© Peter Juelich, FR
Bernadette Weyland.
OB-Wahl in Frankfurt
Frankfurt

Was zeichnet Bernadette Weyland aus?

Von Florian Leclerc
13:14

Bernadette Weyland steht im Dezember beim FR-Rundgang vor einem Laufhaus im Bahnhofsviertel, sie presst die Lippen zusammen. Die Situation der Frauen in den Bordellen finde sie schrecklich, sagt sie, ausbeuterisch. Der Fotograf will ein Bild machen, aber das wird nichts, sie wirkt beklommen.

Ihre Beklemmung legt sie ab, als sie vor dem Drogennotdienst in der Elbestraße mit Süchtigen spricht. Lange redet sie mit einer cracksüchtigen Frau, die ein Kind hat, aber von der Sucht nicht loskommt. Weyland wirkt empathisch. Die Nähe zu Bürgern, das direkte Gespräch, darin ist die Kandidatin der CDU zur Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt stark. Später schenkt sie einem Suchtkranken fünf Euro und sagt, er solle das Geld nicht für Drogen ausgeben.

Darüber wird geredet. Es sind solche kleinen Fehler im Wahlkampf, die hängen bleiben.

Beim TV-Duell mit Peter Feldmann im HR-Fernsehen am Donnerstag schlägt sie sich gut, doch irgendwann sagt sie dem Oberbürgermeister, er solle sie mit „Frau Doktor Weyland“ ansprechen. Das erinnerte an Helmut Kohl, der auch Wert auf seinen Titel gelegt hat. 1998 herrschte er einen Spiegel-TV-Reporter an. „Ich bin nicht der Herr Kohl für Sie!“

Bernadette Weyland wurde 1989 in Rechtswissenschaften promoviert. „Das Nebeneinander von Erbscheinverfahren und streitigem Verfahren“, so der Titel ihrer Dissertation. Die 60-Jährige ist gebürtige Münsteranerin, hat eine Lehre zur Bankkauffrau gemacht, in einer Kanzlei gearbeitet. Mit ihrer Familie lebte sie auch in den Vereinigten Staaten, zog vier Kinder groß, die nun erwachsen sind.

Ihre Familie war mit auf dem Bild, als Weyland im April 2017 von der CDU mit 96 Prozent zur OB-Kandidatin nominiert wurde. Ihre Tochter Constanze Hemker machte auf Facebook Werbung für sie, sprach dort ihre Mutter mit „Sie“ an. Wieder ein Fettnäpfchen.

Seit elf Monaten macht Weyland täglich Wahlkampf, fährt mit dem orangefarbenen BMW durch die Stadt. Sie sei fleißig, ehrgeizig, durchsetzungsstark, sagt sie. Charaktereigenschaften, die sie von Peter Feldmann absetzten, der sich beim Deutschen Städtetag oder im Fraport-Aufsichtsrat kaum blicken lasse. Morgens sei sie ab 8 Uhr im Büro, habe Termine bis in den Abend hinein, schlafe nur fünf Stunden; als berufstätige Mutter sei sie die Belastung gewohnt.

Seit 22 Jahren ist sie in der Frankfurter CDU, engagierte sich im Ortsbeirat 6, der für die westlichen Stadtteile zuständig ist. Stolz sei sie auf die Sanierung des Mainufers in Höchst, die sie mit dem Ortsbeirat vorangetrieben habe. Ab 2006 war sie Stadtverordnete, leitete den Bildungsausschuss. Bildung spielte im Wahlkampf eine Rolle. Sie legte einen Masterplan Bildung vor, um eine Milliarde Euro in die Schulen zu investieren. Dieselbe Summe nennt auch Feldmann.

Als Stadtverordnetenvorsteherin war sie die erste Bürgerin der Stadt, von 2011 bis 2014. Im Stadtparlament lief sie händeschüttelnd und lächelnd durch den Saal, wirkte offen, zugänglich. Kleine Krisen meisterte sie souverän: Als Jutta Ditfurth 2013 die Ehrenplakette mit dem Namen von Hermann-Josef Abs, dem früheren Chef der Deutschen Bank, überklebte, mit Hinweis auf dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus, fragte Weyland nur: „Was machen Sie dort? Bitte setzen Sie sich“ und leitete die Sitzung weiter. 2013 erklärte sie auch, mit Uwe Becker um die Kandidatur für die OB-Wahl kämpfen zu wollen. 2014 bekam sie ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte, den Posten als hessische Finanzstaatssekretärin. Als Uwe Becker, der von vielen Seiten gesagt bekam, dass er gegen Feldmann kaum eine Chance hätte, 2017 auf die OB-Kandidatur verzichtet, kam Weyland nach drei Jahren aus der Landespolitik zurück.

Ihren Wahlkampf führte sie mit einem Team aus jungen Leuten, die auf Twitter und Facebook für sie warben – das gab es bei der Frankfurter CDU so noch nie. Zum Social Influencer wurde Weyland aber nicht. Ihre Tweets bekamen nur wenige Likes.

In der Frankfurter CDU wurde unterdessen gelästert: Sie binde die Partei zu wenig ein, mache zu viel auf eigene Faust. Hinzu kamen handwerkliche Fehler. Auf Terminen wirkte sie unvorbereitet. Sie wusste nicht, wie viele Mitarbeiter die Stabsstelle Fluglärm hat, die sie schließen wollte. Sie setzte den Wert des Waldstadions, das sie an die Eintracht verkaufen will, zu niedrig an. Bald hieß es, sie greife nicht genug auf das Fachwissen in der Frankfurter CDU zurück.

Die Bundespartei unterstützt sie erst jetzt, wenige Tage vor der Wahl, so richtig, mit Besuchen der CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und dem designierten Staatskanzleichef Helge Braun.

Das ist auch nötig. Im ersten Wahlgang blieb Weyland mit 25,4 Prozent der Stimmen hinter Feldmann (46 Prozent) zurück. Ein Drittel der Wähler, die bei der Kommunalwahl CDU gewählt hatten, erreichte sie nicht. Gleichzeitig verspielte sie Vertrauen, indem sie Volker Stein, der sie despektierlich „Revival-Blondchen“ genannt hatte, nicht mehr die Hand gab, und das Grünen-Urgestein Daniel Cohn-Bendit beim FR-Stadtgespräch in die Nähe von Kinderschändern rückte. Einen Beigeschmack hat der „einstweilige Ruhestand“, in den die frühere Staatssekretärin versetzt wurde und der ihr eine lebenslange Rente einbringt, von derzeit rund 7400 Euro, in drei Jahren dann rund 3600 Euro im Monat.

Was sie im Wahlkampf am meisten vermisst habe, sei das Laufen durch den Stadtwald, sagt sie. Vielleicht kaufe sie sich nach der Wahl einen Hund.

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