© Monika Müller, FR
Polizisten hatten das Gelände am Morgen abgeriegelt.
Brache im Gutleut
Frankfurt

Vom Slum ins Ungewisse

Von Danijel Majic
07:27

Wohin er nach diesem Vormittag gehen soll, weiß der Mann mit dem überladenen Fahrrad nicht so genau. Zwei Wörter hat er von den Polizisten, die ihn vom Gelände der Chemiefirma Ferro eskortiert haben, aufgeschnappt. „Ostpark“ und „Sozialamt“. „Gehst du jetzt zum Sozialamt?“, Joachim Brenner, Geschäftsführer des Fördervereins Sinti und Roma, deutet mit einer Hand die Gutleutstraße hinunter in Richtung Camberger Brücke. „Ja, Sozialamt“, antwortet der Mann mit dem Fahrrad. Brenner nickt. „Gut, jemand von uns ist da.“

Bei Brenner hat an diesem Montagmorgen früh das Telefon geklingelt. Polizisten hatten gegen 6.30 Uhr im Auftrag des Frankfurter Amtsgerichts die Zugänge zum Ferro-Gelände abgesperrt. Dort leben seit Monaten mehrere Dutzend Menschen in selbst gezimmerten Verschlägen auf einer stillgelegten Laderampe, an der sporadisch noch die Frankfurter Hafenbahn vorbeifährt.

Ein Elendsquartier, das in den letzten Monaten zur Heimstätte für Wanderarbeiter vor allem aus Rumänien geworden ist. Eine Art kleiner Slum, dessen Ende schon länger besiegelt war und an diesem Montagvormittag nun auch vollzogen wurde. Einer der Bewohner hat Brenner informiert.

An zwei Stellen durchbricht das Gleis der Hafenbahn den Zaun des Ferro-Geländes. Beide Zugänge, die von den Bewohnern des Hüttendorfes genutzt wurden, sind von der Polizei abgesperrt worden. Joachim Brenner, halblange weiße Haare, hellblaues Leinensakko, wartet am verschlossenen Eingangstor etwas weiter oberhalb darauf, dass die Bewohner vom Gelände geführt werden. „Man möchte ein Signal setzen“, ist er sich sicher.

Einen Räumungstitel für das Gelände hatte Ferro bereits Ende April erwirkt. Doch die Firma hatte zunächst verkündet, nicht räumen zu lassen, ehe nicht für eine Unterbringung der Menschen gesorgt sei. Man könne sie schließlich nicht einfach auf die Straße setzen, ließen Unternehmenssprecher immer wieder verlautbaren. Johannes Brenner hingegen glaubt, das genau das passieren wird: „Die meisten werden wieder auf der Straße landen, das steht fest.“

Nach und nach werden die Bewohner vom Gelände geführt. Viele haben ihre Habseligkeiten in Tüten gepackt oder in Decken gewickelt und sie anschließend auf Fahrrädern und Anhängern festgebunden. Fahren lassen sich die überpackten Räder nicht mehr. Ihre Besitzer schieben sie in der Hitze der Vormittagssonne mühselig in Richtung Gallus. Ziel: das Sozialamt.

Dort soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, vorzusprechen, um abzuklären, ob sie möglicherweise Anspruch auf Unterstützung haben. Dolmetscher sollen bereitstehen. Der Förderverein Sinti und Roma schickt sicherheitshalber ebenfalls eine Mitarbeiterin vorbei. Ob sie mit in die Beratung darf, ist unklar.

„Nur wenig Deutsch“, sagt der Mann mit dem überladenen Fahrrad. Es ist die Antwort auf alle Fragen, die er nicht versteht. Er hat nicht nur persönliches Hab und Gut aufgeladen, sondern auch,wovon er in den letzten Monaten gelebt hat. Viele der Bewohner des Ferro-Geländes arbeiten – wenn auch nicht sozialversicherungspflichtig.

Sie sammeln Flaschen, Altmetall, Flohmarktware – alles, was irgendwie auch nur ein wenig Geld abwerfen könnte. Der Mini-Slum auf der Laderampe, er war Wohnort und Sammelstelle, Arbeitsplatz und Schutzraum. Wie es ohne ihn weitergehen soll? „Nur wenig Deutsch“, sagt der Mann mit dem überladenen Fahrrad.

Viele Bewohner sind nicht vor Ort – sie arbeiten

Auch Sammy weiß nicht, wie es jetzt weitergeht. Seine Besitztümer passen in einen kleinen Beutel. Noch vor zwei Tagen hatte er einem FR-Reporter von seinem Schicksal berichtet: Auf der Straße gelandet mit nicht mehr als einem Schlafsack, auf dem Ferro-Gelände Schutz vor Regen gesucht, von den Bewohnern freundlich aufgenommen worden. Dass bald geräumt werden könnte, davon erfuhrt er am Freitag zum ersten Mal. „Dann höre ich heute morgen nur: Stadt Frankfurt, Stadt Frankfurt!“ Erneut muss er seine Sachen packen.

So wie alle Bewohner des Hüttendorfes. 15 haben die Beamten nach eigenen Angaben auf dem Gelände angetroffen. Bis zu 30 Menschen haben in den letzten Monaten dort gelebt. Doch viele von ihnen stehen bereits gegen 4 Uhr auf, um ihrem Broterwerb nachzugehen. Einige von ihnen werden erst am Nachmittag erfahren, dass ihre Hütten nicht mehr stehen, von Baggern eingerissen wurden. „Man möchte ein Signal setzen“, sagt Joachim Brenner erneut, „dass diese Menschen hier nicht willkommen sind.“

Lesen Sie weitere Berichte aus Frankfurt am Main   Zur Startseite