© Rolf Oeser, FR
Entspanntes Shisha-Rauchen mit Blick auf die EZB bei Biggs in der Sonnemannstraße 77.
Shisha in Frankfurt
Frankfurt

„Shisha ist das neue Feierabend-Bierchen“

Von Kathrin Rosendorff
12:54

Noch vor ein paar Jahren konnte ich in Jogginghose in die Shishabars gehen. Jetzt muss ich aber eine richtige Hose anziehen, sonst wird man an der Tür oft abgewiesen“, erzählt Sören, 27, und lacht. Er meint Jeans. An diesem warmen Sommerabend geht auch kurze Hose. Der Frankfurter sitzt im „Laden“ – eine Shishabar in Sachsenhausen, unweit des Mains. Es läuft gerade der Song „Guatemala“ vom Hip-Hop-Duo Rae Sremmurd, der nach entspannter Strandparty klingt. Sören zieht an seiner Shisha mit Geschmack Eisbonbon und singt leise mit. Weiße Rauchwolken kommen auch aus den Mündern und Nasen der anderen Gäste, es riecht süßlich. Chillen und Shisha-Rauchen scheinen irgendwie eins zu sein. 69 Shishabars gibt es laut Ordnungsamt mittlerweile in Frankfurt.

Seit Sören 18 ist, geht der IT-Spezialist in Shishabars, vorher ist das auch nicht erlaubt, weil der Tabak neben Aromen eben auch Nikotin enthält. „Aber ich habe schon mit 15 angefangen, zu Hause mit Kumpels Shisha zu rauchen.“

Auf den Tischen stehen meist Energydrinks oder Wasser. „Alkohol und der süßliche Shishageschmack passen einfach geschmacklich nicht zusammen“, sagt Sören. „Mir wird von der Kombi sogar kotzübel“, erzählt Marina (25).

Die Erzieherin kommt fast täglich her. Sie sitzt mit fünf Freundinnen im Außenbereich des „Ladens“ und redet von ihrem Stress bei der Arbeit. „Die Shishabar ist ein Ort, an dem ich den Kopf frei kriegen kann, und gleichzeitig ist es sehr gesellig“, sagt sie. Sie will nicht fotografiert werden, weil viele Eltern der Kinder, die sie betreut, leider immer noch Vorurteile hätten, denken würden: Shishabars seien ein Ort für „Assis“. „Ganz im Gegenteil. Hier herrscht nicht so eine aggressive Stimmung wie in manchen Kneipen, wo die Leute so betrunken sind. Hier ist es einfach entspannt.“ Und Marina betont: „Shisha schmeckt mir einfach.“ Diese kostet je nach Geschmack und Mischung zwischen acht und zwölf Euro. „In manchen Shisha-bars kosten sie auch bis zu 15 Euro“, erzählt Marina. „Mädchen teilen sich gerne eine Shisha, viele Jungs rauchen lieber eine Shisha alleine.“ Zu zweit rauchen sie anderthalb Stunden an einer. „Mittlerweile gibt es auch Clubs, die bei Veranstaltungen Shishas anbieten. Ich mag diese Kombi nicht. Entweder im Club abfeiern oder entspannt Shisha rauchen“, sagt Marina.

Vor drei Jahren hat Elja Zouli, der Geschäftsführer von „Der Laden“, seine Shishabar eröffnet. Der 34-Jährige, der zuvor in der Gastro-Szene arbeitete, sagt, seine eigene Leidenschaft für Shishas, habe ihn dazu motiviert. „Ich liebe Shisha, aber wenn ich keine rauche, fange ich auch nicht an zu zittern. Das ist keine Sucht.“ Eine Zigarette habe er noch nie geraucht. Diesen Satz „keine Zigaretten zu rauchen“, hört man an diesem Abend auch von vielen Gästen. Noch vor acht Jahren seien Shishabars in Frankfurt noch eine Seltenheit gewesen, sagt Zouli. Da gab es die ersten in Alt-Sachs oder das Mosaik in der Innenstadt, das jetzt Gatsby heißt. „Dort muss man anklopfen, um reinzukommen. Die Mädchen ziehen sich schicker an. Hier im ‚Laden‘ ist alles etwas entspannter“, sagt Sören.

Auf der anderen Mainseite hat Wael Bo Hamdan (33) die Biggs Bar, ein Ort für Shishas und Longdrinks, in der Sonnemannstraße so ziemlich direkt gegenüber der EZB vor zwei Jahren eröffnet. Hier sitzen BWL-Studenten im Hemd neben jungen Männern mit Baseball-Caps. Hamdan ist im Libanon geboren und in Hamburg aufgewachsen. „Dort war der Shisha-Boom schon vor vier Jahren“, erzählt er. Auch er hat aus eigener Leidenschaft seine Shishabar eröffnet. „Ich habe schon lange gerne Shisha geraucht, und irgendwann war es mir zu blöd in andere Läden dafür zu gehen.“ Es sei ein Ort, an dem man seine Kumpels trifft. „Hier kommen nicht nur Ausländer her, wie es das Vorurteil ist, sondern eben auch viele Deutsche. Von 18 bis 60 Jahren.“ Auch Fußball-Profis und viele EZB-Banker seien Gäste.

„Früher kamen überwiegend Männer, heute sind aber auch immer mehr Frauen Shisha-Fans.“ Selbst eine Hürdenläuferin der deutschen Nationalmannschaft sei schon hier gewesen. Besonders angesagt sei gerade die Tabaksorte „069“ vom Offenbacher Rapper Haftbefehl. „Die schmeckt beerig.“

Jonathan (24) ist hier Stammgast: „Denn Shisha ist nicht gleich Shisha. Eine gute Shisha schmeckt auch nach zwei Stunden noch nach dem Geschmack, den man bestellt hat“, sagt der Sales Manager. Sören drückt es so aus: „Eine schlechte Shisha schmeckt nach einer Stunde als würde man Grillkohle lutschen.“

Marvin (21) aus Eschborn studiert Wirtschaftswissenschaften. „Ich komme hier gerne nach der Uni mit meinen Freunden her.“ Seit zwei Jahren ist er ein Shisha-Fan. „Ich mag auch den süßlichen Shisha-Rauch lieber als den Zigarettenrauch und ehrlich gesagt, gehe ich lieber in die Shishabar als in einen Club, wo man verschwitzt aufeinanderhängt“, sagt er und lacht. Seine Kommilitonin Alessandra (20) sagt: „Shisha ist das neue Feierabend-Bierchen.“

„Im Winter trinken meine Gäste zu 80 Prozent Minztee. Aber hier kommen auch Leute her, die Lust auf Cocktails haben“, erzählt Wael Bo Hamdan. In Sachsenhausen sagt Geschäftsführer Elja Zouli: „Früher wurde gar kein Alkohol zu Shisha getrunken, mittlerweile verkaufen wir neben Cola auch mal Bier.“

Das Shisha-Publikum sei auch hier bunt gemischt, aber meist so zwischen 18 und 40. Die Gäste seien jünger als noch vor zehn Jahren. Er achte darauf, dass keine Jugendlichen hier seien. „Wir fragen auch nach Ausweisen, wenn wir Zweifel haben, dass jemand noch nicht 18 ist.“ Ist es eigentlich auch ein Ort für Dates? „Manchmal schon. In einer anderen Shishabar habe ich sogar mal einen Heiratsantrag erlebt“, sagt er und lacht.

Dann wird er ernst: Lange sei Shisharauchen mit diesem Vorteil behaftet gewesen: „ ‚Das ist so ein orientalisches Ding.‘ Aber mittlerweile ist es einfach ein fester Teil der Ausgehkultur, ein Teil der Vielfalt.“ Zumindest bei den U30-Jährigen. Einer seiner Stammgäste kommt dazu und sagt: „Neben dem Biergarten gehören eben jetzt auch Shishabars zur Ausgehkultur. Nur bei AfD-Wählern löst dieser Trend negative Gefühle aus. Sie haben Angst vor dem Fremden. Dabei ist es doch gerade eine Begegnungsstätte gegen Angstbilder. Eine Chance sich auszutauschen.“

Und was ist mit der Gefahr von Kohlenmonoxid-Vergiftungen? Das Gas, das man weder sieht noch riecht noch schmeckt, das aber bei jeder Zubereitung einer Shisha entsteht und zu Vergiftungen führen kann, die sich durch Übelkeit und Kopfschmerzen bemerkbar machen. Der Geschäftsführer betont, dass er sehr darauf achte, dass ausreichend Sauerstoff im Raum durch Abluftanlagen da sei. Außerdem gebe es Kohlenmonoxid-Warnanlagen an der Wand. „Ich finde es auch gut, dass das Ordnungsamt uns und andere kontrolliert. Das ist wichtig“, sagt er. Schon ab mittags, ist der „Laden“ geöffnet. „Denn wir haben auch viele Leute aus einer benachbarten Agentur, die zum Entspannen zwischendurch hierher kommen. Statt Kaffee zu trinken, rauchen sie Shisha.“ Und wie steht er zu der Konkurrenz zu anderen Läden? „Ich finde das nicht schlimm. Der Kuchen ist groß genug für alle. Es gibt noch genug Bedarf. Dies ist kein Trend, der vergeht. Shishas sind fest etabliert“, betont er.

Und das längst nicht mehr nur in Shishabars. Selbst am Mainufer sieht man in Frankfurt überall junge Leute mit einer „Shisha to go“ sitzen. Tim Bischoff (26) arbeitet im „Blubberhaus“ unweit der Konstablerwache, dort wo man alles, was man als Shisha-Fan braucht, bekommt: von der Wasserpfeife bis zum Tabak. „Der Bedarf an Shishas hat extrem zugenommen. Als wir vor vier Jahren eröffnet haben, kamen anfangs 30 Leute am Tag, mittlerweile kommen 100.“ Es sei natürlich viel günstiger, wenn man zu Hause seine Shisha rauche. Eine Dose Tabak kostet im Schnitt 16 Euro und hält, je nachdem wie oft man raucht, bis zu einem Monat. Das was man am Abend für zwei Stunden ausgebe, so Bischoff. Auch hier muss man 18 sein, um einkaufen zu dürfen.

„Viele Kunden kommen auch mit Freunden und kaufen sich zusammen eine Shisha, die dann mehrere Schläuche hat, so dass sie nicht abwechselnd den Schlauch rumgeben müssen, sondern alle gleichzeitig rauchen können“, erzählt Bischoff. Ein Starterpaket also: Schlauch, Mundstück, Kopf, Bowl, Kohle plus Tabak gebe es ab 100 Euro. Wichtig sei, dass jeder sein eigenes Mundstück habe: „Das bekommt man in der Shishabar immer dazu und gehört zum Hygienestandard. Denn ansonsten kann man auch Krankheiten wie Herpes übertragen.“ Es gebe auch ganz billige Kiosk-Pfeifen ab 20 Euro, die verkauften sie aber nicht. „Wir legen wert auf Qualität. Unser günstigstes Modell kostet 50 Euro, das ist schon gut. Ich habe auch schon eine Shisha für 600 Euro verkauft.“ Da sei eher die Optik nicht die Qualität das Entscheidende.

Vor zehn Jahren habe es noch keine so große Tabakauswahl gegeben. „Wir haben um die 500 Sorten“, sagt Bischoff. Klassiker seien Sorten wie „Zitrone-Minze“ und „Traube-Minze.“ Auch sehr populär sei „Raffy Ello“, das schmecke nach Raffaello. Es ärgert ihn, dass Shishabars so einen schlechten Ruf haben. „Alkohol ist viel gefährlicher, aber wird in der Gesellschaft immer noch verharmlost.“ Dass Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) sich kürzlich freute, dass Shishabars in Frankfurt schließen mussten, versteht er nicht. „Keiner jubelt, wenn eine Kneipe zumacht.“

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