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Die ausgebrannten Verkaufsräume des Frankfurter Kaufhofs am 3. April 1968.
Frankfurt
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Kunstaktion zu Kaufhaus-Brandstiftung

Von Claus-Jürgen Göpfert
10:59

In der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 wurde die Frankfurter Feuerwehr gleich zu drei Brandherden auf der Zeil gerufen. Feuer war ausgebrochen an zwei Stellen im Kaufhof und außerdem im Kaufhaus M. Schneider. Die Experten stellten rasch fest, dass vorsätzlich Brandsätze gelegt und gezündet worden waren. Wenig später wurden Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein als Brandstifter festgenommen. Sie gaben die Tat zu – und begründeten sie unter anderem mit dem Protest gegen den Krieg der USA in Vietnam. 50 Jahre später wollen jetzt junge Frankfurter Künstler mit einer Aktion an die Geschehnisse erinnern – und eine öffentliche Diskussion provozieren.

„Burn Warehouse Burn“ heißt das Projekt, das am 5. September auf der Zeil beginnen und dort täglich bis 8. September wiederholt werden soll. Die Künstlergruppe „profikollektion“ bietet einen 45-minütigen „Audiowalk“ an. Das heißt, Interessierte können über Kopfhörer auf der Zeil eine Collage von Musik, gelesenen Zeitungstexten und Zeugenaussagen zur Kaufhausbrandstiftung hören.

Die Künstler wollen damit eine Diskussion anregen. „Wir fragen: War das damals eine politische Aktion? Oder war das eine Art von Aktionskunst?“, sagt Jan Deck, einer der beteiligten Künstler.

Deck, der auch Vorstandsmitglied des Landesverbandes Professioneller Freier Darstellender Künste Hessen ist, will „infrage stellen“, dass von der Brandstiftung 1968 „ein direkter Weg zu den Anfängen der RAF“ führte. In Deutschland gebe es „eine Tendenz, Taten immer retrospektiv zu verurteilen“, argumentiert er. In seinen Augen aber war es „nicht geplant“, dass der Weg von 1968 in den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) mündete.

Jüngste Brandserie war Anregung

Marc Behrens hat zu der Text-Collage einen elektronischen Soundtrack komponiert. Wer das hören möchte, kann sich per E-Mail unter der Adresse mail@profikollektion.de an den jeweiligen Tagen anmelden. Der Zeitraum für Aktionen reicht jeweils von 17 bis 22 Uhr.

Als „Aufhänger“ für das Projekt sieht der 46-jährige Deck die Serie von Brandstiftungen an, die seit mehr als einem Jahr Frankfurt aufrührt. Deck vermutet, dass es sich hierbei allerdings nicht um eine politisch motivierte Aktion, sondern um die Taten eines psychisch kranken Menschen geht.

Zerstört wurden durch die Feuer unter anderem der Goetheturm in Sachsenhausen, die Pavillons in Bethmann- und Grüneburgpark sowie eine Kindertagesstätte am Dornbusch.

Bisher sind der oder die Täter in allen Fällen unbekannt, ob die Polizei eine vielversprechende Spur verfolgt, ist offen. Die Kunstaktion „Burn Warehouse Burn“ auf der Zeil wird von der Stadt Frankfurt und vom Musikfonds e.V. gefördert. Aus dem Etat des städtischen Kulturamtes wird eine Projektförderung von 8000 Euro bezahlt. Das bestätigte Jana Kremin, die Sprecherin von Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. Kremin sagte, der Theaterbeirat der Stadt Frankfurt habe die öffentliche Förderung empfohlen.

Bei Historikern umstritten

Unter Historikern gilt als unumstritten, dass die Kaufhaus-Brandstiftung von 1968 zumindest für eine Reihe von Personen der Anlass war, sich zu radikalisieren, in den Untergrund zu gehen und sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Gudrun Ensslin, die später zur ersten Generation der RAF gehörte, hatte die Brandstiftungen seinerzeit als Mittel bezeichnet, um die Bevölkerung aufzurütteln und aus ihrer passiven Konsumhaltung herauszuholen.

In der linken Szene lösten die Brandstiftungen eine vehemente Diskussion darüber aus, welche Mittel im Kampf gegen das kapitalistische System und den Krieg der USA in Vietnam erlaubt waren. So hatte sich etwa Studentenführer Daniel Cohn-Bendit beim Prozess gegen die Kaufhaus-Brandstifter am 14. Oktober 1968 zunächst mit ihnen öffentlich solidarisiert. „Sie gehören zu uns“, sagte er gegenüber Journalisten im Gerichtsaal.

Später distanzierte sich Cohn-Bendit von dieser Aussage. Er habe damals die wahre Gewaltbereitschaft der späteren RAF-Terroristen falsch eingeschätzt, sagte er.

Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hatte sich 1968 sofort in einer schriftlichen Erklärung gegen die Brandstiftungen ausgesprochen und sie als „Irrweg der Gewalt“ verurteilt. Neben Gudrun Ensslin gehörte auch Andreas Baader wenige Jahre nach 1968 der ersten Generation der RAF an.

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