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Hier legt der Chef noch selbst Hand an: Sasa Pelesich steht hinter der Theke in seinem Café „Im Glück“ in der Gluckstraße 17 im Nordend.
Frankfurt-Nordend
Frankfurt

Ein Viertel im Wandel

Von Moritz Elliesen
16:39

Würde man den Frankfurter Stadtplan mit einer Dartscheibe vergleichen, wäre das Nordend wahrscheinlich das Bulls-Eye. Das Viertel liegt im Herzen von Frankfurt - ein Volltreffer also. Böse Zungen behaupten, dass sich das ehemalige Studentenviertel zusehends in eine Frankfurter Version der Berliner Hipsterviertels „Prenzlauer Berg“ und „Friedrichshain“ entwickelt – mit Soja-Chai-Latte und Vinyasa-Flow-Yogastudios.

Entgegen den Gerüchten, es gebe im Nordend nur noch luxussanierten Altbau mit Dielenboden stoßen wir an unserem Startpunkt in der Wielandstraße aber auf einen grauen Betonkasten aus den 50er Jahren. Und anders als zu erwarten, hängt aus dem Fenster auch kein „Free-Tibet“-Wimpel. Stattdessen steht auf der Fensterbank ein eher spießbürgerlich bestückter Blumenkasten – zu allem Überfluss steckt darin auch noch ein Deutschlandfähnchen. Das Gerede über das von gut betuchten Grünen-Wählern durchgentrifizierte Nordend – alles nur Lug und Trug?

Nach einer halben Stunde erfolglosen Nachfragens (Ich: „Guten Tag, ich bin von der Frankfurter Rundschau.“ Er: „Schön für Sie.“) treffen wir jemanden, der es wissen muss. Vor seiner Wohnungstür in der Wielandstraße 39 erzählt Diethard Behrens, wie sich seine Nachbarschaft über die Jahrzehnte gewandelt hat.

Behrens kam als junger Mann nach Frankfurt, um hier Soziologie zu studieren und zog 1979 ins Nordend. „Auch Adorno habe ich am Anfang noch mitbekommen“, erzählt er. Viele junge Menschen zog es zu der Zeit in die Stadt am Main, um Adornos Ausführungen zur kritischen Theorie in völlig überfüllten Hörsälen zu lauschen. Und wegen der günstigen Mieten entwickelte sich das Nordend damals schnell zu einem beliebten Studentenviertel.

In den letzten Jahren habe sich die soziale Zusammensetzung stark verändert, erzählt Behrens. „Man muss nur mal gucken, wie viel dicke Autos jetzt hier rumstehen.“ Darüber hinaus würden immer mehr Mietshäuser verkauft und dann in Häuser mit Eigentumswohnungen verwandelt. „Da muss schon ein gewisses Einkommen dahinterstehen“, sagt der Soziologe im Ruhestand – wobei Ruhestand streng genommen ungenau ist, denn er lese und schreibe immer noch viel, erzählt Behrens.

Die vielen mittelständischen Handwerksbetriebe hätten zusehends Cafés, Bars und Kneipen weichen müssen, sagt er über das Nordend. Ein positiver Nebeneffekt: Es gebe jetzt besseren Kaffee als früher, auch das kulinarische Angebot sei gewachsen – und es sei nicht so, dass im Nordend nur Luxusläden entstünden, auch für Menschen mit einem geringeren Einkommen sei etwas dabei, sagt Behrens.

Davon können wir uns im Café „Im Glück“ in der Gluckstraße 17 überzeugen. Hier bekommen der inzwischen halberfrorene Schreiber und der etwas kälteresistentere Fotograf einen Cappuccino auf Kosten des Hauses. Wer nicht in den Genuss eines Freigetränks kommt, muss dafür sonst 2,50 Euro bezahlen – auch nicht mehr als anderswo in Frankfurt.

Dafür aber umso besser: Die stolze Milchschaumkrone fällt bis zum Ende nicht in sich zusammen, und das Heißgetränk schmeckt besser als jeder Soja-Chai-Latte dieser Welt. Auch die Kuchen und Torten in der Vitrine sehen vielversprechend aus. Blöd, dass der Text heute noch geschrieben werden muss und keine Zeit für eine ausgiebigere Verkostung ist.

„Früher war ich oft in Cafés, in denen entweder der Kaffee oder der Kuchen gut war, aber selten beides“, erzählt Aylin Kal. Sie betreibt das „Im Glück“ gemeinsam mit ihrem Partner Sasa Pelesich seit eineinhalb Jahren. „Bei uns ist alles hochwertig“, sagt Pelesich, „von der Kaffeebohne über die Milch bis zur Torte.“

Dass die beiden mit ihrem Café im Nordend gelandet sind war Zufall. Die Ladenfläche hätten sie von einem Bekannten übernommen, der dort vorher einen Lotto- und Tabakladen betrieben habe. „Aber wir sind sehr zufrieden mit dem Standort“, sagt Pelesich. Im Nordend würden inzwischen viele Menschen mit höherem Einkommen wohnen, „aber zu uns kommen auch Alteingesessene“. Rund 80 Prozent der Kunden seien Stammgäste aus der Nachbarschaft, sagt der Caféinhaber.

Wegen solcher Läden fühlt sich das Team der „BellaVista Filmproduktion“ hier wohl. Seit Anfang Januar ist die Agentur, die Werbefilme für Konzerne, mittelständische Unternehmen und Behörden produziert, in einem Hinterhof in der Wielandstraße 36 beheimatet.

„Das Nordend passt gut zur familiären Arbeitsatmosphäre“, erzählt Florian Schwarz, der seit einem Jahr bei BellaVista arbeitet. Der alte Standort an der Hanauer Landstraße habe nicht mehr gefallen – zu trostlos sei es da gewesen. „Hier geht man vor die Tür und ist mitten im Leben“, sagt Schwarz.

Dass Einkaufsläden und Restaurants zu Fuß schnell zu erreichen sind, schätzt auch Gabriele Henrich, die wir auf dem Rückweg von ihrer Rückengymnastik treffen. Die ehemalige kaufmännische Angestellte ist seit 14 Tagen in Rente, und von allen Menschen, die wir getroffen haben, beurteilt sie die Entwicklung in ihrer Nachbarschaft am kritischsten.

Aus Angst, dass ihr Haus verkauft wurde, halte sie jedes Mal die Luft an, wenn sie den Briefkasten aufmache, erzählt sie. „Für Normalverdiener hat sich das Nordend eindeutig zum Nachteil entwickelt.“ Und wenn infolge des Brexit noch mehr Banken nach Frankfurt kommen, werde es auch im Nordend noch schlimmer, glaubt sie.

Für Henrich und andere Alteingesessene bleibt die Hoffnung, noch lange hier wohnen zu bleiben. Und immerhin: Ein Yoga-Studio haben wir auf unserem Weg nicht gesehen.

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