© Renate Hoyer, FR
Die neue Altstadt – hier der Hühnermarkt.
Neue Altstadt in Frankfurt
Frankfurt

Kritischer Blick hinter die Fassade der Altstadt

Von Moritz Elliesen
09:47

Mit großen Augen schieben sich die Schaulustigen von nah und fern durch die Gassen der neuaufgebauten Frankfurter Altstadt. Von dem Lärm der Handwerker, die den Gebäuden den letzten Feinschliff verpassen, lassen sie sich nicht stören. Mit langgezogenen „aaahs“ und „ooohs“ bewundern sie die aufwendig verzierten Fassaden oder die in der Sonne glänzenden Schieferdächer. 

Inmitten des Gewusels steht Dieter Wesp, rote Umhängetasche und ein Klemmbrett unter dem Arm, vor einer 20-köpfigen Gruppe. Eine gewöhnliche Führung durch die Altstadt, könnte man meinen: Ein paar Häppchen zur Architektur, ein bisschen historisches Hintergrundwissen zu den Gebäuden. Doch dem Stadthistoriker und -führer geht es weniger um die architektonischen Finessen der Fassade, als um das, was dahinterliegt. Rund eineinhalb Stunden führt Wesp bei seiner Tour „Die neue Altstadt – Dichtung und Wahrheit“ durch das Areal am Römer. Sein Projekt: die Entzauberung der Altstadt. 

Da wäre zunächst die ökonomische Dimension des Projekts. „Rund 200 Millionen Euro hat die Altstadt gekostet“, erzählt Wesp, als die Gruppe vor dem Stoltze-Brunnen am Hühnermarkt steht. Ursprünglich wollte man die Kosten durch den Verkauf der Eigentumswohnungen wieder reinholen. Doch daraus wurde nichts: Obwohl der Quadratmeter zwischen 5000 und 7500 Euro koste, habe die Stadt nur 70 Millionen Euro eingenommen. „Die Steuerzahler haben mit einem Betrag von 130 Millionen Euro die Luxuswohnungen mitfinanziert“, sagt Wesp. 

„Sozialer Wohnungsbau für Reiche“, raunt es ihm entgegen. Heute hat Wesp ein dankbares Publikum: Er führt eine Gruppe Gewerkschafter, die für ein Seminar in Frankfurt sind, durch die Altstadt. Für die soziale Frage, die hinter dem Wiederaufbau steht, sind sie sensibel: „Ich finde das völlig irre“, sagt etwa Michael Lemm. Der IG-Metaller kommt aus Eisenach. „Es gibt doch genügend intakte Altstädte, warum sollte ich da extra welche für so viel Geld nachbauen?“, fragt er. 

Wesp glaubt nicht, dass die in Frankfurt drängende Wohnungsfrage auf dem Areal der Altstadt, das der Größe eines Fußballfeldes entspricht, hätte gelöst werden können. Aber: „Die Stadt hätte mehr für die Wohnungen verlangen können“, sagt er. Auf jede Wohnung hätten sich bis zu zehn Käufer beworben. Da hätte die Stadt auch in einem Versteigerungsverfahren an den Meistbietenden verkaufen können, sagt Wesp. Stattdessen habe man am ursprünglichen Preis festgehalten und sich für ein Losverfahren entschieden. 

Die ersten Wohnungen werden jetzt schon wieder weitervermietet. Davon zeugt ein Aushang an der Eingangstür des Hauses am Hühnermarkt 14. Der Preis für die Vierzimmerwohnung ist nicht angeben. „Kein gutes Zeichen“, sagt ein Teilnehmer. Er jedenfalls könne sich die Wohnung wahrscheinlich nicht leisten. 

Hinter den glänzend-teuren Fassaden der Altstadtgebäude verbirgt sich für Wesp nicht nur eine soziale Schieflage. Dass die Altstadt überhaupt originalgetreu wiederaufgebaut wurde, hält er für den „Ausdruck eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels“. Während der Führung erzählt er den Gewerkschaftern, dass sich die Verantwortlichen nach 1945 – im Gegensatz zu heute – dafür entschieden hätten, die Spuren des zweiten Weltkriegs in den wiederaufgebauten Gebäuden zu bewahren. 

Um das zu verdeutlichen führt Wesp die Gruppe zum Salzhaus, einem Gebäudeteil des Rathauses, das in den 1950er Jahren wiederaufgebaut wurde. Dort ziert ein Mosaik die Außenfassade. Man sieht die Fassade des zerstörten Frankfurts sowie Grabkreuze, darüber steigt ein riesiger Vogel gen Himmel empor. „Wenn man dieses Haus sieht wird klar, dass da was nicht stimmt“, sagt Wesp, „und das war der zweite Weltkrieg.“ Die historische Zäsur des Nationalsozialismus wurde in der Gestaltung des Gebäudes festgehalten. 

Anders bei der neuen Altstadt, die jede Spur des historischen Einschnitts vergessen machen will. Mit der Altstadt werde „das Bedürfnis nach einer heilen Welt befriedigt“, glaubt Wesp. Erinnerungspolitisch sei das problematisch: „Es geht nicht ausschließlich um ästhetische Gesichtspunkte. Auch das, was wir nicht als schön empfinden, muss als geschichtliches Zeugnis bewahrt werden.“ 

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