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Wohl bekomm’s: Silas Müller mit Obst und Gemüse aus der Kooperative.
Landwirte der „Kooperative“ in Frankfurt
Frankfurt

Landwirte der „Kooperative“ expandieren

Von Thomas Stillbauer
08:30

Christoph Graul lädt Gurken- und Tomatenpflanzen aus. Mit dem Gartenschlauch wässert er das Grünzeug. Im Lieferwagen sind noch Kräuter, Weißkohl, Kohlrabi. Die Sonne strahlt. Der Hahn kräht.

Der Hahn? Wo haben sie den jetzt wieder her, die solidarischen Landwirte von der wachsenden Genossenschaft „Die Kooperative“? Den Hahn haben sie vom Quellenhof in Steinbach übernommen, die neueste Errungenschaft des Projekts. Vor drei Monaten in Oberrad auf leeren Feldern gestartet, expandiert das Bio-Start-up seither, setzt in der Stadt Marken – und hat jetzt ein kräftiges Standbein im Vordertaunus. „Es ist viel passiert“, sagt Graul. „Was wir uns vorgenommen haben – es funktioniert.“

Was sich Graul und Mitstreiter Silas Müller vorgenommen haben, ist Urban Farming: Bio-Landwirtschaft für alle, denen gesundes Essen wichtig ist. Wie andere Unternehmer der florierenden Sparte solidarische Landwirtschaft sorgen sie dafür, dass Verbraucher regelmäßig Obst, Gemüse und Eier bekommen und die Bauern der Region regelmäßige Einkünfte. Ganz konkret bezahlt man bei der Kooperative 18,20 Euro für einen Ernteanteil Gemüse pro Woche, der für zwei bis drei Personen reicht (436,80 Euro im Halbjahr), für die Obstkiste 12,70 Euro (304,88) und sechs Euro (144) für Eier. Das gibt es alles auch eine Nummer kleiner für Singles.

Was die Kooperative von anderen Anbietern unterscheidet: Sie produziert selbst, und sie lädt ihre Mitglieder regelmäßig ein, dabei zu sein und mitzumachen. Graul und Müller haben zurzeit alle Hände voll zu tun. „Wir fangen früh an und hören spät auf“, fasst Müller den Tagesablauf griffig zusammen. Dazu hat auch die Erweiterung in den Taunus beigetragen. Der Steinbacher Quellenhof stand wegen einer Erkrankung des Inhabers schon vor dem Aus, als die Neu-Bauern durch ihren Bäcker davon erfuhren. Schnell war der Entschluss gefasst, den Betrieb zu übernehmen, zur Freude des Vorbesitzers, dem daran gelegen ist, die Bio-Landwirtschaft dort zu erhalten. „Er möchte mit großem Herz, dass es weitergeht“, sagt Graul.

Dazu gehört der Hofladen in Steinbach, in dem die Kooperative nun auch ihre Produkte anbietet. Das Geschäft ist somit der Prototyp des Mitgliederladens: Wer der Genossenschaft beitritt, die bis September auch förmlich gegründet sein soll, kann dann in diesen Laden kommen, seinen Anteil nehmen und nach Hause gehen – ohne zu bezahlen.

Oberste Devise bleibt: langsam wachsen, nichts überstürzen

15 Hektar Land sind auf einen Schlag hinzugekommen zu den fünf Hektar, die die Kooperative in Oberrad bewirtschaftet. Viel Fläche für zwei Männer und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin; am Montag stellen Graul und Müller daher eine erfahrene Demeter-Landwirtin zusätzlich ein. Es gibt schließlich viel zu tun: Rote Beete, Karotten, Kartoffeln, Lauch, Sellerie waren in den ersten Kisten für die Mitglieder in diesem Jahr, jetzt melden sich Radieschen, Spinat, Mangold, Salat, Kohlrabi, Zucchini an – und natürlich Spargel, Erdbeeren und Rhabarber. „Der Sommer kommt langsam in Gang“, sagt Müller.

Wer einen Anteil erwirbt, muss ihn nicht in Oberrad oder Steinbach abholen. Es gibt längst Kooperative-Depots quer durch die Umgebung: von Offenbach über Sachsenhausen, das Ostend, Seckbach, Innenstadt, Ginnheim, Gallus bis nach Zeilsheim können die Mitglieder ihre Kisten zu festen Zeiten abholen. Auf der Erzeugerseite arbeitet die Kooperative inzwischen mit knapp 15 Partnern zusammen, vom Odenwald bis nach Mainz.

Oberste Devise bleibt: langsam wachsen, nichts überstürzen. Für die Erweiterung nach Steinbach und für die Hühnermobile werkeln Müller und Graul noch an der Finanzierung, unter anderem mit EU-Subventionen. Brot, Milch, Saft und Bier sollen als Produkte hinzukommen.

Angeheuert haben bisher um die 80 Haushalte, immerhin eine Verdreifachung seit April. Irgendwann, wenn sie trotz all der Arbeit dazu kommen, wollen sie in die Fußgängerzonen gehen, Leute ansprechen, Werbung machen. Die beiden Bartträger trauen ihrem Projekt zu, einmal bis zu 30 000 Menschen zu versorgen. Aber das ist ein Planspiel, berechnet für eine Versorgungskrise mit Lebensmitteln berechnet.

www.diekooperative.de

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