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Bisher durften nur wenige Menschen ins Innere gucken. Monika Müller
Frankfurt
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Offene Rosinenbomber

Von Clemens Dörrenberg
07:04

Eng und stickig ist es in dem Cockpit der „Douglas DC 47 Dakota“, Baujahr 1944, die auf dem Gelände des Frankfurter Luftbrückendenkmals steht. Nichts für Menschen mit Platzangst. Die Sonne, die am Sonntag kontinuierlich auf die blecherne Außenhaut scheint, hat das innere Gerippe des Flugzeugs aufgeheizt. Liebhaber und Geschichtsinteressierte lassen sich diese exklusive Erfahrung von solchen Randerscheinungen kaum vermiesen.

Zum bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ gewährt der Verein „Luftbrücke Frankfurt – Berlin“ in Zusammenarbeit mit der Flughafenbetreibergesellschaft Fraport erstmals einer breiten Öffentlichkeit Zugang zu den zwei Propellermaschinen der US-amerikanischen Streitkräfte. Besser bekannt sind die Flugzeuge als „Rosinenbomber“, die daran erinnern sollen, wie Berlin von Juni 1948 bis September 1949, nach russischer Blockade von der Außenwelt abgeschnitten, mit Lebensmitteln sowie Medizin versorgt worden ist.

Das umzäunte Denkmal, das zwischen der Autobahn 5 und dem Flughafengelände nahe Zeppelinheim liegt, ist täglich geöffnet. Die Besichtigung der Maschinen von innen blieb bislang Besuchergruppen nur nach Anmeldung bei Fraport, die die Flugzeuge auch instand hält, vorbehalten. „Norbert Kandzorra ist der Beauftragte von Fraport, der die Schlüssel für die Flugzeuge hat“, berichtet Celeste Warner Heymann vom Verein Luftbrücke Frankfurt – Berlin. Aus versicherungstechnischen Gründen müsse immer ein Beauftragter der Flughafengesellschaft bei der Besichtigung dabei sein, sagt die 78-Jährige. Daher seien die Maschinen bisher nicht regelmäßig geöffnet worden.

Über eine schmale Trittleiter am Heck des olivfarbenen Fliegers klettern Besucher am Sonntag hintereinander in das Innere und wieder heraus. Auf mehrere Hundert Menschen, darunter zahlreiche Familien, schätzt Günter Schulz, Vorstandsmitglied des Luftbrücke-Vereins, die Besucherzahl am Sonntag. Mit zwölf Frauen und Männern des 42 Mitglieder zählenden Vereins erläutert er dem Publikum an diesem Tag Geschichtliches und Technisches zu den Flugzeugen.

„Wir haben die Treppen an den Fliegern von der Autobahn aus gesehen und sind direkt abgebogen“, berichtet Besucherin Kerri Forch. Die 46-Jährige war nach einer Londonreise von ihrem Mann Mark und Sohn Kaelan vom Flughafen abgeholt worden und eigentlich auf dem Heimweg nach Buchschlag. Jetzt sitzen Vater und Sohn im Cockpit der silbergrauen Maschine des Typs Douglas DC 54, Baujahr 1945, die sie über eine moderne, fahrbare Treppe bestiegen haben. Der Vierjährige würde am liebsten sofort abheben. „Warum kann ich nicht lenken, Daddy?“, fragt er seinen Vater auf Englisch. Der erklärt ihm die Flugunfähigkeit und schaut sich mit weit geöffneten Augen die Ausstattung an. Sein Blick wandert über die zahlreichen in die Jahre gekommenen, teils verrosteten Knöpfe und Hebel. „Wow“, sagt der 47-Jährige zunächst nur in demütigem Tonfall. Besonders bemerkenswert finde er die „veraltete Technik und den Platzmangel“, berichtet Forch und ergänzt: „Es ist schon sehr eng geschnitten“. Sohn Kaelan sagt: „It’s hot“. Nicht nur dem Jungen wird es langsam zu heiß im Flieger. „Das ist kein Vergleich zu dem Cockpit, das ich gerade gesehen habe“, sagt Kerri Forch. Das kanadische Paar habe in der Schule erstmals über die Historie der Luftbrücke erfahren.

„Das waren Typen wie Cowboys“, sagt Günter Schulz. Der 78-Jährige gewährt auch einen Blick in das Heck des Fliegers, in dem die beiden Piloten ihre Notdurft in einer kleinen Toilette verrichten konnten. Dahinter sind die Seilzüge der Seiten- und Höhenruder zu sehen. Ohne Radar und nur mit Kompass hätten die Piloten die „Mühlen“ navigiert, berichtet Schulz. Geraucht wurde auch an Bord. Ein kleiner Aschenbecher im Cockpit der DC 54 zeugt davon. „Ohne Lucky Strike oder Chesterfield konnten die Kameraden nicht fliegen“, sagt Schulz.

Linus Wambach und Marvin Dümig sind als „Plane-Spotter“ (Flugzeugfotografen) ursprünglich nur zum Zaun des Flughafens gekommen, um eine seltene thailändische Regierungsmaschine abzulichten. Nun haben sie sich in den beiden historischen Rosinenbombern umgesehen. „Was ich generell geil finde, ist, dass alles ranzig wirkt, aber original belassen ist“, sagt der 18-jährige Wambach. Sein gleichaltriger Kumpel, der sich zum Fluggerätemechaniker am Flughafen ausbilden lässt, ergänzt: „Es ist beeindruckend, dass Berlin nur aus der Luft versorgt worden ist.“

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