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OB Peter Feldmann (SPD) hat den ersten Wahlgang für sich entschieden.
OB-Wahl in Frankfurt
Frankfurt

Den Nerv getroffen

Von Claus-Jürgen Göpfert
22:12

Zum fünften Mal nach 1995 wählen die Menschen in Frankfurt ihr Stadtoberhaupt direkt. Das grundsätzlich schlechte Ergebnis: Die Beteiligung ist gering geblieben. Es ist immer noch schwierig, die Bürgerinnen und Bürger für eine solche Direktwahl zu mobilisieren. Weder die Persönlichkeiten, die zur Wahl standen, noch ihre politischen Themen konnten offenbar eine Mehrheit der Bevölkerung auf die Beine bringen. Das bleibt ein alarmierender Befund.

Mit dem Sozialdemokraten Peter Feldmann hat der Favorit den ersten Wahlgang für sich entschieden. Alles andere wäre auch eine große Überraschung gewesen. Mit seinem Eintreten für soziale Gerechtigkeit, für den Bau erschwinglicher Wohnungen, für bezahlbare Tarife beim öffentlichen Nahverkehr hat der 59-Jährige offenbar einen Nerv getroffen.

Er fand Widerhall in einer Stadt, in der die soziale Spaltung zwischen Arm und Reich weiter wächst. In der immer mehr arme Menschen auf Unterstützung angewiesen sind. In der mittlerweile auch Teile des Mittelstandes von Verunsicherung und Zukunftsängsten geplagt werden und Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind – auch nicht in den Bankentürmen. Und in der Wohnraum für viele zur unerschwinglichen Luxusware zu werden droht. Wie sehr diese Umstände die Menschen bewegen, zeigt sich auch im Achtungserfolg der Linken Janine Wissler. Sie hat weit deutlicher als Feldmann das kapitalistische Wirtschaftssystem attackiert – und fand dabei Zuspruch über die Stamm-Wähler der Linken hinaus.

Für die CDU-Kandidatin Bernadette Weyland ist das Resultat des ersten Wahlgangs bitter. Es ist ihr nicht einmal gelungen, die Stammwählerschaft ihrer Partei zu mobilisieren. Für die CDU kommt das Ergebnis einem Debakel gleich. Aber die Kampagne Weylands stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Sie besaß nicht den nötigen Rückhalt in der eigenen Partei. Tatsächlich äußerten sich führende Christdemokraten schon früh abfällig über die eigene Kandidatin, bezweifelten ihre Kompetenz.

Die Kritiker hatten Recht. Weyland war ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Sie ließ die Fähigkeiten vermissen, die es braucht, die fünftgrößte deutsche Stadt zu führen. Es ist ihr auch nie gelungen, ein Thema zu setzen, mit dem sie Feldmann gefährlich werden konnte. Sie hat zwar jetzt die Stichwahl am 11. März erreicht, kann aber kaum auf zusätzliche Stimmen hoffen.

Bei der CDU wird die Aufarbeitung dieses politischen Debakels länger dauern und zu politischen Verwerfungen führen. Auch die Grünen erlebten am Wahlsonntag eine große Enttäuschung. Auch ihre Kandidatin war die falsche Persönlichkeit, um in Frankfurt eine Mehrheit der Menschen hinter sich zu bringen. Nargess Eskandari-Grünberg ist eine aufrechte Streiterin für die Rechte von Migranten und Frauen. Zu Recht genießt sie dafür Sympathien. Aber auch die Grüne wirkte überfordert mit der Aufgabe, eine eigene Idee von der Stadt zu entwickeln.

Das schönste Ergebnis des Wahlabends ist sicher das schlechte Abschneiden des Rechtspopulisten Volker Stein. Trotz markiger und rassistischer Sprüche gelang es ihm nicht einmal, das Ergebnis der AfD bei der Kommunalwahl zu erreichen. Für die multikulturelle Stadt Frankfurt am Main ist das ein guter Befund. Das Zusammenleben der Menschen aus mehr als 140 Nationen ist im Alltag sicher nicht frei von Spannungen und Verwerfungen. Aber es bedarf mehr als eines Obersts der Reserve, um es zu gefährden.

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