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Studium und Ausbildung
Frankfurt

Lieber Tischler als Geowissenschaftler

Von Marie-Sophie Adeoso
11:05

Eines Tages, als David Jork auf einer Exkursion mit seinem Geologen-Hammer durchs Erzgebirge zog, da machte es klick: „Ich habe gemerkt, dass Praxis und Theorie zusammen einfach viel besser sind.“ Und dass ihm die Praxis in seinem sonstigen Studium der Geowissenschaften zu kurz kam. Heute studiert David Jork nicht mehr.

Nach vier Semestern hat der 22-Jährige sein Studium an der Goethe-Universität abgebrochen und eine Tischler-Ausbildung begonnen. „Der Wechsel war super. Der Umgang mit natürlichen Rohstoffen hat mir schon immer Spaß gemacht und ich genieße es, auch körperlich gefordert zu sein und nicht mehr nur herumzusitzen.“

Bei seiner Entscheidung geholfen hat Jork ein neues Beratungsangebot von Goethe-Universität und Handwerkskammer. Das Projekt „yourPush“ soll junge Menschen, die an ihrem Studium zweifeln, ermutigen, eine duale Ausbildung aufzunehmen. Berater der Handwerkskammer arbeiten dafür mit dem Studienservicecenter der Uni zusammen, informieren über Ausbildungsberufe und vermitteln bei Bedarf zunächst Praktikums- und dann auch Ausbildungsstellen.

In der dreijährigen Gründungsphase des Projekts konnten auf diese Weise rund 50 Studierende wie David Jork in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt werden, zieht Handwerkskammerpräsident Bernd Ehinger Bilanz. In der nun angelaufenen zweiten Projektphase strebe man bis Ende 2019 die Vermittlung weiterer 80 Ausbildungsplätze an.

„Es geht nicht darum, eine Konkurrenz zwischen akademischer und dualer Ausbildung aufzumachen“, betonte Ehinger. „Aber es gibt eine ganze Reihe junger Leute, die ein Studium anfangen, obwohl sie in der Wirtschaft, in einem Handwerks-, Industrie- oder Handelsberuf eigentlich besser aufgehoben wären.“

In einer Zeit, da rund 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler die weiterführenden Schulen mit dem Abitur verließen, zögen aber viele eine duale Ausbildung nicht mehr in Betracht. Das sei vor allem „ein Kopfproblem“, so Ehinger, auch bei manchen Eltern, die stolz von ihrem Kind erzählten, wenn es ein Jurastudium aufnehme, nicht aber, wenn es sich für eine Malerausbildung entscheide – obwohl ein Meistertitel einem Bachelorabschluss gleichgestellt sei.

Goethe-Unipräsidentin Birgitta Wolff, die vor ihrer akademischen Laufbahn zunächst eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert hatte, beklagte, es habe zuletzt eine „rhetorische Fehlentwicklung“ gegeben, die „ganze Bildungsgänge diskreditiert und diskriminiert“. Konkret stoße sie sich daran, dass von Bildungsabsteigern gesprochen werde, sobald ein Kind aus Akademikerfamilien sich für eine duale Berufsausbildung entscheide. Dabei sei es noch nicht einmal zwingend so, dass Akademikerinnen und Akademiker am Ende mehr Geld verdienten. Das gemeinsame Unterfangen mit der Handwerkskammer solle es jenen, die an ihrer Studienentscheidung zweifeln, einfacher machen, sich umzuorientieren. „Ein Wechsel ist völlig legitim und kein Zeichen einer Niederlage“, betonte Wolff.

Mehr Infos und Kontakt zum Projekt auf www.yourpush.de und unter der Telefonnummer 069 / 971 721 17. Die offene Beratungsstunde auf dem Campus Westend (PEG-Gebäude Raum 1.G014) ist jeden Freitag von 9 bis 12 Uhr.

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