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Eva Demski (links) urteilt milder über Peter Feldmann.
OB-Wahl
Frankfurt

Feldmanns Fremdeln mit der Kultur lässt nach

Von Claus-Jürgen Göpfert
11:40

Sie gilt als die offene politische Flanke des Frankfurter Oberbürgermeisters: die Kulturszene. Nachdem Peter Feldmann am 1. Juli 2012 sein Amt angetreten hatte, brach bei Künstlern und Theaterleuten, bei Schriftstellern und Verlegern ein allgemeines Wehklagen aus. Es ging um die große Leerstelle, die der Sozialdemokrat in der Kultur hinterließ im Vergleich zu seiner Vorgängerin Petra Roth (CDU). Der Literaturwissenschaftler Heiner Boehncke erinnert sich: „Feldmann wollte sich absetzen von Roth, die überall dort war, wo es wichtig war – also ging er nirgendwo hin, wo es wichtig war.“

Feldmann ging nicht zur Saisoneröffnung von Oper und Schauspiel, nicht zur Vernissage wichtiger Ausstellungen, nicht zur Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises. Er sehe sich „nicht als repräsentierender, sondern als arbeitender OB“, pflegte der Sozialdemokrat seinen Kritikern entgegenzuhalten. Er setzte Zeichen lieber dadurch, dass er streikende Bauarbeiter aufsuchte, die keinen Lohn erhalten hatten. Er werde nicht daran gemessen, wie viele Premieren er besucht habe, ließ der OB wissen, „sondern wie viele bezahlbare Wohnungen entstanden sind“.

Michel Friedman sieht positive Entwicklung beim OB

Das Publikum bei Kulturveranstaltungen reagierte bald mit Gelächter, wenn verkündet wurde, der Oberbürgermeister habe leider nicht kommen können. Fünfeinhalb Jahre später scheint die Entfremdung zwischen der Kulturszene und dem Stadtoberhaupt nicht mehr ganz so groß: Beide Seiten haben sich aneinander gewöhnt und wissen, was sie voneinander zu halten haben.

„Ich vermisse den Oberbürgermeister noch immer bei Ausstellungseröffnungen“, sagt die Videokünstlerin Helke Bayrle. „Feldmann ist auf Distanz zur Kunstszene“, urteilt auch ihr Ehemann Thomas Bayrle, der zu den bekanntesten bildenden Künstlern in Deutschland zählt. Dafür agiere aber Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) sehr kompetent und werde in der Szene anerkannt.

Dennoch will Thomas Bayrle nicht völlig den Stab brechen über das Stadtoberhaupt. „Er darf nur nicht die Balance aus dem Auge verlieren zwischen der expandierenden Wirtschaftsmetropole und der Kulturstadt.“

Die Schriftstellerin Eva Demski zählte anfangs zu den schärfsten Kritikerinnen Feldmanns. Heute urteilt sie milder über den Sozialdemokraten. „Er hat sich entwickelt und macht in letzter Zeit auch nicht mehr so viele Fehler“, sagt die Autorin. Die Stadt Frankfurt verändere eben jeden. Und Feldmann vorzuwerfen, dass er nicht in die Oper gehe, sei „läppisch“.

Auch der Publizist Michel Friedman sieht beim OB eine positive Entwicklung. „Ich finde, er ist souveräner geworden.“ Auch thematisch sei er „breiter aufgestellt als am Anfang“. Feldmann verstehe „die Pluralität der Stadt besser“ und er mache zum Glück „nicht den Fehler, das Soziale gegen die Kultur auszuspielen“.

„Sehr smart, sehr elegant“ 

Lothar Ruske, wichtiger Literaturveranstalter über das Rhein-Main-Gebiet hinaus, hegt noch immer die Hoffnung, „dass Feldmann bei Kulturveranstaltungen öfter präsent ist“. Zur Eröffnung des alljährlichen Literaturfestivals „Frankfurt liest ein Buch“ sei der OB nie gekommen, obwohl er immer wieder eingeladen worden sei. „Irgendwann haben wir es dann aufgegeben.“

Ruske hofft weiter auf die Hinwendung des Sozialdemokraten „zur Kultur- und zur Bücherstadt“. Und er kann sich den Satz nicht verkneifen: „Petra Roth hat das wunderbar gemacht.“

Der Autor und Soundpoet Dirk Hülstrunk lobt die Stadt dafür, dass sie mehr für die freie Kulturszene tue als früher. „Frankfurt steht in dieser Hinsicht im Vergleich zu anderen Städten ganz gut da.“ Das Hauptproblem für viele Künstler aber bleibe, dass es an bezahlbarem Wohnraum und preiswerten Ateliers fehle. „Die Mieten sind viel zu hoch – ich selbst habe überlegt, nach Offenbach zu gehen.“ Um hier Abhilfe zu schaffen, müsse Feldmann sich noch mehr engagieren. Auch Thomas Bayrle kritisiert: „Für Ateliers wird viel zu wenig getan.“ Seine Ehefrau Helke nennt das Beispiel der lange leerstehenden Gebäude am Paradiesplatz in Sachsenhausen: „Dort könnte man Künstlerateliers entstehen lassen.“

Die Bildhauerin Wanda Pratschke beklagt, dass es zu wenig Ausstellungsmöglichkeiten für viele Kulturschaffende in der Stadt gebe. Sie fordert, den Frankfurter Kunstverein „wenigstens einmal im Jahr für die Arbeiten Frankfurter Künstler zu öffnen“. Das Stadtoberhaupt kommt in ihren Augen gut weg: Sie nimmt Feldmann als „sehr smart, sehr elegant“ wahr.

Der Oberbürgermeister und die Kulturszene: Die Urteile über Peter Feldmann fallen nach einer Amtszeit etwas versöhnlicher aus als zu Beginn. „Er hat das Fremdeln mit der Kultur überwunden“, sagt der Autor Heiner Boehncke: „Ich bin angenehm überrascht.“

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