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„Welcome to Frankfurt“: Hunderte Helfer spenden Anfang September 2015 Wasser und Lebensmittel für die am Bahnhof eintreffenden Flüchtlinge.
Flüchtlinge
Frankfurt

Euphorie ist verpufft, die Hilfsbereitschaft bleibt groß

Von Monika Remé
14:02

Am Ende war Nasir Amiri zu müde zum Tanzen. Die Stände des Rottweiler Straßenfestes im Gutleutviertel baute er noch mit ab, dann ließ er die Gäste alleine unter den Kastanien weiterfeiern. Stundenlang hatte Amiri den Stand des Gude-Leut’-Nachbarschaftsvereins betreut. „Es freut mich zu helfen“, sagt er.

Im Spätsommer 2015 verteilten Hunderte Frankfurter am Bahnhof Essen und Decken an Flüchtlinge. Die Stadt machte Turnhallen und Hotels zu Notunterkünften, soziale Träger sprangen ein. In vielen Stadtteilen bildeten sich Initiativen, die Deutschkurse und Orientierungshilfen anboten. Das Chaos war groß, die Euphorie ebenso – bei den Flüchtlingen, weil sie angekommen waren, und bei den Helfern, weil sie etwas Neues schufen, das später als Willkommenskultur bezeichnet und gefeiert wurde. 

Viele wollen Flüchtlinge immer noch unterstützen 

Im Spätsommer 2018 ist die Anfangseuphorie verpufft. Für Flüchtlinge geht es jetzt um komplexere Themen. Wenn sie nicht um ihren Aufenthaltsstatus bangen, müssen sie Prüfungen schaffen, wollen Geld verdienen, eine Wohnung finden, hier ankommen. Auch die Unterstützung hat sich verändert. Doch die Bereitschaft, Menschen beim Ankommen zu begleiten, ist weiterhin groß. 

„Eigentlich könnten wir uns in Nasir-Unterstützerkreis umbenennen“, sagt Miriam Kapinus und lacht. Mit zwei weiteren Mitstreiterinnen aus dem Gude-Leut’-Verein rief die Psychologin 2015 einen wöchentlichen Kochabend für Geflüchtete in ihrem Viertel ins Leben. „Das war damals irgendwie in“, erinnert sie sich. Aus dem Kochabend wurde ein offener Deutschtreff, den jetzt noch ein bis drei Personen pro Woche besuchen. Nasir Amiri war von Anfang an dabei. Inzwischen sind sie Freunde geworden. Laut der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement der Stadt Frankfurt bieten insgesamt mehr als 70 Initiativen ehrenamtliche Unterstützung für Flüchtlinge an. Auch wenn der Hype vorüber ist, melden sich zum Beispiel bei der AWO-Ehrenamtsagentur jede Woche eine Handvoll neuer Interessenten. „Wir sind begeistert davon, dass so viele Leute noch immer dabei sind“, sagt Katrin Wenzel, die Pressesprecherin der Stabsstelle. „Leider bleiben solche positiven Nachrichten oft unerwähnt.“

In einigen Bereichen gebe es sogar ein Überangebot, weiß Stephanie Horn. Sie ist Ehrenamtskoordinatorin beim Evangelischen Verein für Wohnraumhilfe, der 17 Übergangsunterkünfte unterhält und weitere Hotels und Wohnheime für Geflüchtete betreut. Horn ermittelt, was die Bewohner brauchen, und begleitet ehrenamtliches Engagement.

Wenn beispielsweise ehrenamtliche Deutschkurse in den Unterkünften leerbleiben, versucht sie die Aktiven zu beraten, sich die Situation der Menschen genauer anzusehen. Deutsch lernen ist zwar weiterhin eine große Baustelle, aber die Flüchtlinge wissen, dass sie Zertifikate in offiziellen Kursen erwerben müssen, um Ausbildung oder Arbeit zu finden. Sprachcafés oder offene Treffs, in denen sie Deutsch üben, sich Unterstützung für bevorstehende Prüfungen suchen und außerhalb der Unterkünfte mit Menschen in Kontakt kommen, sind oft die bessere Alternative.

Wenn Angebote auslaufen, weil die Nachfrage ausbleibt, vermittelt Horn Freiwillige in Tandemprogramme. Dafür sucht sie ständig neue Ehrenamtliche, die ihre Partner bei Arbeits- und Wohnungssuche, bei Behördengängen oder weiteren Anliegen im Alltag unterstützen. „Am Anfang ging es einfach um Existenzielles. Jetzt geht es um Autonomie“, erklärt Horn, und da gelte: „Je individueller die Unterstützung, desto besser.“

Das haben auch die öffentlichen und sozialen Träger in Frankfurt erkannt. Conrad Skerutsch leitet die gemeinnützige Gesellschaft für das Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP). Er möchte nicht frustriert klingen, aber wenn er sagt, dass er vieles inzwischen realistischer sehe, klingt es doch ein bisschen so. Nur etwa 15 Prozent der Menschen, die 2015 nach Frankfurt kamen und in einem Alter sind, das für den Arbeitsmarkt interessant ist, hätten inzwischen Arbeit oder Ausbildung gefunden, schätzt er. Das hatte er sich anders vorgestellt, als ihm Unternehmen vor drei Jahren die Türen einrannten.

Jobs: „nicht alles funktioniert“ 

„Beim Thema Arbeitsmarkt haben wir viel ausprobiert, nicht alles hat funktioniert“, sagt Katrin Wenzel selbstkritisch. Sie meint zum Beispiel ein Programm, das die Handwerkskammer angeboten hat. Flüchtlinge sollten vier Praktika in verschiedenen Bereichen absolvieren und erhielten dazu eine Sprachförderung. „In unseren Ohren klingt das super.“ Doch Menschen, die beispielsweise im Heimatland Bäcker waren, verstanden nicht, warum sie ein paar Monate als Maler arbeiten sollten. 

Verständnis für den deutschen Arbeitsmarkt, Bildung und Sprache sind die großen Hürden, die Conrad Skerutsch bei vielen ausmacht, die keinen akademischen Hintergrund haben. Das FRAP testet jetzt aus, Arbeitssuchende direkt für bestimmte Berufe anzusprechen, sie inhaltlich und sprachlich gezielt dafür zu schulen und in den ersten Monaten der Arbeit zu begleiten.

Angst vor der Abschiebung 

Eigentlich sind es besonders junge Männer wie Wahid K., die Conrad Skerutsch Kopfzerbrechen bereiten. Wahid ist ein schmaler Mann mit sanfter Stimme, fast noch ein Junge. Bevor er mit 18 nach Deutschland kam, war er in Pakistan nur wenige Jahre zur Schule gegangen. In Rödelheim landete er im Deutsch- und Matheunterricht der Gruppe Begegnung. Zwei Jahre später macht er eine Ausbildung zum Installateur für Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik beim Familienbetrieb Schäfer in Sachsenhausen. Er hat dort bereits vorigen Sommer ein Praktikum absolviert und ist sicher, dass er die Arbeit gut hinbekommen wird.

„Wie lief es?“, fragt Eilika Emmerlich gespannt nach seinem ersten Tag in der Berufsschule. Sie ist Hauptinitiatorin der Gruppe und begleitet die Teilnehmer auch im Alltag. „Das ist ein guter 30-Stunden-Job geworden“, sagt sie. Die energische Rentnerin errötet leicht, als sie erzählt, dass sie für Wahid sogar zum Elternabend gegangen ist. Er ist ihr ans Herz gewachsen. Obwohl Wahid noch zögerlich deutsch spricht, macht er sich um die Schule wenig Sorgen. Wahids Arm zieren zwei große Narben, die mit seiner Flucht zu tun haben. Er will darüber nicht sprechen. Was ihn wirklich umtreibt, ist, dass er abgeschoben werden könnte.

Mehr als die Hälfte anerkannt

Mehr als die Hälfte der zirka 7300 Menschen, die Frankfurt seit 2014 aufgenommen hat, sind inzwischen als Flüchtlinge anerkannt, erklärt Katrin Wenzel von der Stabsstelle. „Für die anderen ist die Situation deutlich schwieriger.“ Yonas Fisahaye kennt das. „Es berührt mich als Mensch, zu sehen, wie traurig die Leute sind, wenn ihr Antrag auf Asyl abgelehnt wird“, erzählt Fisahaye. Mit dem Projekt „Arrival Aid“ dolmetscht und begleitet der 34-jährige Eritreer ehrenamtlich Flüchtlinge im Asylverfahren. Etwa 20 der 75 Ehrenamtlichen bei „Arrival Aid“ haben selbst Fluchthintergrund, schätzt Projektleiter Arne Trosdorf.

Auch Nasir Amiri ist hier nur noch geduldet. Die Angst vor Abschiebung und Verfolgung im Heimatland belastet ihn. Die Duldung bedeutet außerdem, dass der Afghane keine Deutschkurse bezahlt bekommt und es schwierig ist, eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Mit Unterstützung der Gruppe aus dem Gutleut hat der 27-Jährige einen Minijob als Reinigungskraft gefunden und finanziert sich auf diese Weise Deutschkurse bei der VHS. Seit mehr als zwei Jahren lebt er in der Notunterkunft im Gutleut, in der er sich nicht einmal eigenes Essen kochen kann. Einen WG-Platz bei einem Freund hätte er zwar, doch es gibt bürokratische Hürden. Für Miriam Kapinus ist das nicht nachvollziehbar. Sie versucht, Amiri in der Auseinandersetzung mit dem Sozialamt zu unterstützen.

Etwa 4800 Menschen leben weiterhin in den Frankfurter Unterkünften, 600 davon in Notunterkünften. Dass die Wohnsituation die Menschen daran hindert, hier selbstbestimmt zu leben und anzukommen, ist der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement bekannt. Anders als das bei Amiri der Fall ist, sollen sie in Notunterkünften eigentlich nur kurz bleiben, sagt Wenzel und versichert, dass die Stadt viel tue, um die Situation zu verbessern. Doch auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt ist momentan keine Lösung in Sicht.

Wohnungssuche nicht einfach 

Die Unterbringung bleibt ein großer Streitpunkt zwischen Zivilgesellschaft und Stadt. Insgesamt ist die Stimmung aber ungewöhnlich positiv. „Ich habe eine unglaubliche Bereitschaft bei Mitarbeitern verschiedener Ämter erlebt, Strategien zu finden, Geflüchteten zeitnah zu helfen“, erzählt Iris Kus vom Offenen Haus der Kulturen.

Ab und zu finden auch Ehrenamtliche eine Wohnung. Nafnat Mohammed ist so ein Fall. Erst hatte die zierliche junge Äthiopierin alleine gesucht. „In Frankfurt war das schwer“, sagt sie. Über eine deutsche Freiwillige, die zur Freundin wurde, fand Mohammed eine Wohnung im Gallus und konnte in diesem Sommer die Unterkunft in Nied verlassen.

„Wenn sich eine Gruppe überlegen würde,   eine kleine ehrenamtliche Agentur für Wohnungssuche aufzumachen, wäre das super“, sagt Stephanie Horn. Solange die Menschen noch in Unterkünften leben, wird verstärkt versucht, Angebote außerhalb zu schaffen. „Das Ziel ist immer: raus aus den Unterkünften, rein ins Viertel!“, sagt Wenzel. „Jetzt sind wir in der Phase der langfristigen Integration angekommen.“

Um die zu erreichen, gehen auch soziale Träger in Frankfurt neue Wege oder Kooperationen ein. Gert Neuwirth leitet das Jugendzentrum am Heideplatz in Bornheim und bietet dort „Herzensbildung“ für alle an, wie er sagt. Jugendliche können im JUZ sprayen, Sport machen oder „einfach nur chillen“. Bislang wird das Angebot von Geflüchteten nur wenig angenommen. Deshalb hat er sich mit der Awo-Ehrenamtskoordination zusammengeschlossen. Nachhilfe, die die Awo vermittelt, wird am Heideplatz stattfinden. So will Neuwirth Teilnehmer für das neue interkulturelle Musikprojekt gewinnen, das junge Frankfurter und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zusammenbringen soll.

Von „Teilhabeprojekten“ spricht Ehrenamtskoordinatorin Horn in diesem Zusammenhang. Neben Tandems wünscht sie sich mehr Projekte, in denen Neuankömmlinge und Alteingesessene zusammenarbeiten. In Seckbach hat sie den Interkulturellen Garten ins Leben gerufen; Bewohner einer Übergangsunterkunft und Anwohner pflanzen, gießen und ernten dort gemeinsam. Im Gutleutviertel soll mit dem Repair Café ein solcher Ort entstehen. Auch das Sonntagscafé in Bockenheim verfolgt den Ansatz. Hinter der Theke steht heute Sybille mit Khaled. „Viele, die wir unterstützt haben, wollen einen Ausgleich schaffen“, sagt Iris Kus, die das Café mitbegründet hat. „Sie bleiben nicht ihr Leben lang Flüchtlinge. Sie sind Menschen, die irgendwann einmal hierher geflohen sind und jetzt ihr Leben hier hinkriegen.“

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