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Martin Mosebach im Wintergarten seiner Wohnung im Westend. Im Jahr 2019 steht der Autor im Mittelpunkt des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“.
Martin Mosebach
Frankfurt

„In Frankfurt werden Bauten weggeworfen“

Von Claus-Jürgen Göpfert
20:33

Herr Mosebach, Sie haben im Insel-Verlag mal ein wunderschönes kleines Buch veröffentlicht, mit Fotos von Barbara Klemm, das hieß: Mein Frankfurt. Das war ja ein Bekenntnis zu der Stadt, zu der sie eigentlich ein gespaltenes Verhältnis haben.
Ja, ich bin hin und her gerissen: Ich weiß, was diese Stadt einmal war, was sie für die deutsche Geschichte bedeutet und welche schöpferischen Energien hier versammelt waren. Ich habe allerdings ihre Schönheiten nur in alten Fotobänden gesehen. Manches kann man auch jetzt noch ahnen. Die Lage der Stadt an ihrem Fluss, der nicht zu schmal und nicht zu breit ist, kommt mir immer besonders harmonisch vor.

Sie sind ein Chronist der Veränderungen der Stadt. Wenn man sich den Roman Westend anschaut: Sie steigen ein mit dem Viertel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, beschreiben es als weitgehend intakt trotz einiger Kriegsschäden. Und sie enden im Jahr 1968, als unmäßige Bürobauten beginnen, das Viertel zu zerstören.
Das Chronistische ist ein Nebeneffekt meiner Erzählungen, nicht mein Ziel. Für Romane braucht man eine große Menge von Fakten. Es gibt Autoren, die sie sich zusammenrecherchieren, aber das ist nicht ungefährlich: Ein Roman ist keine Reportage. Ich ziehe es vor, von Dingen zu erzählen, die ich aus meiner nächsten Umgebung kenne. Deshalb war es klar, dass meine Romane überwiegend dort spielen sollten, wo ich über diese Faktenfülle ohnehin verfügte. Das machte mich frei. Ich konnte mit meinem Erfahrungsfundus souverän umgehen und der Fantasie dabei freien Lauf lassen, was doch das Wichtigste ist.

Sie beklagen die Veränderungen, das lässt sich ziemlich deutlich herauslesen.
Ich möchte zunächst feststellen, dass ich meinen Westend-Roman keinesfalls als Beweinung dieses Viertels verstehe, das so bedeutend ja nun auch wieder nicht war. Für mich war wichtig, am Wandel dieses Stadtteils in dreißig Jahren historischen Wandel überhaupt sichtbar zu machen, und vor allem das für mich wichtigste historische Phänomen, den Wandel der Mentalität. Heute weiß jeder, dass das, was im Westend geschehen ist, ein großer Verlust für die Stadt war, aber damals wussten es zunächst nur sehr wenige. Gerade gebildete Leute fanden gründerzeitliche Häuser scheußlich. Es war ein faszinierender Prozess, wie sich das änderte und dieselben Leute, die eben noch die Architektur vor dem Ersten Weltkrieg verachtet hatten, jetzt jede alte Remise erhalten sehen wollten. Das Westend hatte den Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt überstanden, inmitten einer schwer getroffenen Stadt. Das Viertel war noch nicht alt, mit gut gebauten Häusern in bestem Zustand, mit schönen Ensembles, besonders an Straßenkreuzungen. Die hat man aufgrund einer städtebaulichen Fehlentscheidung aufgesprengt. Die gründerzeitliche Stadtplanung hatte sehr klug die Mainzer Landstraße als Stadterweiterungsgebiet vorgesehen, das wäre die ideale Region für ein Bankenviertel gewesen. Aber nein: Es sollte das Westend sein.

Von diesem Schlag hat sich Frankfurt nicht mehr erholt.
Es war ein Tiefpunkt der Stadtgeschichte, der dann aber auch große Anstrengungen zum Besseren herausgefordert hat. 

Wie geht Frankfurt mit seinem städtebaulichen Erbe um?
Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung zu erleben, dass Bauten, die wir Immobilien, also unbeweglich nennen, zu etwas höchst Mobilem, zu Konsumartikeln geworden sind, die weggeworfen werden, wenn sich die Bedürfnisse ändern oder wenn sie steuerlich nicht mehr abgeschrieben werden können. Es gibt Ecken in der Stadt, die sich innerhalb der letzten Jahre so verändert haben, dass man Straßen gar nicht mehr wiedererkennt.

Warum ist das gerade in Frankfurt so? Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass Berlin mit seinem städtebaulichen Erbe wesentlich sorgsamer umgeht. Dass dort ein größeres Geschichtsbewusstsein herrscht.
Berlin ist so weitläufig, dass es beinahe unmöglich ist, zu einem eindeutigen Eindruck zu gelangen. In Berlin gibt es Beispiele für jede erdenkliche Form von Stadtentwicklung vom Schlimms-ten bis zu sehr Gelungenem. Aber Sie haben recht: Es gab in Frankfurt, anders als etwa in München, Hamburg oder Münster, nach dem Zweiten Weltkrieg eine entschlossene Abkehr von der Geschichte, denn man wollte die Geschichte vor allem als Vorgeschichte des Nationalsozialismus verstehen. Dieser antihistorische Affekt hat sehr vieles zerstört, was den Krieg halbwegs überstanden hatte und hätte gerettet werden können. Dann kamen die ersten Hochhäuser, die ihre Umgebung mickrig und schäbig aussehen ließen. Aber mittlerweile sind die Hochhäuser, die ohne richtiges Konzept entstanden sind, aus der Ferne gesehen zu einer durchaus imponierenden Komposition zusammengewachsen. Diese Hochhausversammlung kommt mir vor wie eine Stadtvedute auf einem barocken Stich, wie eine Stadtkrone.
 
Vom Alter her sind Sie ein 68er, tatsächlich aber wurden Sie von der Revolte nie erfasst.
Ich bin 1951 geboren und also etwas zu jung, um ein richtiger Achtundsechziger zu sein.
Sie sind vom Impuls des Umbruchs nicht erfasst worden. Warum nicht?

Ich habe mit dem Rücken dazu gelebt. Ich habe das Kunststück vollbracht, im Zentrum der Bewegung zu wohnen, nämlich am Beethovenplatz, fast gegenüber der sogenannten Sponti-Villa, einem Studentenheim und Hauptquartier mancher Gruppen, und davon sehr wenig wahrzunehmen.
 
Wollten Sie nicht?
Ja, es war eine Antipathie. Die 68er Revolte wirkte auf mich keineswegs anziehend. Ich erinnere mich an einige Reden, darunter eine von Rudi Dutschke, das war in einem der niedrigen Universitätsfoyers, gestopft voll mit Menschen. Dutschke peitschte wie ein zweiter Marat auf die Menge ein. Das war für mich ein bedrückendes und furchterregendes Erlebnis.

Was Sie beschreiben, ist eigentlich ein Akt der Gewalt.
Es ging in dieser Rede tatsächlich um Gewalt und Gegengewalt - Gewalt war schlecht, aber Gegengewalt war gut. Ich fühlte mich in diesem niedrigen Raum wie in einem Waffeleisen. Die Wut, mit der Dutschke sprach, hat mich abgestoßen.

Hat Sie diese Gewalt auch abgeschreckt? 
Heute würde ich dergleichen vermutlich gelassener betrachten. Viele der Aktionen, die damals großen Eindruck machten, nehmen sich im Nachhinein ja recht infantil aus, aber es war damals eben ein Ausbruch nach sehr zahmen und schläfrigen Jahren.

Aber hatten Sie nicht auch das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse sich ändern mussten, empfanden Sie nicht den Muff unter den Talaren?
Nein, den habe ich nicht empfunden. Autorität ist für mich nie etwas Unterdrückendes gewesen. Und dabei war mein Vater für mich eine große Autorität.

Sie wurden nicht geschlagen?
Das schon gar nicht. Obwohl das in meiner Generation da und dort noch üblich war. Es gab noch Reste wilhelminischer Verhältnisse. Aber die Autorität meines Vaters hat mich vor allem angeregt und gefördert. Ich musste mich nicht vom Vater befreien, es war er, der mich losgelassen hat. 
 
Das war ja ein Motiv für viele 68er, die sich am Schweigen ihrer Väter abgearbeitet haben. Das Schweigen über die Nazi-Zeit, über den Krieg. Wie war das mit ihrem Vater und dem Krieg?
Er hat während des Krieges Medizin studiert und war zwischendrin Soldat. Er wechselte zwischen Studium und Dienst als Sanitäter.
 
Ihre Romane sind auch eine Chronik der Veränderung des Bürgertums. Eines Niedergangs des Bürgertums.
Ja und Nein. Im Roman Westend werden altmodische Verhältnisse geschildert, aber auch die Milieus, die vom wirtschaftlichen Wandel der Nachkriegszeit beträchtlich profitieren. 

Man sagt heute, dass das Bürgertum nicht nur vielfach bedrängt ist, sondern dass es sich aufzulösen beginnt. Nehmen Sie das wahr?
Bürgertum ist ein höchst schwierig einzugrenzender Begriff. Als politische Klasse hat es schon mit der Abschaffung des Wahlzensus aufgehört. Und zugleich hat es eine solche Anziehungskraft ausgeübt, dass schließlich beinahe alle zum Bürgertum gehören wollten. „Was ist der dritte Stand? Nichts. Was muss er werden? Alles!“ hieß es in der Französischen Revolution. Dies Programm hat sich weitgehend erfüllt. Kleinbürger sind immer nur die anderen – selber will niemand Kleinbürger sein.

Entspringt eine Partei wie die AFD aus dem Gefühl von Kleinbürgern, bedroht zu sein?
Nach meiner Wahrnehmung speist sich die Zustimmung zur AFD aus sehr verschiedenen Quellen. In Frankfurt ging es sicherlich in erster Linie um die Finanzpolitik, den Protest gegen die Euro-Politik, gegen die Griechenland-Rettung. Das war hier sicher wichtiger als soziale Abstiegsängste. In dieser Stadt gibt es einen hohen Ausländeranteil, aber mit sehr wenigen Konflikten. Das hat natürlich auch mit dem Wohlstand der Region zu tun. Es ist aber nicht ohne Risiko, wenn man politische Stabilität vor allem auf den Wohlstand gründen will. Was passiert dann, wenn der zu schwinden beginnt?

Wie sollen wir umgehen mit 25 Prozent und mehr AFD-Wählern im Osten?
Ich bin kein Politiker und vermeide aus meinem Freiheitsgefühl heraus grundsätzlich, „wir“ zu sagen. Aber wenn ich einen Rat geben sollte, dann wäre es eine Warnung an Politiker und Medien, jetzt verstärkt volkspädagogisch und erzieherisch aufzutreten – ich fürchte, dass gegen solche Versuche inzwischen eine solche Aversion besteht, dass sie das Gegenteil von dem bewirken, was sie erreichen wollen.

Ein Themenwechsel zum Schluss: Sie werden scharf kritisiert und als Reaktionär verurteilt für Ihre Ansichten zur katholischen Kirche. Sie haben als Katholik Papst Franziskus als One-Man-Show kritisiert, der aber tatsächlich nichts verändere in der Kirche. 
Ich habe vielmehr kritisiert, dass Papst Franziskus sein Amt anders versteht und ausübt als alle Päpste vor ihm. Er wirft Streitfragen auf, entscheidet sie aber nicht. Damit schafft er eine große Verwirrung und spaltet so die Kirche.
 
Sie verlangen, dass man die Kommunion wieder kniend empfängt und Sie wollen wieder zurückkehren zu den alten Formen des Gottesdienstes, bei denen der Pfarrer mit dem Rücken zur Gemeinde steht ...
... umgekehrt ist es richtig: Der Priester soll wie in der ganzen Geschichte der Kirche und wie in allen orthodoxen Kirchen gemeinsam mit der Gemeinde mit dem Gesicht nach Osten, zu Gott gewandt stehen. Er soll das Kreuz anschauen, wenn er zu ihm betet.
 
Können Sie verstehen, dass das als rückwärtsgewandt verstanden wird?
Ja, aber das stört mich überhaupt nicht. Denn es stimmt: Die Kirche muss immer zurückblicken. Nämlich zu ihren Ursprüngen.
 
Sie haben sinngemäß gesagt, das moderne Bild vom Jesus entspräche einem Sozialdemokraten mit Badelatschen.
Nein, ich habe gesagt, für viele zeitgenössische Theologen sei Jesus Christus ebenso frauenfreundlich wie Willy Brandt gewesen und ebenso wenig auferstanden. Natürlich ist die Vorstellung vom gekreuzigten und auferstandenen Gottmenschen seit dem neunzehnten Jahrhundert für viele anstößig, aber ohne diese Anstößigkeit kann man kein Christ sein. 
 
In Ihrem jüngsten Buch schildern Sie ihren Besuch bei Familien in Ägypten, deren Männer vom Islamischen Staat getötet worden waren. Jetzt reisen Sie wieder nach Ägypten.
Ja. Ich arbeite an einem Roman, den ich im Frühjahr begonnen habe. Ich hoffe, jetzt einen weiteren großen Schritt tun zu können.

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