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Die Stadt saniert die Straße Alt-Nied. Mancher fürchtet, für die Geschäftswelt kommt jede Hilfe zu spät.
Nied
Frankfurt

Traum vom Wochenmarkt geplatzt

Von George Grodensky
10:36

Der Wochenmarkt in Nied ist noch vor Eröffnung bereits Geschichte. Das teilt der Gewerbeverein mit. Recht geknickt klingt Gerhard Gabler bei der Auskunft. Mit großem Elan hat sein Verein für den Wochenmarkt gefochten, hat die Frankfurter Hafen- und Marktbetriebe überredet und überredet, hat Unterschriften gesammelt. Mehr als 1000 Nieder haben sich darin für den Wochenmarkt ausgesprochen.

Und dann das: „Kein einziger Marktbeschicker hat sich bereit erklärt, in Nied einen Stand aufzubauen“, sagt Gabler. Die Frankfurter Marktbetriebe hätten lange gesucht, vergebens. Ein harter Schlag. Wenn sich wenigstens vier oder fünf gemeldet hätten, sagt Gabler, „dann hätten wir das in Eigenregie durchgezogen, als Veranstalter“. Vielleicht einen Verein dafür gegründet. Aber gar keiner? „Vielleicht probieren wir es irgendwann nochmal“, sagt Gabler und seufzt.

„Die Großen haben die Kleinen verdrängt“

Überhaupt hat es der Einzelhandel im Stadtteil schwer. Es ist der Fluch der guten Anbindung. Mit der S-Bahn sind die Nieder ruckzuck in Höchst oder in der Frankfurter Innenstadt. Mit der Tram können sie geschwind in den Nachbarstadtteil zum Griesheim-Center fahren. „Die Großen haben die Kleinen verdrängt“, sagt Gabler. „Und heute frisst das Internet die Großen.“

Wer mobil ist, den stört das nicht. Der fährt, ob mit dem Auto oder den Öffentlichen. Die anderen nehmen vorlieb mit dem, was da ist. Ein paar Bäcker gibt es noch im Stadtteil. Das ein oder andere Geschäft, den Angelladen von Norbert Ulshöfer, die Boutique „Lifestyle“ im Neumarkt. Den kleinen Supermarkt an der Ecke Alt-Nied und Mainzer Landstraße. Den neuen Discounter am Waldrand, den alten an der Grenze zu Höchst.

„Man kann hier sehr gut leben“, sagt Gabler. Ein schöner Stadtteil sei Nied, mit intaktem Vereinsleben. Nur die Geschäftswelt sehe eben schlecht aus. Früher ist das anders gewesen. Über die Schmidtbornstraße hat der Heimat- und Geschichtsverein vor ein paar Jahren eine entsprechende Ausstellung gezeigt.

Bis in die 50er und 60er-Jahre hinein hat es dort an fast jeder Ecke ein Geschäft gegeben, sagt Wolfgang Lampe, Vorsitzender des Heimatvereins. Bäcker, Metzger, Milchgeschäft, Elektroladen. Alle aufgegeben. Auch Alt-Nied ist einst eine stolze Ladenstraße gewesen. Mit vielen Lokalen. „An vier Gaststätten kann ich mich Minimum erinnern“, sagt Lampe. Vom einstigen Glanz ist wenig übrig. Das Schaufenster des Möbelgeschäfts ist seit Jahren abgeklebt. Dieser Tage stehen zudem allenthalben Bauzäune herum. Die Stadt saniert die Straße. Zwei Millionen Euro investieren Stadt und Land. Alt-Nied soll aufgeräumter wirken, die Straße wird ein bisschen schmaler, die Bordseiten breiter. Neue Lichter erhellen die Abendstunden, frisches Grün rundet das Bild ab.

Die Nieder setzen aber keine großen Hoffnung mehr in die Aufwertung. „Wenn die Straße schöner ist, steigen ja auch die Preise für die Pächter“, sagt Wolfgang Lampe. „Das kann sich doch keiner mehr leisten.“ Früher seien Ladenbesitzer auch die Hausbesitzer gewesen. Später hätten die Hausbesitzer die Flächen verpachtet und sich Gewinne erhofft.

 

Inzwischen hat sich auch das Einkaufsverhalten geändert, sagt Lampe. „Die Leute haben Kühlschrank und Tiefkühlfach.“ Heißt: Sie müssen nicht mehr jeden Tag frisches Essen kaufen. Sie haben auch ein Auto und können in die großen Märkte fahren. Einige, sagt Lampe, lassen sich ihre Einkäufe sogar bringen. Nicht mehr nur die Getränkekästen.

Das Neubaugebiet Nieder Loch wird seinen Teil zur Verödung des Nieder Zentrums beitragen, glaubt Lampe. Dort entsteht ein großer Rewe-Markt, ein Vollsortimenter – viel größer als die bisherig Filiale an der Mainzer Landstraße. „Wer soll sich dagegen behaupten?“, fragt Lampe. Noch vor ein paar Wochen hätte Gerhard Gabler geantwortet: der Nieder Wochenmarkt. Geschichte, verblasst wie die bunte Warenwelt der einstigen Geschäftszeilen Alt-Nied und Schmidtbornstraße.

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