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Natalia Makievski (rechts) von der Töpferei McKiev im Sandweg zeigt Besucherin Flor Marin mit Tochter Ilse ihre Keramikarbeiten.
Frankfurt-Nordend
Frankfurt

Kunst zum Anfassen

Von Antonia Groß
18:49

Leise Klaviermusik säuselt aus einer Anlage, der Duft nach Kaffee besänftigt vom Alltag strapazierte Nerven. Liebevoll drapierte Tassen, Vasen und Skulpturen ziehen die Blicke der Besucher in den zwei hellen Räumen des Ateliers McKiev am Sandweg auf sich und präsentieren ihre satten, ruhigen Farben. Ihre mal glatten, mal rauen Oberflächen schmeicheln den Händen jedes neugierigen Betrachters. Rote, schwarze und weiße Tonbüsten blicken von den Regalbrettern auf das entspannte Treiben herab.

Zum 13. Tag der Töpferei öffneten am Samstag und Sonntag bundesweit rund 500 Keramikschaffende ihre Pforten. Auch vier Frankfurter Ateliers luden Interessierte zum Einblick in das uralte Handwerk ein: Goldgrubenkeramik in Niederursel, Irdenglück in Höchst, die Porzellanwerkstatt in Unterliederbach und das Atelier McKiev.

Die Künstler Natalia Makievski und Stephan Pridik im Sandweg stellten ihre Werke in diesem Jahr unter dem Motto „Keramik für Tisch, Wand, Boden, Hand und Seele“ aus. Seit 2011 nimmt das Ehepaar am Tag der offenen Töpferei teil. „Es ist eine gute Gelegenheit für Leute, sich einfach mal umzuschauen“, sagt Makievski. Zum ersten Mal besucht auch Maria Brinkhof das Atelier. Die 20-jährige ist fasziniert von der Mischung aus Gebrauchsgegenständen und Kunst. Ihr gefällt vor allem die heimelige Atmosphäre im Atelier: „Ich spüre jetzt sofort den Drang, selbst etwas zu machen“, sagt die Frankfurterin.

Den ersten Kontakt mit Keramik hatte Natalia Makievski in ihrer Jugend ganz zufällig, als sie frischen Ton in einer Werkstatt sah und der „weißen, schmandartigen Maße“ nicht widerstehen konnte. „Es ist wie eine Sucht“, sagt Makievski und lacht über den eigentlich ernst gemeinten Scherz. Doch für sie steckt noch weit mehr in der Arbeit mit der erdigen Masse: Technologien und moderne Formen der Arbeit produzierten Hektik und Ungeduld. Den Menschen fehlten Orte der Ruhe und der Erdung, diagnostiziert die Kunstpädagogin. „Die Ergebnisse heutiger Arbeit kann man nicht mehr anfassen“, beklagt sie, „deshalb suchen die Leute danach, etwas mit ihren Händen zu machen.“

Ort der Zeitlosigkeit

In ihrem Atelier will sie der gesellschaftlichen Entwicklung etwas entgegensetzen und hat aus ihrer Leidenschaft einen „Ort der Zeitlosigkeit“ gemacht. Ihre These bestätigt sich in der hohen Nachfrage an den Töpferkursen, die neben dem eigenen Schaffen den Fokus ihrer Arbeit ausmachen. „Die Kurse sind immer voll. Wir mussten inzwischen sogar die Termine aufstocken“, erzählt Pridik.

In Hessen richtet den Tag der offenen Töpferei der Verein Keramik-Hessen aus, der seit 2016 die Hessische Keramikerinnung ersetzt. Dass Keramik nach wie vor ein gefragtes Gewerbe ist, zeigt das hohe Interesse an diesem Tag. So ist Laurie Ann McGowan extra aus Mainz angereist. Jedes Jahr sieht sie sich gleich fünf bis sechs Werkstätten an einem Tag an. Auch für sie ist das Besondere an der Töpferei die Verschmelzung zwischen Gebrauch und Ästhetik: „Ich plane das immer lange voraus und fahre in jedem Jahr in eine andere Stadt“, so die Besucherin, „die Vielfalt der Erzeugnisse ist unglaublich!“

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