© Renate Hoyer, FR
Woher der Name „Goldene Schere“ kommt, ist unklar.
Die Altstadt-Rekonstruktionen
Frankfurt

„Goldene Schere“: Goethes Blick auf die Laterne

Von Steffen Herrmann
17:50

Das also sah Goethe, wenn er bei Tante Melber war und hinaus auf den Hühnermarkt schaute: ein Eckhaus, groß und wuchtig, mit vielen Fenstern – der Dichter blickte auf die „Goldenen Schere“. Auf dem Dach des Hauses thronte schon damals wie heute ein achteckiges Türmchen – „Laterne“ nennen Architekten den turmartigen Aufsatz mit Fenstern. An seiner Spitze reckt sich eine Zinnkugel wie der Pickel einer Haube in den Himmel.

Dort ist ein besonderer Gruß an die Nachwelt versteckt: Beim sogenannten Knopffest im April des vergangenen Jahres wurden Münzen und Titelblätter der großen Frankfurter Tageszeitungen dort deponiert. Solche Zeitkapseln waren einst üblich – statt Tageszeitungen legte man aber Geburts- oder Sterberegister und eine Liste mit Preisen für Brot, Butter und Bier in die Knopfspitze der Gebäude.

Die Ursprünge der „Goldenen Schere“ liegen in einer Zeit, in der Häuser keine Hausnummern, sondern Namen trugen. Bis zu 500 Jahre seien die Namen der Häuser in der neuen Altstadt teilweise alt, erzählt Michael Guntersdorf, der Chef der städtischen Dom-Römer GmbH. Deswegen sei es nicht immer leicht herauszufinden, welche Bedeutung ein Name habe. „Vielleicht geht der Name der ‚Goldenen Schere‘ auf einen Friseur zurück, vielleicht auch auf einen Schneider. Wir wissen es nicht.“

Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde ein Haus an dieser Stelle im Jahr 1412. Das Haus, auf dem die heutige Rekonstruktion basiert, entstand allerdings erst im späten 18. Jahrhundert. An der Gasse Hinter dem Lämmchen vereinte das Eckhaus zwei kleinere Häuser. 

Wie die beiden Nachbarhäuser am Hühnermarkt, „Schlegel“ und „Eichhorn“, ist die „Goldene Schere“ in klassizistischen Formen gehalten. Das Ensemble am Hühnermarkt verzichtet auf die schwingenden Formen und den Prunk des Barock. Die streng eingeteilte Fassade in verputztem Fachwerk schließt geradlinig nach oben hin mit einem breiten Gesims ab. Zum Hühnermarkt hin nehmen vier Gauben die Fensterachsen der Fassade auf.

Unten im Erdgeschoss des Mischbaus aus Holz und Stein wurden seit 1877 Kolonialwaren gehandelt, wie auch im Nachbarhaus „Schlegel“. Ab 1935 gingen dann verschiedene Güter wie Kohlen und Milch über die Ladentheke. 

Die Berliner Stiftung Lelbach hat das rekonstruierte Gebäude gekauft. In das Erdgeschoss soll ein Café einziehen, die vier Geschosse über dem Laden sollen als Wohnungen genutzt werden. Nach eigenen Angaben hat sich die Stiftung „die selbstlose Unterstützung geistig, seelisch oder wirtschaftlich hilfsbedürftiger Personen“ zum Ziel gesetzt; Sozialwohnungen wird es in dem Haus aber nicht geben, denn die Stiftung Lelbach legt ihr Kapital „in Immobilien in städtebaulich bedeutenden Lagen mit historischem Hintergrund an, um aus diesen Erträgen den gemeinnützigen Stiftungszweck zu erfüllen“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neue Altstadt Frankfurt   Zur Startseite