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Die Töngesgasse ist die älteste Einkaufsstraße der Stadt, schon im 12. Jahrhundert wurde hier mit Waren gehandelt.
Altstadt
Frankfurt

Geprägt vom Fachhandel

Von Miriam Keilbach
14:29

In aller Ruhe betrachten zwei Frauen die Nähgarne, die im Kurzwarengeschäft Wächtershäuser ausliegen. Ein paar Häuser weiter arrangiert Ute Tesch die Handtaschen neu, die vor dem Leder Gabler aushängen. Schilder an den Läden von Braun und Klar Schmuck kündigen Betriebsferien an. Ein blauer Sightseeing-Bus quetscht sich durch die Töngesgasse, Frankfurts ältester Einkaufsstraße, an der junge Frauen mit Primark-Tüten aus der Zeit gefallen wirken.

1236 ist die Töngesgasse erstmals erwähnt. Damals errichteten Mönche das Antoniterkloster in der Nähe der Stauffenmauer. Sie war lange Zeit die reichste und begehrteste Handelsstraße Frankfurts. Heute ist das anders. Aber eine beliebte Einkaufsstraße bleibt die Töngesgasse. Hier finden sich vor allem Fachhandel, es gibt Geschäfte, die nur Waffen, Pflanzen-Samen, Wolle, sinnliche Mode, Tee oder Bürsten verkaufen. Einige Geschäfte werben auf ihrem Schaufenster damit, schon 140, 150, 154 Jahre an Ort und Stelle zu sein.

Augenoptik Hensler ist eines von jenen Geschäften. Seit 1864 gibt es den Laden, ist am Eingang zu lesen. Hans-Christoph Metz ist seit 1994 Geschäftsführer. „Die Töngesgasse ist eine alt eingesessene Straße“, sagt er, „es ist hier viel ruhiger als auf der Zeil, deshalb kommen die Leute gerne.“ Die Straße, sagt er, zeichne aus, dass man hier viele Geschäfte finde, die es sonst nirgendwo gibt. „Anfangs gab es noch einige Pflanzen-Samen-Geschäfte“, sagt er, „aber bis auf eines haben alle zu gemacht. Der Markt hat sich selbst reguliert.“

Gehalten hat sich der Samen-Andreas. Hier gibt es Saatgut für Blumen, Pflanzen, Gemüse, Bäume. Erst vor wenigen Monaten wurde 150-jähriges Bestehen gefeiert. „Nicht nur, dass es solche Läden wie bei uns andernorts nicht gibt“, sagt Geschäftsführer Nils Andreas, „größtenteils findet man hier inhabergeführten Einzelhandel.“ Er ist mit dem Samen-Andreas aufgewachsen, hat schon als Schüler hier gejobbt und den Familienbetrieb schließlich übernommen.

Zu kämpfen hat er, wie nahezu alle Einzelhändler, mit den hohen Mieten. „Ich zahle jeden Monat 5000 Euro an Miete. Da muss man ganz schön viel Samen für verkaufen“, sagt er. Jedes Jahr sei die Miete ein bisschen weiter gestiegen, „das merkt man erst nicht, aber es geht dann direkt vom Gewinn ab.“

Die Margen, die große Ketten erwirtschafteten, seien einfach nicht möglich. „Im vergangenen Jahr lief es sehr schlecht. Im Jubiläumsjahr nun deutlich besser. Das geht alles nur mit viel persönlichem Einsatz.“ Auch deshalb haben sich in den vergangenen Jahren langsam jene Läden angesiedelt, über die auch andernorts oft geklagt wird: Bäckerei-Filialen, Friseur-Läden, Handygeschäfte, Wettbüros, Spielhallen.

Neu zugezogen ist auch das Tee- und Gewürzhaus Alsbach. Das besteht zwar schon seit 1920, allerdings fand sich der Laden bislang etwas versteckt an der Stauffenmauer. „Viele unserer Kunden haben sich sehr gefreut, als wir in die Töngesgasse gezogen sind“, sagt Mitarbeiterin Wilhelmina Fanklinkt. Weg vom Trubel sei man, aber doch irgendwie auch mittendrin. „Bisher hatten wir nur Stammkundschaft, jetzt kommen auch hin und wieder mal andere Kunden, die uns neu entdecken“, sagt sie.

Persönliche Beratung, da sind sich die Einzelhändler einig, sei es, die die Töngesgasse zusammen mit der zentralen Lage und der Vielfalt des Angebots ausmache. „Man merkt wie andernorts schon einen Rückgang“, sagt Ute Tesch von Leder Gabler, „aber wir haben noch viele Kunden, die die persönliche Ansprache und Beratung wünschen und deshalb gezielt zu uns kommen.“ Die Zeil sei zwar stärker gefragt, „aber wir haben hier ein ganz anderes Publikum.“ Die Töngesgasse habe noch ihr spezielles Flair.

Um das zu bewahren und die „kleine Zeil“, wie sie es nennen, nach außen zu präsentieren, wurde 1999 die Interessengemeinschaft Töngesgasse gegründet. Auf einer gemeinsamen Internetseite präsentieren sich dort 15 ansässige Geschäfte, darunter Samen-Andreas. „Der Spitzname – kleine Zeil – lehnt sich eher an die örtliche Nähe zur großen Einkaufsstraße an, als dass wir uns als Konkurrenz sehen würden“, sagt Nils Andreas. Die IG sorgt für die jährliche Adventsbeleuchtung und organisiert alljährlich das Antoniterfests. Der Name geht auf das Kloster von 1236 zurück, das einst an der Töngesgasse stand.

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