbema en Äppleeeeer!“

GK: Ich kenn das auch, die ganzen coolen Jungs, die Batschkapp-Jungs, im Cooky’s und alle – „Äppleeeer!“

HN: Genau: „Zwei Äppler!“

GK: Die ganzen Roadies! „Trinkemer’n Äpplää!“ Kenn ich nur!

Für euch völlig okay? Äppler?
GK: Für mich ganz normal!

HN: Du sagst, es heißt Ebbelwei?

Ja. Ebbelwei.
HN: Siehste – das wäre in dem Lied schon mal gar nicht gegangen: „De Ebbelwei und de Handkäs“, das wäre holprig gewesen.

Ah. Versmaß. Guter Punkt.
HN: Weil die Sprachrhythmik bei uns auch eine gewisse Rolle spielt.

Okay – das ist was anderes.
HN: Aber interessant!

Der Islam gehört zu Darmstadt, heißt es auf eurer CD. Und zu Frankfurt?
HN: Auch.

GK: Auf jeden Fall.

Da sitzen die Ur-Hessen am Stammtisch und feiern den Islam, weil ihre Frauen dann in der Burka herumlaufen müssten.
HN: Ich stehe total drauf, wenn wir diese reaktionären Arschlöcher spielen. Die Sprüche von Islamisten und von Rechten und Extremlinken ähneln sich ja verdammt – das schwappt alles ineinander über. Du weißt zum Teil gar nicht mehr, wer ist jetzt der Konservative, der Linke, der Rechte? Gruselig.

Klingt da am Stammtisch die Gesellschaftskritik von euch durch?
GK: Auf unsere Art. Wir haben nie diesen politischen, diesen kabarettistischen Zeigefinger.

HN: Matthias Beltz hat mal gesagt, wir wären die schwimmende Grenze zwischen Comedy und Kabarett und auf unsere eigene Art manchmal viel politischer.

GK: Du musst nicht mal die Namen erwähnen. Dobrindt, Merkel. Das spiegelt sich alles in den Leuten wider. So ein Typ wie der Gauland spiegelt sich doch in der Kneipe in jedem zweiten Depp. Frauke Petry findest du in der spießigen Nachbarin. Ist doch alles da.

Ein Blick zurück: Wer in den Badesalz-Annalen wühlt, erfährt: Erster Auftritt am Heiligabend 1982 im Sinkkasten.
GK: Genau. Da spielten Ernie And The Steamers, und wir sollten in der Pause was machen.

HN: Wir haben „Der Weihnachtsmann und seine Frau“ gespielt.

GK: Das war der Startschuss.

Erst mal nur ein einziges Stück?
GK: Fünf Minuten. Eine Nummer.

HN: Ich war dem Weihnachtsmann seine Frau und hab gemeckert. Danach haben wir dann „Super Dong Dong“ entwickelt.

Euer erstes Programm, das ihr sieben Jahre lang gespielt habt.
HN: Damals kamen unheimlich viele Musiker, die wollten wissen, was wir da eigentlich machen. Es gab ja den Begriff Comedy nicht und auch nichts Vergleichbares.

Hattet ihr das Gefühl, da ist ein Vakuum, da kann man was machen?
GK: Wir wollten, dass es englischer und nicht so spießig ist. Wir haben auch viel improvisiert – dass die das überhaupt im Fernsehen gezeigt haben! Wie ich zum Beispiel vor der Schaufensterpuppe grad die Hose hochziehe!

HN: Wobei man einhakend sagen muss: Friedrich Nowottny war damals ARD-Chef und schrieb daraufhin dem HR, er möchte doch das Experiment Badesalz beenden.

GK: Beenden! Den hätte ich gern, den Brief.

HN: Den hätte ich auch gern.

GK: Nowottny. Der wollte, dass wir verboten werden.

HN: Ist doch geil. Im Nachhinein ist das doch geil.

Gerd, du hattest ja mit deiner Band Flatsch auch schon vorher Späße auf der Bühne gemacht. Sollte sich Badesalz davon unterscheiden?
GK: Das ging ineinander über. Ich hab gesagt, diese Flatsch-Ebene, kurz ein paar Sketche, zweimal geprobt, das würde ich mit Henni gern konsequenter machen. Wir haben uns ja einen Scheiß geschert. Wir haben mit Flatsch jeden Mist gemacht. Ich hab vor 2000 Leuten im Festzelt einen kleinen Maikäfer aufgezogen. Der Sepp’l …

Sepp’l Niemeyer, der Flatsch-Schlagzeuger.
GK: … hat das angekündigt als Riesen-Zirkusattraktion: Da kommt der Gerd und macht eine Dressur – seid ihr heiß? Jaaaaa! Und dann hab ich den Spielzeug-Maikäfer in meinen Mund laufen lassen – und die Leute sind ausgerastet, weißte?

HN: (lacht sich kaputt)

GK: Was ein Scheiß, aber die Leute haben das gemocht, dass eine Band einfach mal was anderes probiert hat. Das war so schön anarchisch.

HN: Ich hab Flatsch das erste Mal gesehen im Treffpunkt in Neu-Isenburg. Ich hatte vorher einen Rundschau-Artikel gelesen, einen Batschkapp-Konzertbericht, und war neugierig. Wir waren ja mit den Rodgau Monotones ein bisschen die Platzhirsche, und dann kam da eine neue Band, die ein großes Foto und einen Riesenartikel in der Zeitung hatte. Ich ging also hin und war total fasziniert. Ich hab so viel gelacht, ich mochte auch die Musik, das war so energetisch. Dann haben wir zum Glück Doppelkonzerte gegeben mit den beiden Bands und uns so kennengelernt, der Gerd und ich.

War das damals leichter, ein Publikum zu begeistern mit einer Bühnenshow?
GK: Auf jeden Fall. Es gab ja kein Internet, kein Youtube, Streaming, Netflix, die Leute sind zu Tausenden abends weggegangen. Wir haben Konzerte gegeben, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, da würden Bands jetzt weinen, wenn sie das hören. Du spielst auf irgendeinem Scheißkaff, es kommen 1200 Leute an einem Dienstagabend. Vom Bürgermeister bis zur Feuerwehr, vom Punk …

HN: … bis zum Rocker …

GK: … alles da! Aber komplett gemischt! Da standen vorne Rastalocken, hinten der Bomberjackentyp, Hippies mit solchen Matten, unfassbar.

HN: Ich weiß noch, wie wir mit Badesalz das zweite Mal im Sinkkasten gespielt haben, und der Rudi kam, der Geschäftsführer: Ich muss euch was zeigen. Der macht ein Fenster auf, und da steht unten eine Schlange, die verschwindet hinten irgendwo auf der Zeil. Sagt der: Die wollen alle zu euch, aber die können wir gar nicht alle reinlassen. Ich sach nur: Mach schnell zu!

GK: Hahahaha!

HN: Dasselbe hatten wir später im Mousonturm. Macht der Dieter Buroch das Fenster auf, zeigt uns die Schlange – einmal um den Block rum. Das wäre heute in Zeiten von Online-Tickets sowieso nicht mehr denkbar, aber das vergisst du nie.

 

Eine neue Badesalz-CD – das war ja früher das Ding überhaupt. Wie ist das heute?
GK: Das haste heute natürlich nicht mehr so in dem Maß.

HN: Aber live: Die „Dö Chefs“-Tour war die dritterfolgreichste, die wir je gespielt haben, mit den meisten Zusatzvorstellungen.

Euer Programm seit 2014, zu dem jetzt die DVD erscheint.
HN: Wir mussten noch nie so oft wiederholen, allein im Staatstheater Darmstadt haben wir sechs Mal gespielt – da passen 1200 Leute rein.

Und jetzt die CD, nach so vielen Jahren wieder, was hat euch bewogen?
HN: Wir haben ja ein eigenes kleines Label, ich liebe es einfach, wenn wir uns hinsetzen und den Scheiß aufnehmen, es wird viel gelacht im Studio. Was damit jetzt passiert, ob die Leute überhaupt noch da sind, die früher so viele Platten gekauft haben – keine Ahnung.

Richie, Headbanger und Anita sind ja auch wieder dabei. Die Rocker mit der sanften Geburt.
HN: Aber anders – Anita lebt jetzt. Die Anita, die wir erfunden haben vor 20 Jahren, die ruft jetzt real bei uns an, auf dem Anrufbeantworter. Die gibt’s jetzt quasi wirklich.

HN: Wir haben gesagt, Richie und Headbanger, okay, so eine Hommage, dass die jetzt einen Treppenlift brauchen, mit dem Benzinmotor von der Harley angetrieben.

Als ihr die ersten CDs gemacht habt, konnte man damit noch Geld verdienen, oder?
GK: Das ist richtig.

HN: Die allererste Schallplatte war bei Sony. Der Chef dort hatte uns live gesehen und gesagt: Ich will was mit euch machen. Wir haben gesagt, wir können doch nicht das „Super Dong Dong“ auf ’ner Schallplatte veröffentlichen, das bringt doch nix. Sagt er: Ihr könnt machen, was ihr wollt.

Ein Freibrief?
HN: Sozusagen. Wir haben Mini-Sketche und Musik mit dem Diktiergerät aufgenommen, dem Sony-Mann vorgespielt. Ja, macht das, sagt er, ich traue euch 5000 zu. Ich dachte, eher weniger, aber der Gerd sagte: Ich glaub, wir können sogar 10 000 verkaufen. Es sind dann insgesamt 1,3 Millionen bei Sony geworden, mit allem zusammen. Bei der zweiten, „Nicht ohne meinen Pappa“, erschienen plötzlich an einem Dienstagabend die Sony-Leute beim Auftritt in Dörnigheim. Da waren wir in die Charts gekommen – als erste Sprachplatte nach Otto.

GK: Das ist eine Ewigkeit her – und jetzt sind wir auch wieder die Ersten, die eine Platte machen.

HN: Damals waren wir 14 Jahre nach Otto die Ersten, jetzt sind wir 14 Jahre nach Badesalz die Ersten.

Was hat sich bei euch in den vergangenen 14 Jahren verändert?
GK: Verändert?

Ja. Hat sich zum Beispiel ... euer Lieblingsessen geändert?
GK: Essen? Also bei mir ja – ich bin Vegetarier inzwischen.

HN: Mein Essverhalten hat sich null verändert. Ich esse immer noch Pizza Margherita mit Tabasco, da kannste mich nachts wecken, das ist das Allerbeste, was es gibt.

Haarfarbe? Gesichtsbehaarung?
GK: Meine Haarfarbe ist geblieben.

HN: Hahaha, kann ich bestätigen!

GK: Bart wird mal länger, mal kürzer. Jetzt ist er grad wieder kürzer.

HN: Als wir auf Gomera waren, kommt der Gerd am Strand zu mir, tippt mir auf den Hinterkopf und sagt: Du musst auch deine Stelle eincremen. Ich wusste nix von meiner Stelle! Das war der schlimmste Moment meines Lebens. Was denn für ’ne Stelle?! Sagt er: Ja, du hast da oben ’ne Stelle. Man guckt da ja nie hin! Der Tag war gelaufen.

Verständlich. Und politisch so? Nach eurer bis dato letzten CD kam ja die CDU an die Macht.
GK: Die was?

Die CDU. Das war ja 2004, und 2005 übernahm Frau Merkel. CD – CDU. Geht ihr davon aus, dass sich nach eurer nächsten CD wieder politisch was ändert im Land?
GK: Tja, nur was? Ich bin etwas ratlos zurzeit. Ich finde ein paar Leute von den Grünen ganz gut, diesen Habeck zum Beispiel finde ich intelligent, aber mir fehlt was Neues, sowas, wie die Grünen am Anfang waren. Sowas fände ich klasse.

HN: Der Generation meiner Kinder geht das so am Arsch vorbei, das kannste dir überhaupt nicht vorstellen. Das juckt die null. Die finden alle die AfD scheiße, das schon.

Was hat sich noch verändert in den 14 Jahren? Der Fußballverein?
HN: Nein. Die Eintracht ist seit meiner Kindheit in der DNA drin. Brauch ich dir nix zu erzählen.

Interview: Thomas Stillbauer

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