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Wanda Stefanowicz (55) wohnt im Haus Lilith, Übergangswohnheim für Frauen in Not.
Haus für Frauen in Not
Frankfurt

„Ein Zuhause, als ich ganz unten war“

Von Kathrin Rosendorff
13:12

Zwei Monate lang muss Wanda Stefanowicz in einem Gartenhäuschen leben. „Der Mann, den ich zuvor 24 Stunden am Tag gepflegt hatte, starb total unerwartet.“ Die Polin hatte bei ihm in Frankfurt gewohnt, aber nach seinem Tod „musste ich sofort aus der Wohnung ausziehen“, erzählt die 55-Jährige. Sie war mal Bauleiterin. In ihrer Heimat Stettin. Seit zwei Tagen wohnt sie nun im Haus Lilith, einem Übergangswohnheim für Frauen in Not unweit des Zoos. Träger ist die Diakonie Frankfurt. „Ich bin hier mit drei Taschen. Mehr besitze ich nicht mehr“, sagt Stefanowicz.

Ihre Haare sind noch etwas nass vom Duschen. Sie trägt ein hübsches, rotes Kleid und eine schwarze Kette, als sie im Garten des Hauses von ihrem Schicksal erzählt. „Ich kämpfe immer. Das ist meine Natur. Und ich wünsche mir so sehr, wieder arbeiten zu können.“ Sie lächelt. Ihre jüngste Tochter ist 17, geht noch zur Schule und lebt in einer anderen Frankfurter Einrichtung. „Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammenwohnen.“ Die weiteren Kinder und die Enkel leben in Polen.

Stefanowicz ist das Kämpfen gewohnt: Schon mit 29 Jahren ist sie Witwe und muss ihre fünf Kinder alleine durchbringen. Ihre Mutter erkrankt an MS. „Und ich habe sie gepflegt, bis sie starb.“ Dann stirbt auch noch ein Sohn, und Stefanowicz will nur noch weg. Sie sucht einen Job in Deutschland, kommt 2012 nach Frankfurt. Zunächst pflegt sie privat alte Menschen, später sortiert sie Briefe bei der Post. „Aber ich hatte eine Virusgrippe und verlor den Job.“ Durch Zufall lernt sie eine Frau der Diakonie kennen, die ihr das Haus Lilith empfiehlt. Stefanowicz’ Zimmer hat ein Bett mit Blümchenbettdecke, ein bunter Teppich liegt davor. Die Bewohnerinnen leben auf vier Etagen, die Bäder sind auf dem Gang. Die Flure sind in freundlichem Gelb gestrichen, die Wohnküche hat rosa Kissen, es ist sehr gemütlich. Öffnet man den Kühlschrank, erinnert das an einen Banksafe – jede Bewohnerin hat ihr eigenes Schließfach.

„Jede Frau kauft mit ihrem Geld für sich Lebensmittel ein“, erzählt Mehri Farzan, die Leiterin des Hauses, in dem momentan 28 Frauen lebten. „Frauen, die durch prekäre Lebenslagen wohnungslos geworden sind“, sagt Farzan. „Wir unterstützen sie, damit sie wieder selbstständig klarkommen können.“

Alle möglichen Nationalitäten seien hier vertreten. Einige Frauen kämen aus Bulgarien oder Polen und hätten wie Stefanowicz jahrelang privat Menschen gepflegt. „Oft bekamen sie kein Gehalt, manche schliefen in der Küche“, erzählt Farzan. In diesen Fällen seien sie nicht gemeldet und hätten nicht mal eine Krankenversicherung. „Wir helfen ihnen, damit sie zunächst eine Grundsicherung bekommen.“

Eine Voraussetzung, um im Haus Lilith eine Übergangsbleibe zu finden, sei, sich auf Hilfe einlassen zu können, sagt die Leiterin. Bis zu zwei Jahren blieben die Frau durchschnittlich dort. Bei Binnur Sogukcesme sind es jetzt ein Jahr und neun Monate. An ihrer Tür hängt eine Postkarte, auf der steht: „Jeder Mensch braucht eine Wohnung.“ Ende des Monats zieht die 50-Jährige, die in Istanbul geboren und Aschaffenburg aufgewachsen ist, in eine eigene Wohnung. „Nur wenn du mal tief gefallen bist und du merkst, dass dir nichts mehr passieren kann, bist du mutiger als je zuvor“, sagt sie. Jahrelang hatte sie als Vertriebsassistentin gearbeitet, irgendwann brach sie den Kontakt zu ihren Eltern ab. Sie bekam ein Angebot aus der Türkei, doch obwohl es ein toller Job gewesen sei, habe sie rasch gemerkt: „Deutschland ist meine Heimat.“

Ende 2016 kam Sogukcesme zurück. Ohne Geld, ohne Dach überm Kopf, „und den Leuten zu sagen, ich sei wohnungslos, dafür schämte ich mich“. Erst später versöhnte sie sich mit ihrer Famile. „Das Haus Lilith hat mir ein Zuhause gegeben, als ich ganz unten gewesen bin“, sagt Sogukcesme. In anfänglichen depressiven Phasen „ging zeitweise gar nichts“. Doch sie fing sich, schrieb 300 Bewerbungen und arbeitet seit einem Monat für eine Zeitarbeitsfirma. Sie zeigt auf eine Postkarte, da stehe ihr Lebensmotto. Ein Oscar-Wilde-Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende.“

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