© Renate Hoyer, FR
Schön verzierte Konsol- und Bogenschlusssteine schließen das hohe Erdgeschoss nach oben ab.
Die Altstadt-Rekonstruktionen
Frankfurt

Das Haus „Zur Grünen Linde“

Von Friederike Tinnappel
10:33

Auf den ersten Blick ist die „Grüne Linde“, Markt 13, eine Enttäuschung: Nur der Eingangsbereich ist grün. Woher dann also dieser lauschige Name? Vom gelb-marmorierten roten Sandstein des Erdgeschosses abgesehen, könnte man die Farbe der Fassade als zart hellgelb bezeichnen. Damit setzt die „Grüne Linde“ die Farbverwirrung der beiden angrenzenden Roten Häuser fort.

Der zweite Blick löst dann aber doch ein gewisses Wohlwollen aus: Die „Grüne Linde“ ist anders als ihre Nachbarn, irgendwie geselliger. Während die roten Häuser dem Metzgerhandwerk eng verbunden waren und sind – in das Rote Haus mit der weißen Fassade zieht wieder ein Metzger ein –, war in der „Grünen Linde“ zunächst, wie in so vielen anderen Altstadt-Häusern, eine Kolonialwarenhandlung untergebracht. Ab 1935 aber wurde ein gut besuchtes Gasthaus daraus, das den davor gelegenen Hühnermarkt mit Leben erfüllte.

Auch bei der Linde werden gotische Wurzeln vermutet, doch der jetzt fertiggestellte Nachbau nimmt die barocke Version zum Vorbild: Auffällig die „Konsolsteine“, kleine Vorsprünge, die die beiden nach oben strebenden Etagen zu tragen scheinen. Dazwischen verschiedene Wappen, die mal einen Baum – die grüne Linde vielleicht? – oder einen Handwerker zeigen. Den Abschluss bildet eine unübersehbare horizontal verlaufende Regenrinne. Und dann erhebt sich, als wolle es seine Eigenständigkeit demonstrieren, das ausladende Zwerchhaus, das links und rechts von jeweils einem Erker eskortiert wird.

Demnächst werden Weinseligkeit und Gastlichkeit in der Grünen Linde wieder Einkehr halten. Eine „Weinbar und Vinothek“ wird ins Erdgeschoss einziehen, das gerade noch von den Handwerkern hergerichtet wird. Dennoch wird die „Grüne Linde“ ihrem Namen nicht voll und ganz gerecht werden können, denn in der neuen Altstadt wird es, wie schon in der alten Altstadt, keinen Baum und schon gar nicht eine Linde geben.

Im Mittelalter, so der Chef der Dom-Römer GmbH, Michael Guntersdorf, war der Platz zwischen Dom und Römer beengt, jeder Quadratmeter wurde genutzt, und die in der Gegenwart so wertgeschätzten Bäume dienten in jener Zeit als Baumaterial und zum Feuermachen. Es habe damals so gut wie keinen Wald gegeben, „alles war abgeholzt“, sagt Guntersdorf – bis auf die gut gehüteten Jagdreviere des Adels, aus denen die Geschichten über Wilddiebe stammen, die mit drakonischen Strafen rechnen mussten, wenn sie erwischt wurden. Einzig der Goldenen Waage wird nachgesagt, sie habe ein kleines Gärtlein besessen.

Später zogen vermögende Bewohner der Altstadt „ins Grüne“, das sich damals dort ausbreitete, wo heute das alte Börsengebäude mitsamt „Bulle und Bär“ steht. Handwerker und Händler hingegen blieben in der Altstadt – auch wegen der Nähe zum Hafen. Bei der Gestaltung der neuen Altstadt hat sich nach Angaben von Guntersdorf die Frage nach einem Grünkonzept gar nicht erst gestellt. Denn unterm Pflaster ist an dieser Stelle weder Sand noch Strand, sondern eine große Tiefgarage: „Da wächst nichts.“

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