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Entlastung: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Messer als „Mitläufer“ eingestuft.
Frankfurt
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Lounge des Anstoßes

Von Danijel Majic
08:42

Wer den „Diskursraum“ am Campus Riedberg sucht, muss fragen. Kein Schild weist den Weg. Der kleine schummrige Gang, der zur „Adolf-Messer-Stiftungs-Lounge“ führt, zweigt unvermittelt vom Foyer des Gebäudekomplexes der chemischen Institute ab. Leere Plakatkästen hängen an einer Wand wie ein halbes Spalier. Man würde hier eher einen Technik- oder Abstellraum vermuten. Auch im Innern herrscht Nüchternheit vor. Weiße Wände, grauer Boden, hellblaue Sitzbänke und schmucklose Tische. Einziges Zierelement: das auf die Wand gemalte Porträt des Mannes, dessen Namen die Lounge trägt: Adolf Messer.

Seit Monaten wird an der Goethe-Universität über den Namen dieses beinahe versteckten Raumes gestritten. Der Grund ziert die Wand der Lounge: Adolf Messer, in Hofheim geborener Industrieller, Gründer der nach ihm benannten Messer GmbH, die heute zur Gruppe der umsatzstärksten deutschen Chemiekonzerne gehört.

Ein in vielerlei Hinsicht typischer deutscher Industrieller. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus: 1933 wird Adolf Messer NSDAP-Mitglied. Später profitiert seine Firma von Rüstungsaufträgen des Regimes und setzt Zwangsarbeiter ein. Mindestens einen Zwangsarbeiter zeigt die Firma wegen unerlaubten Entfernens vom Arbeitsplatz an. Der Mann wird zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Adolf Messer „nur“ als Mitläufer eingestuft. Er macht bis zu seinem Tod 1954 weiter gute Geschäfte. 1978 wird ihm zu Ehren die gemeinnützige Adolf-Messer-Stiftung ins Leben gerufen.

Mit dieser Stiftung arbeitet die Goethe-Uni seit 1993 zusammen. Das Gesamtfördervolumen beträgt inzwischen mehrere Millionen Euro. 2015 fällt der Beschluss zur Einrichtung der Lounge, die den Namen der Stiftung tragen soll. Das damalige Präsidium habe bei der Raumbenennung, die NSDAP-Mitgliedschaft Messers nicht ausreichend bedacht, heißt es heute seitens der Universitätsleitung.

Eigentlich wäre es ein leichtes, die Benennung rückgängig zu machen. Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) macht sich bereits seit der Einrichtung der Lounge dafür stark. Erst im März dieses Jahres hat sich auch der Senat der Universität für eine Umbenennung ausgesprochen - einstimmig. Und die Messer-Stiftung selbst hat bereits mehrfach erklärt, nie auf einer Benennung des Raumes bestanden zu haben. Tatsächlich entschließt sich die Universitätsleitung im Juli 2018 zu einer Umbenennung. Nun trägt der Raum den offiziellen Namen: „Adolf-Messer-Stiftungs-Lounge - Diskursraum - Wissenschaft in Geschichte und Gesellschaft“.

„Der Namenszusatz ist an Absurdheit kaum zu überbieten“, erklärte seinerzeit Ben Seel, Senatsmitglied für die Grüne Hochschulgruppe. „Für einen ernsthaften Diskurs über Wissenschaft, Geschichte und Gesellschaft ist das Festhalten an der Raumbenennung nach einem NSDAP-Mitglied nicht förderlich, sondern schädlich.“ Von „historischer Ignoranz“ spricht auch Newal Yalcin, Mitglied der Senatskommission, deren Empfehlung Grundlage für das spätere Umbenennungsvotum des Senats war. Das Präsidium verkaufe die Ehrung eines NSDAP-Mitglieds „als aufklärerische Tat“.

Tatsächlich erklärt das Präsidium auf FR-Anfrage umständlich, dass der Raumname das grundsätzlich Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft widerspiegeln soll. „Es geht also um Diskurs, nicht um Tilgung.“ Den Vorwurf, Geschichte tilgen zu wollen, empfinden die Kritiker indes als unverschämt.

Im Raum steht der Vorwurf, dass die Stiftungsuniversität - die auf ständige Förderung von außen angewiesen ist – Angst vor einer abschreckenden Außenwirkung auf potenzielle Förderer hat. Es sei zu bedenken, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme des Präsidiums auf eine FR-Anfrage, „dass der Vorwurf der NS-Vergangenheit auf eine große Zahl weiterer deutscher Unternehmen und Stiftungen zutrifft, die heute als zum Teil gemeinnützige Förderer und Geldgeber in Gesellschaft und Wissenschaft wirken.“

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