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Iris Bergmiller-Fellmeth (links) und Elisabeth Leuschner-Gafga im Eingang zum Hochbunker.
Initiative 9. November
Frankfurt

30 Jahre Gedenkarbeit im Hochbunker

Von Hanning Voigts
18:05

Der Empfang ist freundlich, das Ambiente ist es weniger. Nackte Betonwände prägen den Eingangsbereich des alten Hochbunkers an der Friedberger Anlage. Dass draußen ein riesiges Foto und drinnen drei Ausstellungen daran erinnern, dass hier, mitten im damals jüdisch geprägten Ostend, bis zur Reichspogromnacht im November 1938 eine Synagoge stand, ist der „Initiative 9. November“ zu verdanken. Seit genau 30 Jahren kämpft die Gruppe dafür, dass im und am Bunker eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten in Frankfurt stattfindet.

Frau Bergmiller-Fellmeth, Frau Leuschner-Gafga, Ihre Initiative wurde am 9. Juni 1988 gegründet, kurz nach dem großen Streit um den Börneplatz. Hätten Sie damals gedacht, dass es sie 30 Jahre später noch geben würde?
Leuschner-Gafga : Nein. Diesen langen Atem hätte ich der Gruppe nicht zugetraut, auch angesichts der vielen Schwierigkeiten, die es von Beginn an gab.

War der Streit um den Börneplatz und die dort entdeckten Fundamente der alten Frankfurter Judengasse der Grund, sich mit Gedenkkultur zu befassen?
Leuschner-Gafga
: Nein. Aber mein sowieso großes Interesse wurde durch den Streit aktiviert, zweifellos. Gerade die gescheiterten Versuche, das Abtragen der Reste der Judengasse zu verhindern, die Entscheidung der Stadt, trotz der Bedenken das Gebäude für die Stadtwerke zu bauen, hat viele Menschen motiviert zu sagen: So etwas nicht wieder.
Bergmiller-Fellmeth : Bei mir ging die Beschäftigung mit der Thematik früh los. Noch in meiner Schulzeit in den 50er und 60er Jahren lebten wir wie in einem Kokon, über die Nazizeit ist nicht gesprochen worden. Man spürte jedoch, dass etwas nicht stimmte. Deshalb war es befreiend, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Personen und InitiativeIris Bergmiller-Fellmeth und Elisabeth Leuschner-Gafga

Iris Bergmiller-Fellmeth (68) und Elisabeth Leuschner-Gafga (68) sind im Vorstand der „Initiative 9. November“ und dem Frankfurter Verein seit vielen Jahren verbunden. Die Initiative, die neben Förderern und Unterstützern aktuell etwa 20 aktive Mitglieder hat, wurde am 9. Juni 1988 als Reaktion auf den eskalierten Streit um den Frankfurter Börneplatz gegründet.

Personen und InitiativeInitiative 9. November

Die Gruppe arbeitet seitdem mit Gedenkveranstaltungen, Zeitzeugen-Interviews, Filmen und Diskussionen die Geschichte des Hochbunkers an der Friedberger Anlage 5-6 auf. Der Luftschutzbunker wurde 1942 auf dem Grundstück der 1938 nach den Novemberpogromen abgerissenen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft errichtet. Das Gotteshaus war von 1905 bis 1907 mit privaten Spenden der Gemeindemitglieder gebaut worden. 

Personen und InitiativeNutzung des Bunkers

Nach dem Krieg wurde der Bunker unter anderem als Büchermagazin und Möbellager genutzt. 2003 konnte die Initiative erstmals das Erdgeschoss anmieten und 2004 ihre erste Dauerausstellung „Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel“ eröffnen. Derzeit zeigt die Initiative auch die Ausstellungen „Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße“ und „Jüdische Musikerinnen und Musiker in Frankfurt 1933-1945“. Die Ausstellungen sind bis zur Winterpause am 25. November jeden Sonntag von 11 bis 14 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet drei Euro. 

Personen und InitiativeWeitere Informationen

Mehr Informationen im Netz unter www.initiative-neunter-november.de han

Wie kam es damals, dass Ihre Initiative sich ausgerechnet auf den Hochbunker an der Friedberger Anlage gestürzt hat?
Leuschner-Gafga : Die Gruppe, die sich dann „Initiative 9. November“ nannte, hat den Ort bewusst gewählt. Er lag in der Nähe des Börneplatzes und war als Ort einer von den Nazis zerstörten Synagoge völlig unbekannt. Außer dem kaum beachteten Mahnmal gab es keinerlei Hinweise. Ich bin selbst noch als Studentin völlig unwissend im Bunker gewesen, der damals als Möbellager diente. Überhaupt gab es bis Ende der 80er Jahre fast nichts, was an den eliminatorischen Antisemitismus erinnerte.
Bergmiller-Fellmeth: Es war damals auch das erste Mal seit 1945, dass Juden und Nicht-Juden gemeinsam zu diesem Thema aktiv wurden. Die Lebenswelten waren bis dahin noch sehr getrennt.

Sie haben 1988 mit Gedenkfeiern begonnen und die Namen von deportierten Frankfurter Juden verlesen. Wie sah das aus?
Leuschner-Gafga
: Das fand damals hier auf dem Vorplatz statt, ganz bescheiden. In den Bunker durfte man nicht hinein, weil der gerade zum ABC-Schutzbunker ausgebaut worden war. Die Gruppe hat am Abend des 9. November mit dem Verlesen der Namen angefangen und las dann jeden Samstag weiter. Ein halbes Jahr später war man erst beim Buchstaben M angekommen und brach dann erschöpft ab.

Der Verein hat inzwischen Bücher herausgegeben, Ausstellungen erarbeitet, Filme gedreht. Sind Sie mittlerweile Profis?
Bergmiller-Fellmeth : Wir arbeiten professionell, aber ich sehe uns nicht als Profis. Wir setzen uns mit bürgerschaftlichem Engagement für den Hochbunker ein. Natürlich hat sich viel verändert, vor allem seit wir 2003 den Mietvertrag für das Erdgeschoss des Bunkers abschließen und die erste Ausstellung machen konnten. Dieser Ort wurde wieder lebendig durch Diskussionen, Lesungen, Zeitzeugen. Aber die Gruppe ist nach wie vor keine Institution, die abwägen muss, wie sie sich äußert. Wir können frei denken und alle Kontroversen austragen. Und wir sind weiter überzeugt: Es gibt keine humane Zukunft ohne Erinnern.

Wie bewerten Sie im Rückblick den Kampf um den Bunker, den die Stadt letztlich erst 2015 vom Bund gekauft hat?
Leuschner-Gafga : Der Kampf war ein äußerst wichtiger erinnerungspolitischer Prozess. Niemand von der Stadt wollte damals, dass wir den Bunker nutzen. Der Ort sollte ruhen. Die kommunale Hoheit lag bei der Feuerwehr, und die fand es eher schräg, dass wir hier erinnern wollten. Und nüchtern betrachtet ist es ja auch schräg: Wieso geht man freiwillig in so einen Bunker? Wobei sich dabei das Gefühl verändert: Durch die Zeitzeugen und die Dokumente kam etwas hinein wie Aufklärung und Würde. Mit der Stadt verhandeln wir bis heute über die notwendige Nutzung weiterer Stockwerke.

Warum braucht es für die Erinnerung die „realen“ Orte?
Bergmiller-Fellmeth : Hier ist ja alles in den dicken Wänden eingeschrieben. Jeden Besucher, der reinkommt, packt erst einmal das Grauen – und dann erfährt er etwas über das reiche jüdische Leben, dass es mal im Ostend gab.
Leuschner-Gafga : So, wie wir Menschen gestrickt sind, müssen wir die Dinge offenbar wirklich sehen und anfassen, um zu verstehen. Schüler haben 2005 hinter dem Bunker Fundamente der Synagoge ausgegraben und dabei sogar Brandreste gefunden. Unser größter Wunsch ist es, die Fundamente, anders als am Börneplatz, freizulegen und zu sichern.

Die deutsche Erinnerungskultur hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Wie bewerten Sie die staatstragenden Gedenkfeiern, die es heute gibt?
Bergmiller-Fellmeth
: 30 Jahre lang hier vor Ort kontinuierlich zu arbeiten, ist etwas ganz anderes als offizielle Gedenkfeiern. Ich finde es gut, wenn es verschiedene Formen der Erinnerung gibt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Ort lebendig zu halten und dafür zu sorgen, dass die Stadtgesellschaft sich weiter mit ihm auseinandersetzt.
Leuschner-Gafga: Die Initiativen haben die bundesweite Gedenkkultur seit den 80er Jahren nachhaltig geprägt. Man kann zwar nicht sagen, dass wir unsere Arbeit für den „Königsweg“ halten. Aber sie brachte entscheidende Impulse, die Kultur der Erinnerung im Sinne der Aufklärung zu verändern. Das darf nicht kaputtgeredet und diffamiert werden, wie das heute von bestimmten Seiten ständig versucht wird – mit ganz gezielten Tabubrüchen.

Wie stellen Sie sich die Zukunft Ihrer Arbeit vor?
Bergmiller-Fellmeth : Wir müssen vor allem zusehen, dass dieser Ort für die Menschen erhalten bleibt, in all seiner Widerspenstigkeit. Damit er ein Stachel in dieser Gesellschaft bleiben kann.
Leuschner-Gafga : Als Initiative haben wir das Problem, Menschen für unsere Sache zu gewinnen, die mitarbeiten. Der Druck im Beruf ist so groß geworden. Aber dass das Interesse erlischt, das sehe ich nicht. Gerade bei jungen Menschen können wir uns stärker auf ihre besonderen Erfahrungen und Erinnerungsmöglichkeiten beziehen. Ich erlebe oft, dass Jugendliche, deren Familien überhaupt nichts mit der deutschen Geschichte zu tun haben, sich dennoch für unser Thema interessieren; gerade wenn sie aus Ländern kommen, in denen Krieg herrscht, haben sie sofort einen Bezug.

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