© Christoph Boeckheler, FR
Tanja Huckenbeck und Marcus Bonszkowski.
Frankfurt-Höchst
Frankfurt

Drucken wie zu Gutenbergs Zeiten

Von Laura Franz
11:16

Der Funke springt unweigerlich über, wenn Tanja Huckenbeck und Marcus Bonszkowski über ihre Begeisterung für das Drucken und das gedruckte Wort sprechen. Die Schriftsetzerin und der Grafikdesigner haben mit dem Label höchst*schön ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht – zumindest haben sie sich damit ein lukratives zweites Standbein aufgebaut. Das Konzept ist in Frankfurt einzigartig. Neben ihrem Büro für Grafikdesign am Höchster Markt betreiben sie seit 2014 an der Leunastraße 34 eine Druckwerkstatt, die wie zu Gutenbergs Zeiten arbeitet.

Gut, eine Gutenbergpresse gibt es dort nicht, denn „die finden sich heute hauptsächlich in Museen oder bei Sammlern und sind für den alltäglichen Gebrauch ungeeignet“, erklärt Tanja Huckenbeck. Man benötige mindestens drei Leute, um sie zu bedienen. Aber die Satztechnik mit austauschbaren Lettern entspreche noch der von 1440. Auch alle übrigen Abläufe erfolgen bei höchst*schön manuell.

Acht Handdruckpressen der Marke Boston Tiegel stehen der Werkstatt zur Verfügung. Die Älteste ist knapp 100 Jahre alt und wurde recht unspektakulär für 500 Euro bei Ebay erstanden. „Es ist heute schwer, solche Stücke anderswo aufzutreiben“, erklärt die Schriftsetzerin. Mit der Presse kann Papier im A4- und A5-Format bedruckt werden. Außerdem verfügt das Duo über eine Andruckpresse (ursprünglich für Probedrucke gedacht), mit der in kleineren Auflagen großformatige Poster gestaltet werden können.

Als sich die beiden Kreativen 2011 auf dem Stilblüten-Festival in Frankfurt kennenlernten, war Huckenbeck in Sachen Drucktechnik relativ unerfahren. „Als Schriftsetzerin lernt man tatsächlich nur das Setzen, nicht das Drucken“, erklärt sie. Marcus Bonszkowski betrieb damals schon eine kleine Druckwerkstatt in Bornheim. Eigentlich ist er ausgebildeter Speditionskaufmann, kam dann über den Quereinstieg bei einer Bank zum Grafikdesign.

„Mein Team dort war so gut organisiert, dass ich keinen Burnout, sondern einen Boreout bekam“, scherzt er. Aus Langeweile und Interesse hat er sich schließlich die erste Tiegeldruckpresse bestellt und sich mit Fachliteratur und viel Experimentierlust das Drucken selbst beigebracht. Anschließend arbeitete er zwei Jahre bei einer Druckerei in Bad Soden, bis er sich mit Huckenbeck selbstständig machte. „Sie lernte von mir die Drucktechniken und ich von ihr mehr Effizienz beim Setzen.“

Dieses Wissen gibt das Duo heute in Workshops weiter, wo die Teilnehmer in der Werkstatt praxisnah an das alte Handwerk herangeführt werden. Neben den Kursen nehmen die beiden auch Auftragsarbeiten ab einer Auflage von 100 Stück an. Der größte Batzen waren 550 Karten. „Mehr ist an einem Tag nicht zu schaffen“, sagt Bonszkowski. „Hebel rauf, Hebel runter – das ist schon anstrengend, gerade im Sommer.“ Allein die einzelnen Lettern, meist aus Blei gegossen, haben schon ein gewisses Eigengewicht, hinzu kommt der qualitative Anspruch, den die beiden an ihre Arbeit stellen. Ob Papier aus 100 Prozent Baumwolle oder ein erhabener Prägedruck – Unikate brauchen Zeit. Vor allem dann, wenn verschiedene Farben ins Spiel kommen. „Wir können immer nur eine Farbe nach der anderen auftragen, so kommt es vor, dass wir ein einzelnes Papier drei- oder viermal bedrucken“, erklärt Bonszkowski.

Visiten-, Gruß- oder Einladungskarten seien die gängigen Wünsche der Kunden – und die erfüllen die Drucker in ihrer Freizeit; nach Feierabend im Büro und am Wochenende. Zu viel wird ihnen das nicht. „Es ist ein schöner Ausgleich zur digitalen Arbeit“, sagt Bonszkowski. Daher wirken die beiden auch beim Höchster Designparcours immer wieder gerne mit und den noch jungen Höchster Frühlingsspaziergang der Kreativen haben sie gar mit ins Leben gerufen.

Nach Höchst kam das Duo aus einem pragmatischen Grund – weil Bonszkowski es so näher zu seiner alten Arbeitsstelle in Bad Soden hatte. „Wir haben uns hier schnell wohlgefühlt“, erzählt Huckenbeck. Für sie werde der Stadtteil unterschätzt. „Höchst ist wirklich schön, mit dem Main gleich vor der Tür“, schwärmt sie – und daher der Name des Labels. „Wir wollen Höchst damit auch bewerben.“

Von der Kreativszene und dem offenen Höchster Publikum profitiert wiederum ihre Druckkunst. So hat das Duo schon mit einem Maler aus dem Stadtteil zusammengearbeitet und Poster mit der Höchster Skyline entworfen. Ihr Lieblingsort im Sommer ist die alte Schiffsmeldestelle, wo heute eine Strandbar ansässig ist. „Die können wir nur empfehlen“, sagt Huckenbeck. Dabei klingt wieder die einnehmende Begeisterung durch. Diese zwei Menschen sind angekommen.

Weitere Infos: www.hoechst-schoen.de

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