© Rolf Oeser, FR
Die glorreichen Vier: Goethe, Christ, Paulus, Stoltze (von links). Nicht sichtbar: der gute Geist der Oma Rink.
Oma Rink in Frankfurt
Frankfurt

Ein letzter Blick aufs Kätchen

Von Stefan Behr
14:51

Wer das schmale Gässchen zwischen Musikanten- und Sandweg entlangstrolcht, der kann noch immer vier Frankfurter Legenden sehen, die etwas trübsinnig durch die Lücke glotzen, die Oma Rink hinterlassen hat. Links und rechts wird das Quartett von unseren unvermeidlichen Dickdichtern Goethe (national) und Stoltze (regional) angeführt. Die Dame links identifizieren die meisten Ortskundigen mit der Volksschauspielerin Liesel Christ (1919-1996), die Frau rechts von ihr aber kennt fast niemand.

Nun denn: Kätchen Paulus (1868-1935) war die erste deutsche Berufsluftschifferin, Erfinderin des zusammenlegbaren Fallschirms. Den prekären Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen war, entfleuchte sie, als sie 1890 den Ballonfahrer Carl Christoph Lindmann kennen- und lieben lernte. Lindmann stürzte 1894, kurz vor der geplanten Hochzeit, vor Paulus‘ Augen bei Krefeld in den Tod – was sie Jahre später zur Erfindung des faltbaren Rettungsschirms inspirierte. 

Paulus zog weiterhin als Fallschirmspringerin und Luftakrobatin durch die Lande (international trat sie als „Miss Polly“ auf). Sie war ihre eigene Managerin und Pressechefin und um keine Innovation verlegen: Für die Adlerwerke etwa fuhr sie mit dem von ihr erdachten „Fahrrad-Luftballon“, bei dem ein Fahrrad die Gondel ersetzte, Reklame. 1912 zog sie nach Berlin, um dort für die Heeresluftfahrtverwaltung zu arbeiten, versemmelte ihr Vermögen, indem sie es in Kriegsanleihen investierte, und starb in Armut. 

Der Platz hat der unbekannte Künstler für das Paulus-Gedenken gut gewählt. Zum einen wohnte Kätchen Paulus mit ihrer Mutter von 1890 bis 1895 in der nahe gelegenen Waldschmidtstraße 58, zum anderen hatten ihre sonntäglichen Ballonaufstiege am Frankfurter Zoo ab 1894 einen so großen wie dauerhaften Erfolg.

Zudem ist der Ort des Bildes ein heiliger Boden starker Frauen. Denn Lulu Schwarz, die legendäre Wirtin, die hier mehr als 40 Jahre lang die Tresenherrschaft über die Kultkneipe (kann man in diesem Fall ausnahmsweise wirklich so sagen) Oma Rink innehatte, war nicht nur die Mutter aller Frankfurter Gastwirtinnen, sondern auch die erste Frankfurterin mit Autoführerschein. 

Demnächst wird hier nichts mehr an Paulus und Schwarz erinnern. Bis Ende 2019 wird hier ein großer Klotz mit neun schweineteuren Eigentumswohnungen zum Sammeln und Spekulieren entstanden sein, der dann den Blick versperrt. 

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