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Ob verzapft, verblattert oder benast, schön sieht es aus.
Die Altstadt-Rekonstruktionen
Frankfurt

Das „Neue Rote Haus“

Von Nele Eisbrenner
09:50

Richtig gelesen. Hier handelt es sich um das „Neue Rote Haus“ am Markt 17, nicht um das „Rote Haus“ nebendran. Beide Gebäude wurden im frühen 14. Jahrhundert nebeneinander erbaut. Das Rote Haus entstand zuerst und wurde damals auch „Altes Rotes Haus“ genannt. Das große Eckhaus auf Stelzen folgte 20 bis 40 Jahre danach. Deshalb hieß es „Neues Rotes Haus“. Da dieses weder Eingang noch Erdgeschoss hatte, konnte es nur über das Rote Haus betreten werden. Heute ist Letzteres weiß angestrichen, was regelmäßig für Verwirrung sorgt. In vielen aktuellen Quellen werden die Namen beider Häuser verwechselt. 

Die Besonderheit des gotischen Fachwerkbaus am Markt 17 war das fehlende Erdgeschoss. Drei massive Eichenholzsäulen trugen das Haus und bildeten eine Freifläche, die als Verkaufsstelle und Durchgang zur dahinterliegenden Gasse diente. Die verschieferten Dachvorsprünge des ersten Obergeschosses boten Schutz vor Nässe. Darüber hinaus markierte das Eckhaus den Beginn des Metzgerviertels, welches bekannt war für seine Straßenverkäufe, die sogenannten Schirnen oder Schrannen. Dem Haus kam deshalb eine zentrale Rolle für das Stadtleben zu. Dort liefen wichtige Gassen und Plätze zusammen: Der Hühnermarkt nördlich des Hauses, der Krönungsweg, welcher Dom und Römer verbindet, und die südlich gelegene Einkaufsgasse Tuchgaden. Das Gebäude verband so verschiedene Bereiche der Innenstadt miteinander. 

Der Bau des roten Eckhauses fiel zusammen mit einem Aufschwung der Stadt. Die Bevölkerungszahl wuchs stetig und Frankfurt erhielt eine städtische Selbstverwaltung. Das Haus beherbergte die Metzger-Innung und erhielt seine Farbe in „Ochsenblut Rot“. Da Metzger im Mittelalter zu den angesehenen Handwerkern zählten, überließ der Rat ihnen das hochfrequentierte Viertel. Dies spiegelte den gesellschaftlichen Strukturwandel in der Gotik wieder. Die Epoche markierte die Zeit des aufstrebenden Bürgertums in Frankfurt. 

Zünfte gewannen langsam an Einfluss, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Im 15. Jahrhundert kam es folglich zu heftigen Aufständen. Als Frankfurt 1372 zur freien Reichsstadt wurde, war das Neue Rote Haus vermutlich im Besitz eines Handelsmannes names Peter Scheffer. Im 16. Jahrhundert erfolgten tiefgreifende Umbauarbeiten durch den neuen Eigentümer Barthel Deublinger, welcher einer Tuchhändlerfamilie angehörte. Das markante Haus etablierte sich bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1944 zum Knotenpunkt des Fleischverkaufs in der Frankfurter Innenstadt. Von dort stammt das berühmte „Frankfurter Würstchen“. 

Die Rekonstruktion des Hauses orientierte sich am gotischen Original. Anders als die für die Epoche berühmten filigranen Gotteshäuser dieser Zeit, zeichnete sich das Neue Rote Haus durch sein schlichteres und pragmatisches Fachwerk aus – im 14. Jahrhundert ein Kennzeichen der profanen Architektur in Deutschland. Das Innenleben weist typische gotische Bautechniken auf, wie die formschlüssige Verblattung und Verzapfung der Holzpfähle. Da das Haus von außen verputzt ist, sieht der Betrachter leider nichts von dieser Baukunst. Weitere Erkennungsmerkmale sind die dezenten Verzierungen und Schnitzereien an den Balken des Gebäudes, das verschieferte Dachgeschoss und die „Frankfurter Nase“, ein kleiner mit Schiefern verkleideter Vorsprung an der nördlichen Dachspitze. Letzteres ist auch beim benachbarten Roten Haus zu finden. 

Ein ärgerlicher Fehler: Das erste Obergeschoss wurde verzapft, hätte aber verblattert werden müssen. Kritik über die historische Ungenauigkeit kam aus Fachkreisen, erzählt der Geschäftsführer der Dom-Römer GmbH Michael Guntersdorf. Der Laie bemerkt davon aber nichts, da auch diese Wände hinter Putz verschwinden. Vielmehr habe das Neue Rote Haus nach wie vor einen besonderen Wert für das Quartier, so dass die Stadt es behalten und nicht verkauft hat und für öffentliche Veranstaltungen nutzen möchte. 

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