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Cornelia Bensinger hat mit ihrem Verein für die neue Altstadt gekämpft.
Neue Altstadt Frankfurt
Frankfurt

„Städte mit historischem Kern sind beliebter“

Von Claus-Jürgen Göpfert
21:19

Frau Bensinger, lassen Sie uns über Gefühle sprechen. Sie haben jahrelang mit der Initiative Pro Altstadt für den Bau der neuen Frankfurter Altstadt gekämpft. Jetzt ist sie eröffnet worden. Was sind ihre Empfindungen?
Die Altstadt tatsächlich zu erleben, ist für mich ein großes Gefühl. Noch schöner ist es für mich, die Reaktionen der Menschen zu beobachten, die auf dem Hühnermarkt stehen. Andächtig wie in der Kirche. Der Blick geht über die Ornamente und den Fassadenschmuck. Familien kommen dorthin nach einem Abendessen. Männer mit Anzug auf teuren Fahrrädern kommen direkt aus dem Büro vorbei. 

Warum löst die Altstadt solche Emotionen aus? 
Es ist eine Sensation, dass nach Jahrzehnten wieder ein Stück Altstadt entstanden ist. Der Liebreiz der reichen Fassadengestaltung macht es aus. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt mit seiner eigenen Sozialisation. Die neue Altstadt heute ist wie eine Art mentale Heilung für die Bürger der Stadt, die sich an ihr erfreuen und stolz darauf sind. 

Frankfurt ist mit seinem städtebaulichen Erbe nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade pfleglich umgegangen. 
Ja, das war ganz furchtbar. Daran war auch die SPD in der Nachkriegszeit schuld. Der erste SPD-Oberbürgermeister nach dem Krieg, Walter Kolb, kam aus Düsseldorf. Ich frage mich, wie sehr er sich der Stadt Frankfurt verbunden fühlte. Dazu kam der Architektureinfluss aus den USA. Alles, was aus den USA kam, war gut. Ich war auch ein großer Fan, war mehr in den USA in Urlaub als in Europa. 

Man wollte sich damals nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der Architektur bewusst von der Zeit des Nationalsozialismus und der Kaiserzeit abgrenzen. Hat man dabei überzogen? 
Die Häuser der historischen Altstadt standen mehr als 400 Jahre lang. Ich wehre mich dagegen, Architektur für Politik verantwortlich zu machen. Architektur ist gebaute Materie, dass sie zum Politikum gemacht wird, finde ich schade. Darunter leidet dann gute Architektur. 

Die Politiker schmücken sich nun mal gerne mit solchen Projekten wie der Altstadt, obwohl sie früher der Sache ablehnend gegenüberstanden. 
Ich freue mich, dass Oberbürgermeister Feldmann sich heute dafür begeistert. Die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth hatte die Altstadt nicht zur Chefsache gemacht, ich muss es leider sagen. Das hätte sie tun sollen. Statt dessen hat den Kulturcampus in Bockenheim zur Chefsache gemacht. Es gibt für eine Stadt keine ehrenvollere Aufgabe als einen Teil seiner Altstadt wieder aufzubauen. 

Aber CDU und Grüne gaben sich doch sehr für die Altstadt eingesetzt. 
Aber die Grünen traten als Bremser bei den Rekonstruktionen auf. Ich habe die Zeitungsartikel der letzten zwölf Jahre aus unserem Archiv durchgearbeitet. Was Rot und Schwarz nach vorne gepuscht haben, wurde von den Grünen gebremst. Sehr viele Architekten sind heute Grüne. Das geht einher mit dem ökologischen Bauen, was ja gut ist. Doch die Architektenschaft war unser Gegner. Sie hat dafür gesorgt, dass mehr als die Hälfte der Häuser in der Altstadt Neubauten sind. 

Aber wo haben denn die Grünen gebremst? Ich habe das nicht wahrgenommen, im Gegenteil. 
Wir fingen damals an, mit einem Inserat für die Altstadt Investoren zu akquirieren. Innerhalb von vier Tagen hatten wir über 50 Interessenten und das ging so weiter. Es waren doppelt so viele Investoren da als Häuser überhaupt zum Angebot standen. Die Grünen argumentierten ab da, dass viele Häuser nicht dokumentiert sind und daher nicht aufgebaut werden könnten. Dabei ist bekannt, dass man Häuser alleine mit Fotos original wieder aufbauen kann. Das hat Architekt Peter Westrup beim Foyer der Alten Oper auch gemacht. Ist alles eine Sache der Proportionen. 

Sie setzen sich mit ihrer Initiative für die Rekonstruktion weiterer Altstadthäuser ein. Sie haben die Alte Mainzer Gasse ins Auge gefasst. 
Dort gibt es das Gebäude des Personal- und Organisationsamtes, das man schleifen könnte. Diese Fläche und die Park- und Parkplatzflächen könnten unter Berücksichtigung der alten Gassenverläufe wieder errichtet werden. Der Titel des Denkmalschutzes kann durch die Stadtverordnetenversammlung aberkannt werden. Das hat sie vor kurzem für den 50er Jahre Anbau des Kunstvereins im Steinernen Haus auch gemacht, indem auf Anfrage der Direktorin ein neuer Eingang um die Ecke trotz des Denkmalschutzes genehmigt wurde. 

Was könnte an der Alten Mainzer Gasse entstehen? 
Man könnte die historischen Gassen und die historischen Grundstücke wieder aufnehmen und in ihrer früheren Form wiederaufbauen. Das ist Wohnraumverdichtung, die gegenwärtig gefördert wird. Im Erdgeschoss entstünden wie beim Dom-Römer-Areal Geschäfte, Flächen für Freiberufler, Gaststätten und Cafés, in den oberen Etagen Wohnungen. Das würde für eine Wiederbelebung des Viertels sorgen. Heute ist es leblos. 

Es gibt auch Bestrebungen, am Willy-Brandt-Platz statt der baulich maroden Theater-Doppelanlage das alte Schauspielhaus von 1904 wieder zu rekonstruieren. 
Das wäre eine Veredelung des Standortes. Mit der Alten Oper zusammen hätten wir zwei Perlen für Frankfurt. Es entstünde eine Achse historischer Bauten von der Alten Oper, Schauspielhaus, Nizza über den Main zum Städel. Touristen würden dadurch vielleicht die wunderschöne Taunusanlage entdecken. 

Sie sind ja selbst Architektin....
....Innenarchitektin. Die Architekten würden darauf bestehen, weil wir keine Häuser bauen. 

Aber ich frage Sie: Woher kommt denn das Misstrauen gegenüber der modernen Architektur? 
Die Menschen lieben einfach klassischen Fassadenschmuck, zum Beispiel die Schwedenhäuser und die nordamerikanischen Holzhäuser sind sehr beliebt. Wir von Pro-Altstadt sind nicht per se gegen moderne Architektur. Uns geht es um die Aufwertung und Wiederbelebung des Stadtzentrums. Die Bürger brauchen den Altstadtwiederaufbau für ihre Identifikation mit der Stadt. Da führt kein Weg daran vorbei. Städte mit einem historischen Kern sind beliebter. 

Die Theater-Doppelanlage war mal eine Ikone der Nachkriegsarchitektur, galt als demokratisch, hell, licht und offen, ist das kein Wert, den man erhalten sollte?
Schön ist der Blick nachts von Innen nach Außen. Aber der Außenanblick gefällt nicht. Die Bürger haben das Glasfoyer bis heute nicht angenommen. Wir haben mit den Hochhäusern so viel Glasarchitektur in der Stadt, die für Helligkeit, Licht und Demokratie steht. 

Warum löst moderne Architektur keine solch positiven Gefühle aus wie die Altstadt? 
Moderne Architektur hat viel mit reduzierter, technischer Fassadengestaltung zu tun. Sie wirkt streng. Das Flachdach wird von Alters her in unserem mittel- und nordeuropäischen Raum nicht gebaut, weil Regen schneller abfließen muss. Darum wird es immer als Fremdkörper wirken. Eine Altstadt lebt von der Unregelmäßigkeit und der Enge, die als gemütlich empfunden wird. Sie strahlt Sicherheit aus. Die Materialien von Altstadthäusern sind Holz, Putz und Sandstein. Diese Oberflächen haben eine warme Ausstrahlung und das macht Menschen in unserem Kulturraum froh. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

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