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Gerhard Eichelsdörffer und Dereje Stefanus kennen das Viertel gut. Was die Lebensqualität betrifft, sind sie geteilter Meinung.
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Frankfurt

So klein und doch so groß

Von Gloria Geyer
12:43

Im Gutleutviertel trifft Westhafen auf Dönerbude, Finanzamt auf Trinkhalle und Berufsschule auf Jugendberatungseinrichtung. Und Gerhard auf Dereje. Es ist Dienstagmorgen, kurz vor elf Uhr. Die beiden Männer sitzen nebeneinander vor einer Trinkhalle in der Gutleutstraße, Ecke Hardenbergstraße, trinken Softdrinks aus der Dose und genießen die vereinzelten Sonnenstrahlen. Sie wirken wie Kumpels, zwei alte Freunde, die sich treffen, um bei einem Kaltgetränk kurz zu quatschen –   doch sie kennen sich gar nicht. 

Gerhard Eichelsdörffer ist vor drei Jahren von Darmstadt in das Gutleutviertel gezogen. So richtig angekommen ist er seitdem nicht. „Mir fehlt das Miteinander hier“, beklagt er. Es gebe kein nachbarschaftliches Verhältnis. Auch das Stadtleben findet er langweilig und eintönig „Hier ist ja abends nichts mehr los. Auf den Straßen ist niemand.“ Dereje Stefanus sitzt daneben und hört zu. Ob er sich denn hier wohlfühlt? „Ja, ich wohne gerne hier und kenne hier viele Leute. Ich fühle mich hier gut vernetzt“, antwortet Dereje.

Seit acht Jahren lebt er bereits in der Gutleutstraße. „Am Wochenende hat um die Ecke das erste Mal ein Straßenfest stattgefunden“, erzählt er und zeigt auf die Hardenbergstraße „Das hat mir gut gefallen. Es gab Essen, Livemusik und verschiedene Stände.“ Viele Anwohner seien da gewesen, aber auch Leute aus anderen Teilen der Stadt. Circa 600 Leute, schätzt Dereje. 

Gerhard und Dereje sind das lebende Beispiel, was das Gutleutviertel zwischen Finanzzentrum und Schönstraße ausmacht. Ein dreckiger Stadtteil im Schatten des Hauptbahnhofs voller Widersprüche, könnten böse Zungen sagen. Doch man könnte es auch gelebte Vielfalt nennen, 42 Prozent der Anwohner haben einen Migrationshintergrund, unterschiedliche Lebensweisen, Meinungen, Einstellungen treffen hier aufeinander und kommen ins Gespräch. Gerhard wohnt links neben der Trinkhalle, Dereje rechts. Gerhard mag das Viertel nicht, Dereje fühlt sich wohl. 

Vor allem der verhältnismäßig bezahlbare Wohnraum in zentraler Lage lockt Geringverdiener und Studierende in die Gutleutstraße und rund um den Schönplatz. Die Mietpreise waren auch für Marcel Raabe ein Grund, weshalb er mit seiner Freundin vor anderthalb Jahren in die Gutleutstraße gezogen ist. Der Physik-Student findet es hier eigentlich zu laut. „Aber man hat ja nicht so viel Auswahl“, erklärt er. Trotzdem weiß der Theaterfan die Nähe zu den Landungsbrücken zu schätzen. Abends fährt der gebürtige Hanauer dennoch oft in die Heimat. Die Ausgehmöglichkeiten in der Ecke seien begrenzt und Trinkhallen nicht so seins. 

Wenn es den Studenten abends in das Umland zieht, zieht es den Familienvater Mirco Timm aus Dreieich in die Stadt. Der 37-Jährige trifft sich im Gutleutviertel gern mit Freunden auf einen Wein. „Mir gefällt, wie sich das Viertel wandelt. Es wird belebter und interessanter hier.“

Früher war er regelmäßig im Club Tanzhaus West bis früh am Morgen. Jetzt ist das aber etwas weniger geworden. Er zeigt auf den Kindersitz in seinem Auto. Vor 21 Monaten kam seine Tochter auf die Welt. Dennoch geht er gern noch ab und an zu Elektromusik feiern, um loszulassen. „Jetzt aber nicht mehr ganz so lang. Nur noch bis vier oder fünf“, erklärt er lachend. Feierwütige Studenten und ruhige Familienväter? So einfach tickt das Gutleutviertel nicht.

Wenn die letzten Nachtschwärmer vom Elektroclub Richtung Hauptbahnhof irren, steht Abbas Gaterjy bereits im Laden. Seit acht Jahren betreibt seine Familie die „Patisserie de l’Arabie“ am Schönplatz. Süßigkeitenliebhaber können hier zwischen zwölf verschiedenen Variationen Baklava und drei Sorten Mürbegebäck wählen. Der Familienbetrieb hat sich auf die syrische Variante des Gebäcks konzentriert „Die ist nicht ganz so süß wie die türkische Art“, erklärt Gaterjy den Unterschied. Um das Handwerk zu lernen, ist er 2010 extra nach Jordanien gereist.

Dort hat er mehrere Monate bei dem Cousin seines Vaters gearbeitet, einem syrischer Meister für die kunstvollen Leckereien, und gelernt, worauf es ankommt. „Das Geheimnis eines guten Blätterteigs ist zu wissen, wie viel Maisstärke zwischen die Teigschichten kommt“, verrät Gaterjy.

Die weite Reise hat sich gelohnt: Das Wissensmagazin Galileo berichtete über den Familienbetrieb als „bester und exklusivster arabischer Feinbäcker Deutschlands“. „Auch HR, Sat1 und Kabel Eins waren schon bei uns“, erzählt Gaterjy stolz. Mittlerweile ist der 29-Jährige hauptsächlich im Verkauf tätig. Während er in Ruhe vor dem Laden die Familiengeschichte erzählt, kommen immer wieder Kunden vorbei. „Wir haben uns hier gut etabliert und viele Stammkunden. Über unseren Online-Shop verschicken wir die Gebäcke aber auch deutschlandweit.“ Eine Erfolgsgeschichte am Schönplatz. 

Dass ein Viertel von den ansässigen Geschäften lebt, wird auch in „Salem’s Afro Hair Salon“ deutlich. Wenn man den Friseurladen auf der Gutleutstraße betritt, herrscht Wohnzimmeratmosphäre – nur ohne Wohnzimmereinrichtung. Es geht entspannt und locker zu.

Salem Isaac-Teferri quatscht freundschaftlich mit ihrer Kundin Asli Tiras, die heute neue Extensions bekommt. In Kleinstarbeit werden die Echthaare eingenäht. Vor zwei Jahren ist Salem mit ihrem Laden aus der Düsseldorfer Straße umgezogen. „Hier ist es ruhig, weniger Junkies, und die Mieten sind günstiger“, begründet Isaac-Teferri die Entscheidung. Ihre Stammkundschaft hat sie mitgenommen. Auch Tiras kommt regelmäßig vorbei: „Ich komme extra aus Seligenstadt. Ich habe online nach einem guten Afro-Friseur gesucht und bin so auf den Salon aufmerksam geworden.“ Wer kommt sonst so in Salem’s Salon? „Ach, das ist ganz unterschiedlich. Hier findet man alle Nationen.“

So wie das im Gutleutviertel eben ist, ein multikulturelles Viertel der Gegensätze, Tür an Tür, das Klischees bedient und doch widerlegt. Ein Viertel, in dem Gerhard und Dereje leben. 

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