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Erst zog Hermann Damm bei seiner Annelie ein, im kommenden Monat heiraten die beiden kirchlich.
Seniorenwohnanlage in Frankfurt-Gallus
Frankfurt

Wenn Senioren sich lieben und heiraten

Von Miriam Keilbach
20:53

Mit 76 Jahren wird Hermann Damm zum ersten Mal das Meer sehen. Im September ist es so weit. Flitterwochen. Sein erster Urlaub überhaupt. Und dann an seiner Seite, offiziell Frau Damm, seine Annelie. Seine große Liebe, die er in der Seniorenwohnanlage am Maastrichter Ring traf und deren Hand er nun hält, während sie diese Liebesgeschichte erzählt. „Sagenhaft ist das, Gott hat uns zusammengefügt“, sagt er.

Annelie, damals noch Freier, zog im November 2015 aus dem Ostend ins Europaviertel. Sie hat eine Wohnung mit Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer. Schnell fand sie Anschluss, vor allem mit sechs Frauen aus den Helenenhöfen nebenan hat sie sich angefreundet. Dort finden regelmäßig Treffen der Senioren statt. Die Golden Girls nennen sie sich.

Im April 2016 zog schräg gegenüber ein Mann ein. Witwer, ruhig, „aber sehr interessant“, sagt Annelie Damm. Er kannte schon einige der Bewohnerinnen, aus Sossenheim, wo er zuvor wohnte. Und so kam er, als einziger Mann, zur Frauengruppe. Sechs Monate himmelten sie sich aus der Ferne an, keiner machte den ersten Schritt. Hermann Damm war die Hälfte der Woche in Eppstein, zum Kegeln und Singen. Manchmal machten sie Ausflüge zusammen, Busreisen nach Heidelberg und in den Odenwald.

Irgendwann war es genug, fand Annelie Damm. „Ich habe gekocht, Klöße und Gulasch, und habe ihn angerufen.“ Obwohl er schon selbst gekocht hatte, ging er zu seiner Nachbarin. Immer öfter verbrachte er die Zeit fortan dort. Weil es kein Tanzlokal für Senioren gab, hat Hermann Damm seinen Laptop und einen Lautsprecher mitgebracht, und sie haben sich ihre eigene Disco gemacht. Zu zweit. Sie tranken Sekt. Tanzten. Und irgendwann sagte sie: „Bring deinen Schlafanzug mit.“ An diesem Abend küssten sie sich zum ersten Mal.

Nicht alle waren über Liebespaar begeistert

Annelie Damm ist 73 Jahre alt und war 26 Jahre alleinstehend, ehe sie Hermann Damm traf. „Ich hatte quasi Silberhochzeit mit mir selbst“, sagt sie. Aufgegeben hatte sie das mit den Männern, ihre Tochter sagte ihr immer: „Du wirst mal einsam sterben.“ Früher war sie verheiratet, jung, 21. Ihr Mann hatte schon zwei Kinder, auch sie wurde schnell schwanger. Er ging auf Montage, sie passte auf seine beiden und ihre gemeinsamen drei Kinder auf. Irgendwann blieb er bei einer anderen Frau.

Hermann Damm ist 76 Jahre alt und als seine Frau verstarb, überredete ihn seine Tochter, in die Seniorenwohnung zu ziehen. „Mit den Frauen hatte ich abgeschlossen“, sagt er, denn wirklich glücklich war er in seiner Ehe nicht. „Aber dann hat es einen Schlag von oben gegeben.“ Er lächelt seine Annelie an, die Augen strahlen. Er streicht ihr über die Wange. „Der Schlag ging ganz tief ins Herz hinein.“

Ein Liebespaar in der Wohnanlage – das gefiel nicht allen. Vor allem, weil Hermann Damm beliebt war, es gibt viel mehr weibliche Bewohner als männliche. „Die Weiber haben gesagt, dass er mich eh betrügt, wenn er zum Kegeln fährt“, sagt Annelie, „aber ich habe ihm vertraut, deshalb war es mir egal“. Ihr Ehemann lächelt. „Ein bisschen eifersüchtig warst du aber schon“, neckt er sie, „ich hatte die freie Auswahl.“ Er streckt ihr die Zunge raus. Beide lachen.

Immer mehr Zeit verbrachte Hermann Damm in der Wohnung seiner damaligen Freundin. Erst zog sein Trockner ein, dann seine Spülmaschine, dann er und schließlich seine Küche. Im Februar 2017, nach einigen Besuchen beim Wohnungsamt und dem Wohnanlagenbetreiber, kündigte er seine Wohnung. „Da war unser Umfeld schon skeptisch. Aber in dem Alter überlegt man sich das ja zweimal mit dem Zusammenziehen“, sagt Annelie Damm. Schnell ging es, „aber wir haben ja nichts zu verlieren“, sagt er.

Eheschließung in der Friedensgemeinde

Die 73-Jährige, die gerne Zumba tanzt, hat sich schnell daran gewöhnt, wieder jemanden um sich zu haben. „Man ist nicht mehr so flexibel“, sagt sie, „aber ich vermisse nichts, im Gegenteil.“ An den Wänden und auf dem Schrank sind Bilder der Kinder und Enkel zu sehen. Und eines vom Liebespaar. „Den Rahmen haben wir schon, aber das kommt dann mit dem Hochzeitsfoto zusammen an die Wand“, sagt Hermann Damm.

Kaum eingezogen, hatte Hermann Damm nämlich die nächste Idee: „Warum heiraten wir nicht?“, sagte er. Und sie antwortete: „Nee, doch nicht mehr in unserem Alter.“ Am 1. Weihnachtsfeiertag 2017 waren sie bei ihrer Tochter in Limburg. Sie wollte die Bescherung machen, doch alle führten sich komisch auf, sangen plötzlich Lieder, „das haben wir noch nie gemacht“. Dann kam Herrmann Damm, mit drei Rosen in der Hand und kniete sich nieder. „Alle haben geweint und ich gleich mit“, sagt Annelie Damm.

Bei ihren Familien war das nämlich viel einfacher als bei den Mitbewohnerinnen. Er hat vier, sie drei Kinder, er hat fünf, sie sieben Enkel. Alle freuten sich. Zur Hochzeit waren fast alle dabei sein, nur eine Tochter, die in den USA lebt, und ihre drei Kinder haben es nicht geschafft. Erst kürzlich war die jüngste Enkelin von Annelie Damm zu Besuch und nahm sich ihren damals Bald-Stiefopa zur Seite.

Am 9. Juli um kurz vor 10 Uhr war es soweit. Annelie Freier und Hermann Damm betraten den Römer und verließen ihn als Annelie und Hermann Damm wieder. Und weil er sich Gottes Segen wünschte, werden sie am 9. September noch einmal in der Friedensgemeinde ja zueinander sagen.

Und irgendwie passt es zu dieser außergewöhnlichen Liebe, dass sie von einem außergewöhnlichen Pfarrer getraut werden: Nulf Schade-James, der mit einer Autobiografie anderen Homosexuellen Mut machen will, sich in der Kirche zu engagieren. So einen Pfarrer hab ich noch nicht erlebt, er ist einfach super“, sagt Annelie Damm.

Im Juni Woche waren sie im Reisebüro. Für Annelie Damm war nämlich klar, dass es eine Hochzeit nur mit Flitterwochen gibt. Spanien sollte es werden, aber das war zu teuer. Nun fahren sie nach der kirchlichen Trauung in die Türkei. „Mit dir fahre ich bis ans Ende der Welt“, sagt er mit einem Blick in ihre Augen. Es ist ein Versprechen.

Sie hätte auch einfach so, ohne Ring, glücklich mit ihrem Hermann sein können, sagt sie. Aber er wünschte sich, allen zu zeigen, wie tief die Liebe ist. Sie heiraten, weil sie sich lieben. „Einen anderen Grund gibt es nicht“, sagt sie. Mindestens zehn Jahre planen sie noch zusammen. „Wieso auch nicht, wir haben nichts zu verlieren?“, sagt sie.

Nach der kirchlichen Trauung im September steigt die richtige Feier. 40 Gäste erwarten sie, die Golden Girls als Verkuppler werden natürlich dabei sein. Gefeiert wird in einem Gartenlokal, ihr Schwiegersohn kocht. „Sogar Spiele wollen sie machen“, sagt Annelie Damm. Um Musik und Belichtung kümmern sich die Kinder. „Hauptsache, wir kriegen unseren Walzer“, sagt er und schaut sie mit strahlenden Augen an. Üben müssen sie nicht, sagen sie. „Tanzen können wir“, sagt er, „nur Rock’n’Roll kriegen wir noch nicht hin.“

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