© Renate Hoyer, FR
Links: Markt 15, das Rote Haus, daneben das Neue Rote Haus am Hühnermarkt.
Die Altstadt-Rekonstruktionen
Frankfurt

Rotes Haus: Im Schatten des berühmten Nachbarn

Von Nele Eisbrenner
11:01

Dieser Kandidat hat bereits für viel Verwirrung gesorgt. Betrachter suchen verzweifelt nach etwas Rotem an dem Haus am Markt 15. Aber nein, das Rote Haus ist weiß. Nebendran steht das Neue Rote Haus und prahlt mit einem satten Rot wie Ochsenblut. Das Rote Haus sieht aus als hätte es sich heimlich zwischen seine Nachbarn gequetscht, um sich dann breit zu machen. Schlicht und schmucklos steht es da. Nur die Fenster des Hauses lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei ist seine Geschichte nicht ohne Bedeutung.

Erbaut wurde es ursprünglich Anfang des 14. Jahrhunderts. Einige Jahrzehnte später wurde das Neue Rote Haus daran angebaut. Da dieses kein Erdgeschoss besaß, musste der Zugang über das benachbarte Gebäude gelegt werden. Über eine Treppe gelangt man vom Roten Haus in das erste Obergeschoss des Neuen Roten Hauses. Es wird gerätselt, ob der Besitzer sich diese Rechte erkaufte oder ob es eine Absprache zwischen beiden Hausbesitzern gab. Wenn das rote Eckhaus, so wie alle anderen Häuser, ein steinernes Erdgeschoss gehabt hätte, wäre der Durchgang zur Einkaufsgasse Tuchgaden blockiert gewesen.

Zudem war die Stadtplanung zu der Zeit durchaus an einem funktionierenden Gemeinwesen interessiert und die wachsende Bevölkerung auf Wohnraum in Stadtnähe angewiesen. Der Zutritt zur Metzger-Innung musste also über das Nachbarhaus erfolgen. Das Rote Haus war demnach nicht nur Namensvetter des berühmteren Neuen Roten Hauses, sondern verhalf diesem indirekt zu seiner Popularität. 

1877 zog eine Metzgerei ins Erdgeschoss des Hauses am Markt 15 ein, knapp 60 Jahre später ein Schumacher. In den überlieferten Quellen ist nicht nachvollziehbar welche Farben das Haus hatte. Über die Jahrhunderte wurde es, verbunden mit einem Besitzerwechsel, oft umgebaut. Möglicherweise war es einst ebenfalls rot und wurde dann umgestrichen. Das würde erklären, wieso es ebenfalls die Farbe Rot im Namen trägt. 

Trotz einer Vielzahl von Quellen wie alte Fotografien und Zeichnungen, wurde über die Rekonstruktion des älteren Roten Hauses lange diskutiert. Der Magistrat der Stadt Frankfurt stellte die Bedingung auf, dass es einen Käufer geben muss, der die Kosten des Wiederaufbaus übernimmt. Neuer Besitzer ist Steffen Fries von der Metzgerei Dey, die im Erdgeschoss eine Filiale eröffnen wird. So spiegelt sich die historische Verwandtschaft der beiden Roten Häuser auch in der neuen Altstadt wieder. Um beide zu unterscheiden erhielt das Rote Haus einen weißen Anstrich. 

Architektonisch gibt es am Original wie an der Rekonstruktion ein paar Besonderheiten. Das aus der Gotik stammende Fachwerkhaus besitzt ein steinernes Erdgeschoss, geschmückt mit drei geschwungenen Vorsprüngen, sogenannten Konsolen. Das Erdgeschoss ist vom Grundriss kleiner als die auskragenden oberen Stockwerke, was für das Mittelalter eine typische Bauweise war. Das Dachgeschoss ist komplett mit Schiefer verkleidet. An der Spitze des Giebeldaches befindet sich eine „Frankfurter Nase“, eine kleine Ausbuchtung, kennzeichnend für gotische Profanbauten. Die drei Obergeschosse sind verputzt. Diese Merkmale teilt das weiß verkleidete Haus mit seinem auffälligen, knallroten Nachbarn. 

Das Rote Haus hat sechseinhalb schmale, dicht aneinander gereihte Sprossenfenster. Im Mittelalter war es nicht möglich, größere Fensterscheiben herzustellen, diese Errungenschaft kam erst mit der Industrialisierung. Auf diese Weise fällt viel Licht in den Innenbereich des Roten Hauses, obwohl es an Ost- und Westseite keine Fenster hat. Geschickt platziert und ausgestattet, scheint es den Trubel des Hühnermarkts aufmerksam zu beobachten.

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