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Der 97-jährige Zeitzeuge Otto Schiff ist extra aus Kalifornien angereist.
Höchst
Frankfurt

Die verlorenen Leibnizschüler

Von Theresa Höpfl
18:34

„Zuerst möchte ich euch mitteilen, dass ich eure Einladung annehme und am 31. August zur Veranstaltung in Frankfurt sein werde.“ Dieser Satz stammt aus dem Antwortbrief von Otto Schiff aus Kalifornien an die Schüler der Leibnizschule in Höchst. Es ist der beinahe unglaubliche Abschluss eines jahrgangs- und fächerübergreifenden Projekts namens „Nachspüren“. Ein Schuljahr lang haben die Gymnasiasten sich auf Spurensuche nach Schicksalen sechs ehemaliger jüdischer Mitschüler begeben. Gestern stellten sie ihre Ergebnisse, eine Kunstausstellung und eine Gedenktafel vor.

„Es gab eine Lücke in der Geschichtsschreibung“, erzählt die Kunstlehrerin und Projektleiterin Andrea Mihm. Im Foyer des 175 Jahre alten Gymnasiums hängt eine Tafel, die deutschen Kriegsopfern gedenkt. „Aber warum nur den Soldaten?“, sagt Mihm: „Wir wollten wissen, ob es jüdische Opfer an unserer Schule gab.“

Zwei Kurse haben sich ein Jahr lang auf Spurensuche begeben. Ein Wahlkurs in Gesellschaftswissenschaften recherchierte die Schicksale und Lebenswege ehemaliger jüdischer Schüler. Ein Kunstkurs kümmerte sich zusammen mit der Künstlerin Leonore Poth um die Visualisierung. Dafür haben sie sich unter anderem im Liebieghaus über geraubte Kunst informiert, der jüdischen Zeitzeugin Eva Szepesi zugehört und sich mit der Schau „Höchster Juden“ befasst. Mit viel Einfühlungsvermögen, Sorgfalt und Respekt haben sie die Ausstellung gestaltet.

So zeigen sie nun in einem Graphic Novel, wie Herbert Holzmann, einst ganz normaler Schüler in Höchst, von einem SS-Soldaten in ein Arbeitslager gebracht und dort mit Tuberkulose infiziert wird. Eine Koffer-Installation zeigt wichtige Gegenstände aus dem jungen Leben von Manfred Marx, die „Geschichten im Schuhkarton“ visualisieren unter anderem Otto Schiffs Lebensweg. Alle sechs Schüler flohen vor dem Terror der Nationalsozialisten in die USA, nach Australien oder Israel.

Der 97-jährige Otto Schiff ist der letzte überlebende Zeitzeuge. Ihm konnten die Schüler all ihre Fragen per E-Mail stellen. 1931 bis 1933 besuchte er die Schule in Höchst. Damals war es noch eine reine Jungenschule. „Judd Schiff“ haben seine Mitschüler ihn damals genannt. Irgendwann legte ihm der Schulleiter nahe, die Schule zu verlassen. Er wechselte auf das jüdische Philanthropin im Nordend. Als die Nazis das Kaufhaus Schiff der Eltern 1938 „arisierten“, als praktisch enteigneten, wanderte die Familie zu Verwandten nach Amerika aus. Bei der Ausschiffung in Hamburg rief Otto Schiffs Onkel: „Ich spucke auf Deutschland!“ Das tat er tatsächlich, allerdings gegen die Windrichtung.

Am Freitag präsentierten die Schüler noch eine Performance. „Du Lauch!“, beleidigen sie. Je mehr mitmachen, desto kleiner wird die Ausgegrenzte – bis sie schließlich zusammenbricht. Eine Mutige gesellt sich zu ihr. Sie kann eine neue Mehrheit etablieren. „Ungerechtigkeit bewegt und vereint unsere Schüler, egal welche Religion, welchen Migrationshintergrund sie haben“, resümiert Mihm: „Das Projekt hatte integrierende Wirkung.“ Denn die Beleidigung „Du Jude!“ habe sie auch auf ihrem Schulhof leider schon gehört.

Die während des Projekts entstandenen Gedenktafeln werden dauerhaft im Foyer der Leibnizschule in der Gebeschusstraße 22-24 an die ehemaligen jüdischen Schüler erinnern.

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