© Michael Schick, FR
Während der Nacht sollen Drogenabhängige ins Café kommen, statt auf der Straße zu sitzen.
Nachtcafé im Bahnhofsviertel
Frankfurt

Nachtcafé ist bewährter Rückzugsort

Von Steven Micksch
14:52

Der drogenabhängige Mann tritt durch die Glastür der Moselstraße 47 und wendet sich an die Mitarbeiterin am Empfang. Er hat bereits auf dem Weg herein sein orange-weißes laminiertes Kärtchen herausgesucht und zeigt es nun vor. Die Mitarbeiterin registriert den Mann, anschließend kann er in den hinteren Bereich des Raumes gehen und sich etwas zu essen und zu trinken bestellen. So gestalten sich seit etwa vier Monaten die Nächte im Nachtcafé im Bahnhofsviertel. Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) und weitere Verantwortliche sprechen von einer positiven Bilanz des Rückzugsraums für Drogenabhängige. „Das Angebot wird über Erwartung gut angenommen“, resümiert Stefan Majer. Durchschnittlich 118 Menschen nutzen pro Nacht die Einrichtung in der Moselstraße. Schon in der Eröffnungsnacht am 2. Mai seien 26 Gäste dagewesen. „Das Ganze ist aber ein offener Prozess, und wir beobachten und machen Erfahrungen“, sagt der Dezernent. Eine Erkenntnis sei, dass sich mehr Menschen in die Unterkünfte außerhalb des Viertels bringen lassen, zum Beispiel ins Eastside. 392 Vermittlungen gab es von Mai bis Juli.

Zudem habe man gemerkt, dass viele Gäste die kommen, langjährige Abhängigkeiten haben, oft obdachlos und psychisch erkrankt sind. In einigen Fällen kämen auch physische Beeinträchtigungen hinzu oder ein unklarer Aufenthaltsstatus. „Wir verschließen aber nicht die Augen, sondern kümmern uns um die Menschen“, sagt Majer. Den Gesundheitszustand zu erhalten oder gar zu verbessern, sei ein Ziel.

Betrieben wird das Nachtcafé vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. Bereichsleiterin Christine Heinrichs präsentiert die Zahlen der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in dieser Woche. 150 verschiedene Personen seien während der Öffnungszeit von 22.30 bis 6 Uhr in die Moselstraße 47 gekommen. 137 Menschen waren bereits zuvor einmal da gewesen. 122 Besucher seien Männer gewesen und 45 blieben eine Stunde oder länger.

Die meisten Kontakte – nämlich 112 – habe es bis 1 Uhr nachts gegeben. Bereits in der ersten halben Stunde seien 40 Gäste gekommen. „Wenn das Nachtcafé schließt, sind in der Regel zwischen 17 und 30 Personen noch hier“, sagt Heinrichs. Was alle Besucher gemeinsam haben, ist der Hunger. „Es ist unglaublich, wie ausgehungert viele sind“, so die Bereichsleiterin. In der Anfangszeit des Nachtcafés hätten die Gäste versucht, das Essen und Trinken zu bunkern. Das habe sich mittlerweile gelegt – jetzt herrsche Vertrauen.

Und so bekommen die Menschen Würstchen, Brot, Suppe, Joghurt oder auch eine Milchschnitte. So viel sie essen können und ohne Kosten. 300 Würstchen und 199 Joghurts gingen in der Nacht zu Donnerstag an die Gäste. Anschließend wird Fernsehen geschaut oder sich in den Sesseln ausgeruht.

Auch das Fazit der Polizei ist positiv. Der Ablauf sei reibungslos, Beschwerden von Anwohnern gebe es nicht. Bis Juli war die Polizei sieben Mal vor Ort und musste bei kleineren Problemen helfen.

Dezernent Majer will das Nachtcafé auch 2019 fortsetzen. Dafür hat er 610 000 Euro im Haushalt veranschlagt – und erste positive Signale aus dem Magistrat bekommen. Majer sagt aber auch: „Das Nachtcafé hat positive Effekte, aber natürlich sind nicht alle Probleme im Bahnhofsviertel deswegen beseitigt.“

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