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Der Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main feiert sein 10. Jubiläum. Im Interview: Geschäftsführer Helmut Müller.
Kulturfonds
Frankfurt

„Die Leute wussten nicht, ob die Statue für oder gegen Erdogan gerichtet war“

Von Claus-Jürgen Göpfert, Peter Hanack
22:18

Herr Müller, wie heißt das neue Schwerpunktthema des Kulturfonds?
Die nächsten zwei Jahre wird es um „Erzählung. Macht. Identität“ gehen. „Erzählung. Macht. Identität“ – das ist im Augenblick noch ein Arbeitstitel. Sobald wir ein Schwerpunktthema erarbeitet haben, stellen wir es unseren Projektpartnern vor, sprechen darüber und sehen, ob alle auch etwas damit anfangen können oder ob sie es völlig ablehnen. Wir versuchen bei den Schwerpunktthemen Leitplanken anzubringen, die nicht zu schmal sind, so dass jeder sich nach eigenen Vorstellungen daran beteiligen kann. Schließlich können wir ja niemanden zwingen mitzumachen.

Worum geht es Ihnen?
Die Region Rhein-Main hat keine wirkliche Idee von sich als Region. Wir laden dazu ein, eine gemeinsame Erzählung für die Region zu schaffen.

Sie arbeiten also mit kulturellen Mitteln an dem Versuch, der Region eine Identität zu geben. Jetzt ist der Kulturfonds als großes regionales Projekt angelegt, aber es könnten noch ein paar Mitspieler mehr sein, damit dies auch eingelöst wird. Was ist beispielsweise mit Aschaffenburg oder Mainz?
Beide Städte gehören zweifelsohne zur Rhein-Main-Region. Ich bin auch mit beiden im Gespräch. Mit Aschaffenburg vielleicht noch etwas intensiver als mit Mainz. Das grundsätzliche Interesse ist da.

Warum sind die beiden Städte noch nicht dabei?
Sie sind nicht hessisch. Das Land Hessen verdoppelt aber die Beiträge der Kommunen, die unsere Gesellschafter sind, aus Landesmitteln. Wenn nun Bayern oder Rheinland-Pfalz ins Spiel kommen, müsste man nach einer Regelung suchen, wie das funktionieren kann, wie diese sich auch einbringen könnten. Das Prinzip des Fonds ist zudem, dass alle einzahlen, aber nicht wie bei einer Quote genau denselben Anteil wieder zurückbekommen. Für andere Bundesländer ist das nicht so einfach.

Das ist ja schon ein wichtiger Punkt für die Gesellschafter und vielleicht auch gerade für jene, die beim Kulturfonds nicht mitmachen. Die rechnen, was kostet uns das und was bekommen wir dafür zurück. Jetzt sagen Sie aber, dass nicht jeder genau das rausbekommt, was er einzahlt.
Ja sicher. Es ist auch nicht einfach, von einer Stadtverordnetenversammlung dafür einen Beschluss zu bekommen. Deshalb haben wir jetzt so eine Art Probezeit von drei Jahren für Interessierte eingerichtet. Bad Vilbel und Oestrich-Winkel sind da dabei.

Warum sollten die mitmachen?
Der Fonds produziert ja für alle eine Reihe von Vorteilen, die nicht mit Überweisungen korrespondieren. Es gab beispielsweise eine Konzertreise der Jungen Deutschen Philharmonie. Die hieß dann Mailand, Zürich, Frankfurt und dann Hanau. Natürlich funktioniert das alles auch nur, weil das Land zu jedem eingezahlten Euro noch einmal einen Euro dazulegt. Da kommt schon jeder auf seine Kosten.

Vor drei Jahren ist der Kulturfonds bei einer Ausstellung der Karikaturisten Greser & Lenz eingesprungen, die wegen des Streits um Mohammed-Karikaturen und Sicherheitsbedenken auf der Kippe stand. Wird da unter den Gesellschaftern um ein Für und Wider gerungen?
Wir ringen häufig, aber bei solch renommierten Karikaturisten stellt sich die Frage der Förderungswürdigkeit überhaupt nicht.

Haben Sie es bereut, die Wiesbadener Biennale gefördert zu haben, bei der es nun den großen Streit um die Aufstellung der übergroßen goldenen Erdogan-Statue gab?
Überhaupt nicht. Die Idee von Kunst im öffentlichen Raum ist es ja gerade, Anstöße zu geben. In Wiesbaden wussten die Leute nun nicht, ob die Statue für oder gegen Erdogan gerichtet war – und was dahinter steckt. Das hat zu einer öffentlichen Diskussion geführt, wie man sie so selten erlebt. Welche Aktion in Hessen findet schon den Weg in die New York Times?

Verstehen Sie, dass die Stadt die Statue abgeräumt hat?
Es war jedenfalls schon viel Aggression im Raum.

Muss man eine solche öffentliche Diskussion, die Sie ja loben, nicht etwas länger aushalten als nur ein paar Stunden?
Es gab wohl schon spürbare Konfrontationen, die türkische Community war sehr gespalten. Aber es ist gelungen, die Diskussion hervorzurufen. Und es ist angestoßen, mit den Kombattanten weiter zu reden.

Jetzt müsste der Kulturfonds nur die Statue übernehmen und damit auf Tour gehen.
Wenn Sie einen Fahrplan haben, ist das Überraschungsmoment sicher weg. Und Kunst lebt ja auch von der Unwiederholbarkeit.

Wir würden gerne noch einmal auf das Geld zurückkommen. Es wurde doch einmal überlegt, dass der Beitrag je Einwohner auf fünf Euro steigen sollte statt der heutigen zwei Euro. Ist das mit den zwei Euro ein Sparprogramm, das sie fahren müssen oder kommen Sie damit gut hin?
Die Idee im Ballungsraumgesetz war eine andere. Da war die Rede von der gemeinsamen Errichtung von Kulturinstitutionen von besonderer Bedeutung. Ministerpräsident Koch hatte daher zunächst von einem Budget von 200 bis 300 Millionen Euro im Jahr gesprochen. In der Mediation danach ist der Charakter verändert worden, zur Förderung von Projekten. Ich bin froh, dass der Fonds dann mit zwei Euro pro Kopf gestartet ist.

Sind die fünf Euro vom Tisch?
Das ist kein aktuelles Thema.

Wir leben in der reichsten Region Deutschlands. Wenn sich eine das leisten könnte, dann die Rhein-Main-Region.
Wenn Sie mich fragen, ob es mehr Geld bräuchte für die Kultur, dann antworte ich: Ja. Aber der Kulturfonds ist ja eine freiwillige Vereinbarung. Deshalb bin ich froh, dass wir diesen Status quo haben.

Was ist denn aus der Idee geworden, Frankfurt von seinen hohen Kulturausgaben zu entlasten, die ja einmal hinter dem Kulturfonds stand?
Frankfurt bekommt den größten Anteil unserer Mittel.

Ist Frankfurt ein Finanzier der Projekte in der Region oder umgekehrt?
Wenn Sie sich die Summe der Projekte anschauen, dann profitiert Frankfurt davon. Es gibt dort einfach viele herausragende Kulturinstitutionen, die permanent ein gutes Programm machen.

Das darf man nicht zu laut sagen, weil dann die Stadt Hanau die Lust verlieren könnte.
Aber auch Hanau profitiert. Hanau hat sich ganz bewusst entschieden, seine Kultur herauszustellen. Ich finde es toll, was da geschieht. Denken Sie daran, wie der expressionistische Künstler Reinhold Ewald präsentiert wurde. Das hätte es in dieser Form ohne Kulturfonds nicht gegeben.

Wir haben in Europa einen harten Wettstreit der Regionen. Wagen Sie eine Prognose: Wo wird der Kulturfonds in zehn Jahren stehen? Wer wird bis dahin noch beitreten?
Ich hoffe darauf, dass noch mehr Landkreise beitreten. Mit einigen Landräten bin ich in einem guten Gespräch. Ich setze hier auch sehr auf das Engagement des Aufsichtsratsvorsitzenden des Kulturfonds, Landrat Ulrich Krebs vom Hochtaunuskreis. Er ist ein toller Motivator.

Wovon träumen Sie?
Was ich sehr gut fände, wäre ein großes gemeinsames Kulturfestival der Region, das international ausstrahlt. Ein spannendes Thema könnte dabei der zeitgenössische Tanz sein.

Warum haben wir uns eigentlich hier am Main im Yachtklub getroffen?
Der Kulturfonds unterstützt die Reihe „Bootsgespräche“ zur Kultur, die von Zeit zu Zeit hier stattfindet.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Peter Hanack

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