© Christoph Boeckheler, FR
Ausverkaufte Hütte, wie man in Fußballkreisen sagt: die Kinder-Uni am Dienstag, hochmotivierte Studierende.
Kinder-Uni in Frankfurt
Frankfurt

Eintracht-Sprechchöre im Audimax

Von Thomas Stillbauer
09:10

Stadionatmosphäre im Audimax, der größten Arena auf dem Campus Westend: Es ist wieder Kinder-Uni, zwölf Vorlesungen bis Freitag. Aus allen Himmelsrichtungen strömen die jungen Athleten heran. Thema zum Saisonstart am Dienstagmorgen: Fußball. Ganz klar: Das wird eine hochintensive Partie. 

Die Franckeschule aus Bockenheim hatte es nicht weit, weder räumlich noch inhaltlich. „Fußball spielt in der Gruppe eine große Rolle“, sagt Gabriele Back-Ahnert, die Klassenlehrerin der 4d, „das ist etwas, das die Kinder tagtäglich berührt.“ Und zwar nicht nur die Jungen. „Wer von euch spielt in der Mädchenmannschaft?“, fragt die Lehrerin. Die Finger schnellen in die Höhe. Allein sechs Beinahe-Profi-Kickerinnen. Hut ab. Die Erwartung: „Die Kinder sollen folgen können, sich mit den Gegebenheiten in der Uni vertraut machen, und ich erhoffe mir einen kleinen Erkenntnisgewinn“, sagt Back-Ahnert. Wie sind die Sympathien in der Klasse verteilt? „Ich denke, das Herz schlägt für die Eintracht.“

Dann genug der Vorberichterstattung – hinein ins Vergnügen, rein in den Hörsaal. Brodelnde Stimmung unter den mehr als 1000 Zuschauern im Alter zwischen acht und zwölf. „Da sind ja wir!“, rufen sie, als sie bemerken, dass die Kamera sie gerade auf die großen Leinwände überträgt, „ich seh’ dich!“ Kinder-Uni-Organisatorin Anke Sauter begrüßt die kleinen Studierenden und sorgt für den ersten Jubelsturm, als sie ankündigt: Freikarten zu gewinnen – fürs Eintracht-Museum!

Obligatorisch: das Applaustraining. In der Uni wird ja nicht geklatscht, in der Uni wird mit den Knöcheln auf den Tisch geklopft. Das funktioniert schon ganz gut – nur nicht bei der Klasse, die zehn Minuten zu spät gekommen ist. Die prügelt auf die Tische ein. Na ja. Aufsteiger wahrscheinlich. 

Ganz unten am Pult stehen zwei Leute. Sind das Schiedsrichter? Nein. „Ich bin der Robert, das ist die Bettina“, sagt der Robert, und dass sie Sportsoziologin und Sportsoziologe sind. Das heißt, sie untersuchen, welche Bedeutung der Sport in der Gesellschaft hat. Aufschluss darüber gibt der Filmausschnitt, den Robert Gugutzer anschließend startet. Da läuft André Schürrle mit dem Ball, flankt, in der Mitte ist Mario Götze, ein Mann schreit „Mach ihn! Er macht ihn!“, und Deutschland ist so gut wie Weltmeister. Riesen-Weltmeisterjubel im Hörsaal. „Ein Traum für 80 Millionen Deutsche kann in sieben Minuten wahr sein“, sagt der Reporter. 

Das ist interessant für Sportsoziologen, erfahren die Kinder. Beim Quiz liegen sie richtig damit, wie viele Menschen in Deutschland das WM-Finale 2014 gesehen haben (mehr als 30 Millionen), verschätzen sich aber leicht bei der Frage, wie viele weltweit zuschauten: zehn Milliarden? Nee, da hätten schon noch ein paar Leute vom Mars und vom Melmak mitgucken müssen. 
Studieren?

Nö. Na, vielleicht

Eine besonders weite Anreise hatten die Kinder der Regenbogenschule aus Freigericht-Bernbach. Um 7 Uhr morgens machten sie sich auf den Weg, wie Lehrerin Silke Herzig berichtet. „Ich bin schon zum vierten Mal mit einer Klasse dabei“, sagt sie, das bereitet den Schülern so viel Spaß, da lohnt sich auch der weite Weg. Adrian, 10, hat sogar heute Geburtstag und ist wie Julian, 11, Noel und Lukas, beide 8, sehr fußballbegeistert. „Wir sind im Verein!“, kräht Noel, beim SV Altenmittlau-Bernbach. Ob sie später mal studieren wollen? „Nö. Na, vielleicht.“ Und die Lieblingsfußballvereine? Bayern und Dortmund haben in Bernbach offenbar die Nase vorn. Nicht die Eintracht? Da gucken die vier mitleidig. „Doooch. Ein bisschen.“ 

Im Verlauf der ersten Halbzeit, die sich mit der Herkunft des Fußballs befasst, lernen die Schüler, dass englische Gentlemen die barbarische Sportart zivilisierten und mit Regeln versahen. Eine Maßnahme, die der ersten Kinder-Uni-Vorlesung auch nicht geschadet hätte – immer lauter wird es auf den Rängen, besonders auf linksaußen, obwohl der Robert spannende Fußballbücher des 19. Jahrhunderts wie „Fusslümmelei. Über Stauchballspiel und die englische Krankheit“ vorstellt.
Kinder und Konzentration im 21. Jahrhundert – schwierig, zeigt die Vorlesung. Das mag aber am Thema liegen. Höhepunkte der zweiten Halbzeit: Bettina Bredereck dirigiert eine tolle La Ola in den Saal, anschließend das Grauen in Kindergesichter („Im Fußball war früher eine Schweineblase drin“ – „Iiiiiiiiih!), und sie sorgt für unbeschreiblichen Jubel mit der Frage: „Ihr kennt doch alle Eintracht Frankfurt?“ 

Professor Robert zwei Minuten später: „Ich als Bayern-Fan …“ – „Buuuuuuuh!“ Als er Fotos vom Pokaltriumph der Eintracht und Gacinovics Lauf zum 3:1 zeigt, traut sich ein Mädchen, das Mikrofon zu nehmen und zu fragen: „Zeigen Sie uns auch die Szene?“ – „Welche?“ – „Von der Eintracht.“ – „Nein. Ich bin Bayern-Fan.“ Buh. 

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