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Im Frankfurter Stadtteil Oberrad soll eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. (Symbolbild)
Flüchtlinge in Frankfurt
Frankfurt

Anwohner von neuer Flüchtlingsunterkunft fürchten Kriminalität

Von Manuel Schubert
08:16

Es dauert nur wenige Minuten, ehe es richtig laut wird im Saalbau Depot Oberrad. Dabei will Manuela Skotnik am Dienstagabend eigentlich nur ein kleines Missverständnis aus der Welt räumen. In der Wiener Straße soll eine neue Flüchtlingsunterkunft entstehen, allerdings nicht in den Häusern 130-136, wie die Stadt in einem Rundbrief an die Anwohner missverständlicherweise geschrieben hatte, sondern auf der Grünfläche davor.

„Sie müssen also nicht aus ihren Häusern ausziehen“, lässt die Sprecherin des Sozialdezernats die Anwohner wissen. Und erntet schallendes Gejohle. Für einige der gut 150 Anwesenden ist das offenbar eine stimmige Schlussfolgerung: Flüchtlinge ziehen her – ich ziehe weg.

In den folgenden zweieinhalb Stunden wird klar, dass weitere Ressentiments herrschen: gegen das Bauvorhaben und gegen Flüchtlinge im Allgemeinen. Rund 140 von ihnen sollen in den Neubau einziehen, hauptsächlich Familien und Paare. 26 Wohnungen umfasst das Haus, das rund 6,5 Millionen Euro kosten soll. Der Bauantrag ist schon gestellt, im Herbst sollen die Bagger anrollen, 2020 dürfte das Gebäude bezugsfertig sein.

Der Vertrag mit dem Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der die Unterkunft betreibt, läuft über zehn Jahre, danach hat er die Option, ihn zweimal um je fünf Jahre zu verlängern. Anschließend sollen die Wohnungen dem freien Wohnungsmarkt zur Verfügung gestellt werden.

Frankfurt: Angespannter Wohnungsmarkt

Warum wird überhaupt eine Unterkunft gebaut, wo doch zurzeit so viele Einrichtungen geschlossen werden? Der extrem angespannte Wohnungsmarkt macht Frankfurt gewissermaßen zum Sonderfall, führt Manuela Sktonik aus. Viele Geflüchtete haben Probleme, eine eigene Bleibe zu finden. Damit sie nicht ewig unter schwierigen Bedingungen in Notunterkünften hausen müssen oder die Sporthallen der Vereine belegen, will die Stadt mehrere eigene Gebäude errichten.

Einigen Oberrädern stößt das sauer auf. Immer wieder kommen Fragen auf wie: Was wird für die Frankfurter getan, für die Deutschen? Als Andrea Lehr von der Wohnheim GmbH, einer Tochter der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG, berichtet, dass alle Wohnungen der Flüchtlingsunterkunft mit Terrasse oder Balkon ausgestattet sein werden, gibt es lautes Gelächter.

Auch sonst wird oft gebrüllt, gejohlt oder gepfiffen. Einer ruft sarkastisch: „Wir schaffen das!“ Als Lehr ankündigt, dass auch die Hausnummern 130-136 bis zum Jahr 2020 renoviert werden sollen, geht das im allgemeinen Getöse fast unter.

Viele Bedenken gibt es beim Thema „Sicherheit“. Laut Horst Conradi, Einsatzleiter beim 8. Polizeirevier, sind die unbegründet. „Auch in anderen Stadtteilen gab es Ängste und Befürchtungen“, sagt er. „Man muss in der Rückschau feststellen, dass die nicht eingetreten sind.“ Wenn viele junge, männliche Flüchtlinge auf engem Raum zusammenleben, gebe es öfter „Spannungen und Krawall“, so Conradi. „Aber bei Familien mit Kindern haben wir keine Probleme.“

In der Wiener Straße sollen zudem nur Geflüchtete einziehen, die seit Jahren in Deutschland leben. Trotzdem wird rund um die Uhr ein Pförtner anwesend sein, der kontrolliert, wer sich im Gebäude aufhält, und als Ansprechpartner für die Anwohner zur Verfügung steht.

Mit fortgeschrittener Zeit werden die Redebeiträge endlich etwas unaufgeregter. Viele, die offenbar nur Dampf ablassen wollten, sind längst gegangen. Und so kommen einige gut gemeinte Anregungen zustande. Mehrere Anwohner fordern einen eigenen Spielplatz für die Unterkunft. Der Kinderbeauftragte Roland Limberg (CDU) schlägt zudem ein Kennenlern-Fest für die gesamte Nachbarschaft vor.

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