© Renate Hoyer, FR
Fachwerk und Schiefer wurden beim „Alten Esslinger“ verbaut.
Die Altstadt-Rekonstruktionen
Frankfurt

„Alter Esslinger“: Aus zwei mach eins

Von Friederike Tinnappel
10:14

Der „Alte Esslinger“, der links neben dem „Haus Esslinger“ von Goethes lebenslustiger Tante Melber steht, ist für manche Verwirrung gut: Zum einen ist er nicht unbedingt der ältere Esslinger. Schließlich stammt jenes Haus, in dem sich der sechsjährige Goethe etwa ein Jahr lang aufhielt, als das elterliche Wohnhaus am Großen Hirschgraben umgebaut wurde, noch aus dem Mittelalter, während der „Alte Esslinger“ erst in der Renaissance entstanden sein soll, jener Epoche also, die den Übergang zur Neuzeit markiert. 

 Andere Quellen aber rechnen die Ursprünge der Bebauung des „Alten Esslingers“ auf seinem schiefwinkligen Grundstück doch dem Mittelalter zu, so dass die Frage, wer wohl der ältere und wer der jüngere Esslinger sei, nicht entgültig entschieden werden kann.

Auch der Beginn der Renaisssance in Deutschland ist umstritten. Während in Frankreich im Tal der Loire in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die viel bewunderten Renaissance-Schlösser wie Chambord, Chenonceau und Amboise entstanden, kam die Renaissance in Deutschland, bedingt durch den zähen Informationsfluss, wie es heißt, erst Jahrzehnte später an.

Nach Einschätzung des Architekten Dietrich Wilhelm Dreysse, der für den Nachbau des im 17. Jahrhundert entstandenen „Alten Esslinger“ verantwortlich ist, setzte sich mit der neuen Zeit eine „sehr rational durchgestaltete“ Fachwerk-Technik durch. Dreysse verglich den „Alten Esslinger“ mit den Lofts in New York: Die Nutzung der Renaissance-Häuser sei nicht in Stein gemeißelt, die Räume konnten so oder so zugeschnitten werden. Überliefert ist, dass es in der hinteren Zone Schlafkammern mit Fenstern zum kleinen Innenhof gab. 

 Ein offenbar erhöhtes Raumverständnis zeigt auch die vier- einhalb Meter hohe Halle, die noch zu Goethes Zeiten eine offene Markthalle war und ein buntes Warenlager beherbergt haben dürfte. Und da taucht auch schon beim „Alten Esslinger“ eine weitere Ungereimtheit auf: Oft wird dem als „Prototyp des Renaissancebaus“ bezeichneten Gebäude ein Erdgeschoss aus Stein zugeschrieben. Tatsächlich aber ist es, ebenso wie das Erdgeschoss der „Tante Melber“, aus altem Eichenholz. Das „Lämmchen 4“, mit sieben Metern Breite recht schmalbrüstig, werde leider oft falsch beschrieben, bedauert Dreysse. 

 Wenn im nächsten Jahr das Struwwelpeter-Museum einzieht, wird es ebenso wie im Haus der Tante Melber alle Etagen in Beschlag nehmen. Für das Museum wurde eine innere Verbundenheit hergestellt – durch Wanddurchbrüche auf mehreren Etagen. Die ursprünglich vorgesehenen Wohnungen wurden gestrichen. Einen Aufzug gibt es auch: Wenn Struwwelpeter kommt, wird sein Museum barrierefrei sein.

Auch der Geist des Kinderbuch-Autors und Psychiaters Heinrich Hoffmann, der den Struwwelpeter erfunden hat, soll in der neuen Altstadt weiterleben: Wie Leiterin Beate Zekorn-von Bebenburg, gegenüber der FR erklärte, soll das Museum als Inklusions-Projekt für Menschen mit einer psychischen Erkrankung betrieben werden. 

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