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Cream-Chef Bernhard Hahn mit einer FGN-Gitarre. „Ich renne nicht mehr dem Gibson- und Fender-Wahn nach“, sagt er.
Cream Music in Frankfurt
Frankfurt

Cream Music kommt dribbdebach an

Von Thomas Stillbauer
20:43

Die Götter hat Bernie Hahn nicht angerufen. Aber die Vorfahren. „Ich war am Grab“, sagt er. „Ich habe die Ahnen gefragt: Was soll ich machen?“ Berechtigte Frage. 114 Jahre lang, seit 1904, war Hahns Geschäft an der Taunusstraße im Bahnhofsviertel die erste Adresse für Musiker auf der Suche nach Rat und Instrumenten. Und damit sollte jetzt Schluss sein, Aus, Ende am Stammsitz?

Offenbar ja – die Antwort der Ahnen lautete: Mach es. Und so ist Cream Music also umgezogen, über den Main in die Seehofstraße nach Sachsenhausen. Seit einigen Tagen prangt das Firmenlogo überm Eingang. Vertraut sieht das aus, auch wenn noch Kabel aus der Fassade hängen. Es ist längst noch nicht alles fertig. „Wir haben Zeit“, sagt Hahn.

Hinten im Laden hat das historische Firmenschild seinen Ehrenplatz gefunden, „B. Hummel“ steht drauf, der Name, den die Urgroßeltern Babette und Heinrich Hummel für ihr Geschäft wählten. Gleich daneben der alte Tresen und die Registrierkasse aus dem Jahr 1926. „November 1926“, präzisiert Hahn. „Ich wollte natürlich so viel Patina wie möglich mitnehmen“, betont er. Dazu gehört das alte Holz aus dem Schaufenster, vom Bahnhof nach Dribbdebach gekarrt und neu eingepasst. Der hintere Bereich des Ladens soll aber viel Neues enthalten, unter anderem eine Bühne für kleine Musikeinlagen. Und daneben steht der Totempfahl, der aus der bisherigen Nutzung des Ladenlokals übriggeblieben ist. Vormieter war ein indianisches Restaurant. „Wer nicht brav ist, wird an das Totem gebunden“, scherzt Hahn. Bis jetzt sind alle brav gewesen.

„Es war schon eine heftige Nummer nach mehr als 100 Jahren“, sagt er. Aber die Situation in der Taunusstraße sei unerträglich geworden, die Drogenszene vor dem Laden habe überhandgenommen und sei bis ins Geschäft eingedrungen. Familien und junge Musikschüler habe das abgeschreckt, sagt Hahn. „Ich habe mich emotional getrennt. Als der Schlüssel dann abgezogen war, fiel eine Riesenlast von mir ab.“ Gegen die Probleme am Bahnhof sei die Lage in der Seehofstraße ein Idyll. Jüngst gab es eine kleine Feier für die Bauarbeiter, die die Umbauten machen sollen, und spontane Live-Musik auf dem Trottoir. „Die Nachbarn waren begeistert“, freut sich der Inhaber. Bis auf eine Frau. „Die kam am nächsten Tag und hat gesagt, sie sei enttäuscht – es gebe ja heute gar keine Musik.“

Umzug war eine Plackerei

Wie soll’s weitergehen? Ein paar Feinabstimmungen mit den Ämtern stehen noch aus, da will Hahn alles genau nach Vorschrift machen. Dann sollen auch die übrigen Waren kommen. Was jetzt schon zu bestaunen ist, Gitarren und Bässe vor allem, ist ja längst nicht das ganze Sortiment. Und doch war der Umzug eine Plackerei. „Wir hatten einen Sieben-Meter-Hänger, voll mit Sperrmüll“, sagt der Chef, „und was wir alles gefunden haben, tief in den alten Schränken! Ich war lang nicht mehr so kaputt – es fühlte sich so ähnlich an wie zum Abschluss einer Drei-Monate-Tournee.“ Spricht’s, greift sich eine Gitarre und singt „Why Did You Do It“, den alten Hit der britischen Band Stretch.

Ein Vertreter ist da, Thomas Frenzel von Musik Meyer aus Marburg. Er vertreibt Vox- und Korg-Produkte, Verstärker und Keyboards, und er ist überzeugt: „So ein Kultladen wie Cream Music muss einfach erhalten bleiben.“ Der einzig richtige Weg für ein Musikgeschäft sei, Emotionen zu bieten, das Erlebnis zu ermöglichen: „Sonst ist es nicht überlebensfähig gegen das Internet.“

Den Weg will Bernie Hahn weitergehen. „Das hier wird kein Kaufhaus sein, nicht schnellschnell, sondern wir werden ausgesuchte Ware verkaufen, zurück zum Wesentlichen.“ Und die Kunden freuen sich, wenn sie vor Ort mal zufällig einen lokalen Star treffen wie Ali Neander, Gitarrist der Rodgau Monotones, in vielen Projekten unterwegs. Neander stattete dem neuen Cream Music schon einen Besuch ab.

Und wann ist Eröffnungsfeier? „Da halte ich es wie mein alter Kumpel Horst Lichter“, schildert Hahn. „Der sagte: Bernie, in meinem Laden bin ich der Star – und hat die Eröffnungsparty acht Jahre nach der Eröffnung gemacht.“ Wie gesagt: Bei Cream Music wird nichts überstürzt, da hat man Zeit. Das haben die Ahnen sicher auch schon so gehalten.

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