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Seit Jahren kämpft die Stadt gegen eine Invasion von Nilgänsen.
Tiere in Frankfurt
Frankfurt

Auch Nilgänse haben Freunde

07:57

„Einbein“ geht es gut. Auf einem Bein hüpft die Nilgans in Frankfurt am Deutschherrnufer und unter der Alten Brücke umher. Martina Chane macht das froh. Sie hat den schwer verletzten Vogel gefunden, angefüttert, in Obhut genommen und zu einem privaten Naturschutzprojekt gebracht, wo das Tier monatelang gesund gepflegt wurde - vier Wochen lang wurde es mit einer Kropfsonde ernährt.

Dass die 38-Jährige sich um Nilgänse sorgt, stößt nicht überall auf Verständnis. Radfahrer ärgern sich über das furchtlose Federvieh entlang des Mains, Eltern sorgen sich angesichts des Kots um die Gesundheit ihrer Kinder in Freibädern, in Parks stört das laute Geschnatter die Spaziergänger. Die Nilgans hat in der Stadt viele Feinde. Aber eben auch Freunde.

„Für mich sind das tolle Tiere“, sagt Martina Chane, Gründerin des „Projekts Oase“. Sie seien sozial, intelligent und nicht so aggressiv wie es oft dargestellt werde. Die Aggression gehe vielmehr vom Menschen aus. Die Tiere würden von Booten überfahren, von Angelhaken getroffen, von Fahrrädern angefahren, Küken würden tot getreten, Hälse umgedreht, zu Tode gehetzt oder einfach erschossen.

Im Stadtteil Niederrad liegt die „MS Heimliche Liebe“. Das Boot mit Biotop auf dem Dach ist Heimat des privaten Naturschutzprojekts „Natur Ship“ von Monika Endler und Herbert Hasselhoff. Sie nehmen unter anderem verletzte Vögel auf und pflegen sie gesund, „Einbein“ war einer davon. „Bei den meisten Tierärzten und Tierkliniken werden schwer verletzte Wasservögel in vielen Fällen gleich eingeschläfert“, sagt Monika Endler. „Auch bei der Nilgans ,Einbein' kam es einem Wunder gleich, dass sie gerettet werden konnte.“

Dagmar Stiefel, die Leiterin der Staatlichen Vogelschutzwarte, hat nicht allzu viel Verständnis für solche Aktionen. Den „sehr engagierten Menschen“ möchte sie nicht zu nahe treten. Aber es sei oft „ein ganz bestimmter Typus“, der einzelne Tiere in den Mittelpunkt ihres Tuns stelle - „und der dabei Tierschutz und Artenschutz vermengt“.

Seit Jahren kämpft die Stadt gegen eine Invasion von Nil-, Grau- und Kanadagänsen. Im Brentanobad, wo die Tiere mit ihrem Kot das Wasser verunreinigen, griffen die Bäderbetriebe Ende des vergangenen Sommers zur Waffe: Ein Jäger erschoss - als Bademeister verkleidet - zur Abschreckung der Artgenossen sechs Gänse.

Die drastische Maßnahme sei „eine Ausnahme“ gewesen, betont eine Sprecherin des Umweltdezernats. „Wir setzen eher auf Vergrämung: Wir wollen den Tieren den Aufenthalt so unangenehm wie möglich machen.“ Neueste Idee: Ein Sichtschutzzaun um den Weiher im Ostpark, der den Gänsen den Blick auf ihren Rückzugsort, das Wasser, verwehren soll. Ob die Anti-Nilgans-Maßnahmen etwas bringen? Bei der Vogelschutzwarte heißt es, man müssen den Versuchen noch etwas Zeit geben.

„Am allerwichtigsten wäre die Einhaltung des Fütterungsverbots“, sagt die Leiterin der Vogelschutzwarte. Dass sich die Gänse in Parks und Bädern so vermehrt hätten, liege vor allem daran, dass es für sie dort viel und leicht zugängliches Futter gebe: Im Bad verfüttern Kinder Pommes, im Park Omas altes Brot, nach dem Grillen lassen die Menschen Essensreste auf der Wiese liegen.

Vielen Städtern fehle jegliches Verständnis für solche Zusammenhänge, sagt Stiefel. Zum Beispiel: „Was vorn reingeht, kommt hinten wieder raus.“ Wenn Schulklassen die Vogelschutzwarte besuchen, kann es vorkommen, dass Kinder auf die Frage, woher Eier kommen, sagen: aus dem Supermarkt. «Da gibt es schon eine Art Entfremdung“.

Die Folge sind manchmal extreme Reaktionen: Tierhasser und Tierquäler auf der einen Seite, übertriebene Tierliebe auf der anderen Seite. Um den Jäger vom Brentanobad fernzuhalten hätten Aktivisten gedroht, sich an den Zaun zu ketten oder mit einem Sit-In die Wiese zu blockieren, erzählt Stiefel kopfschüttelnd, die den Abschuss selbst ablehnt - als Einzelmaßnahme führe das nicht zum Erfolg.

Eine besondere Idee, mit Nilgänsen umzugehen, hatte vor kurzem die „Freitagsküche“. In dem Lokal kochen Künstler aus dem Umfeld der Frankfurter Kunsthochschule, der Städelschule, oder denken sich Menüfolgen aus. Marcel Walldorf (34) organisierte am vergangenen Freitag ein Essen mit „oigeplackten“ Arten (hessisch für zugezogen). Als Hauptgang gab es Nutria, Nilgänse stellten die Vorspeise.

„Ursprünglich dachten wir an eine Gans pro Gast“, berichtet der bildende Künstler, „aber wir haben nur drei Gänse besorgen können“. Im Park erschießen gehe ja nicht so gut. Also suchte Walldorf nach einem Züchter und fand einen alten Mann in Thüringen. „Vier Stunden
hin, vier Stunden zurück - ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, in Frankfurt Nilgänse aufzutreiben“, scherzt Walldorf.

Koch Benjamin Hübner verarbeitete die Tiere dann zu Rillette, einem Brotaufstrich. „Die Städter verfüttern ihr Brot an die Nilgänse und Ende landen sie selbst auf dem Brot“, sagt Walldorf. Mit Nilgänsen beschäftigt sich der Künstler auch in seiner künstlerischen Arbeit. In seiner nächsten Ausstellung will er Parallelen aufzeigen zwischen Nilgänsen und Investoren auf dem Wohnungsmarkt. Beide gehörten nicht hierher, seien aber nicht wegzukriegen „und scheißen alles voll“.

Als ähnlich lästig wie die als aggressiv geltende Nilgans - Stiefel nennt sie „die Rampensau unter den Gänsen“ - empfinden viele Städte die Tauben. Sie zu vertreiben sei Sache der Grundstückseigentümer, heißt es beim Umweltdezernat. Der einzige städtische Versuch vor mehr
als zehn Jahren scheiterte spektakulär: An der Alten Oper sollten Bussarde die Tauben vertreiben. Das Projekt wurde gestoppt, nachdem ein Greifvogel einen Hund attackiert hatte.

Um die Taubenpopulation zu kontrollieren unterstützt die Stadt das „Stadttaubenprojekt Frankfurt“. Neben der finanziellen Förderung wurde die Leiterin der Einrichtung, Gudrun Stürmer, im April mit der Bürgermedaille geehrt. Der Verein unterhält in Frankfurt und Wiesbaden mehrere Taubenschläge, in denen die Tiere zwar artgerecht gefüttert werden, gleichzeitig werden Eier durch Attrappen ersetzt. „Weniger Eier, weniger Tiere“, sagt Stürmer.

Für die Tierschützerin ist die massive Ablehnung, die Tauben in den Städten erfahren, absurd. „Die Menschen haben einem kleinen grauen Tier den Kampf angesagt, nur weil es kackt“, sagt sie. Warum haben gerade diese Vögel so ein schlechtes Image? Das hat nach der Einschätzung von Stürmer mehrere Gründe. „Tauben wehren sich nicht. Niemand würde in der Fußgängerzone nach einem Krokodil treten.“

„Außerdem haben Tauben auch viel von uns als Gesellschaft: Sie sind laut, machen Schmutz. Sie halten den Menschen den Spiegel vor.“ Stürmer engagiert sich seit rund 30 Jahren für Tauben, pflegt Tiere gesund. „Ich finde, man darf die Vögel nicht verelenden lassen.“ Stürmer kennt aber auch das Vorurteil, sie kümmere sich um das falsche Tier: „Für manche bin ich sicherlich eine komische Figur.“ (dpa)

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