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Lilo Scattone unterstützt den achtjährigen Mohamed seit zwei Jahren.
Frankfurt-Rödelheim
Frankfurt

Die Lust am Lesen wecken

Von Dominik Brück
12:16

Der achtjährige Mohamed ist in sein Buch versunken und liest Wort für Wort eine Geschichte der berühmten Detektive „Die drei Fragezeichen“ laut vor. Neben ihm sitzt Lilo Scattone und achtet genau darauf, dass Mohamed beim Lesen keine Fehler macht. Spricht er ein Wort nicht richtig oder zu undeutlich aus, unterbricht die 71-Jährige ihn mit einem freundlichen Lächeln und lässt ihn die Stelle nochmal vorlesen.

Dass Mohamed heute komplette Buchseiten fast fehlerfrei lesen kann, ist dem ehrenamtlichen Engagement von Scattone zu verdanken. Seit fünf Jahren ist sie regelmäßig als Lesetrainerin in der Stadtteilbibliothek Rödelheim und übt mit Kindern wie Mohamed das Lesen. „Als wir vor zwei Jahren angefangen haben, konnte Mohamed noch nicht alle Buchstaben erkennen“, sagt Scattone. „Inzwischen lesen wir schon ganze Bücher zusammen.“

Lesetraining seit 2012

Die Bibliothek bietet das Lesetraining, das im Februar mit dem Stadtteilpreis ausgezeichnet wurde, bereits seit 2012 an. „Wir wollen Grundschüler aus Rödelheim individuell und kostenlos fördern“, sagt Brigitte Dinger, Leiterin der Bibliothek. „Das Angebot beruht auf dem engen Zusammenspiel mit den ehrenamtlichen Lesetrainern, die den Kindern sehr viel Empathie entgegen bringen und mit vielen kreativen Ideen arbeiten.“ Im Jahr 2017 wurden so 26 Kinder von 13 Lesetrainern unterstützt. Insgesamt kamen dabei 350 Ehrenamtsstunden zusammen. Aktuell bestehen zehn Lesepatenschaften, darunter die von Lilo Scattone und Mohamed.

Um diesem alle Buchstaben des Alphabets beizubringen, spielte die Lesetrainerin mit ihm bei den wöchentlichen Treffen anfangs Lernspiele. Anschließend übten die beiden mit einfachen Texten das Lesen und Verstehen der Worte und Sätze. Der Achtjährige profitierte dabei von der eins zu eins Betreuung, die es den Lesetrainern ermöglicht, gezielt auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Ein Konzept, das in den meisten Fällen zum Erfolg führt. „Mohamed kann jetzt schon eine ganze Stunde ohne Unterbrechung lesen“, erklärt Scattone. Aus der Reihe der Detektivgeschichten „Die drei Fragezeichen“ hat er inzwischen zwei Bücher gelesen und freut sich schon auf das nächste: „Lesen macht mir Spaß“, sagt Mohamed.

Freude am Lesen zu vermitteln gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Lesetrainer, die vor ihrem Engagement in einem Seminar auf die Tätigkeit vorbereitet werden. „Die Kinder sollen nicht sagen, dass sie lesen müssen, sondern Spaß daran entwickeln“, sagt Irmgard Wardah, die von Anfang an als Lesetrainerin in der Stadtteilbibliothek dabei ist. „In all den Jahren hatte ich zwei Kinder, bei denen gar nichts geklappt hat, weil sie einfach keine Lust hatten.“

Die Lesefähigkeit eines Kindes entscheide sich meist schon im Elternhaus, sagt sie. Wer als kleines Kind vorgelesen bekomme, habe es in der Regel auch später leichter. „Manche Kinder sind sehr gerne dabei, andere muss man erst mal motivieren“, sagt Renate Häger, die seit fünf Jahren Lesetrainerin ist.

Der Erfolg der ehrenamtlichen Lesetrainer zeigt sich nicht nur bei den wöchentlichen Übungsstunden. Viele Kinder kommen auch nach dem Ende des Lesetrainings weiter in die Bibliothek und bringen immer wieder Geschwister und sogar Eltern mit. Diese sind laut Bibliotheksleiterin Brigitte Dinger in der Regel sehr dankbar für das Angebot und melden nicht selten auch ihre anderen Kinder an, sobald diese alt genug sind. „Das Lesetraining vermittelt nicht nur Freude am Lesen, sondern trägt auch zum Schulerfolg der Kinder bei“, sagt die Bibliotheksleiterin. „Lesen ist eben eine Schlüsselkompetenz.“

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