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Joachim Król mimt grandios den Sparkassen-Bankberater Arno Breuer. Bild:
Verlosung „Lehman. Gier frisst Herz“
Frankfurt

Tickets für die exklusive Preview

Von Kathrin Rosendorff
20:12

Ziemlich genau vor zehn Jahren geschieht das Undenkbare: Am Montag, 15. September 2008, geht Lehman Brothers, eine der weltweit größten Investmentbanken, pleite: „Die schwerste Finanzkrise seit dem Ende des zweiten Weltkriegs“, so drückt es Jean-Claude Trichet, der damalige Chef der Europäischen Zentralbank, im Dokudrama „Lehman. Gier frisst Herz“ aus.

Der Film zeichnet den Countdown bis zum großen Crash aus der Perspektive der Sparkasse und ihrer Kunden aus. Das Erste zeigt den Film, eine Mischung aus Fiktion und Interviews, am 23. September. Doch FR-Leserinnen und Leser können 50 x 2 Tickets für eine exklusive Preview am 13. September gewinnen. Der Hessische Rundfunk zeigt den Film an einem passenden Ort: der Frankfurt School of Finance & Management. Mit dabei wird dann auch Regisseur Raymond Ley sein. Vorab erzählt er im Interview über die Protagonisten.

Es gab schon einige Verfilmungen zur „Lehman-Brothers“-Pleite. Was war Ihr Ansatz, diese Geschichte so zu erzählen, dass man nicht denkt: „Kenne ich schon alles“, Herr Ley?
Lehman ist der Aufhänger – unser Film erzählt im Grunde von falschen Versprechen, Unwissenheit und einem fraglichen Gewinnversprechen. Wir beginnen beim kleinen Sparer, um die Finanzkrise mit einem Verlust von über sieben Billionen Euro greifbar zu machen. Der Verlust des schier grenzenlosen Vertrauens der Bankkunden hat mich interessiert: Alle glaubten, das finanzielle Perpetuum Mobile erfunden zu haben: Alle verdienen an allem. Verlust gibt es nicht.

Wer waren denn Ihre Interviewpartner?
Wir wollten Banker im Film haben, die die Lehman-Zertifikate direkt verkauft haben. Die zwei Bankberater, die anonymisiert im Film sprechen, waren enorm wichtig. Zudem habe ich drei Tage lang mit Geschädigten in Frankfurt gedreht. Auch der damalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und Jean-Claude Trichet, der damalige Chef der Europäischen Zentralbank, sprechen darüber, wie sie die Finanzkrise erlebt haben.

Sie haben sogar Karl Dannenbaum, seinerzeit schon Ex-Geschäftsführer von Lehman Deutschland, als Interviewpartner vor die Kamera bekommen. War das nicht schwierig?Anfänglich ja – aber ich bin ihm sehr dankbar, dass er schließlich so offen mit uns sprach. Dannenbaum war bereits ein Jahr vor dem Crash bei Lehman als Geschäftsführer ausgestiegen. Er selbst hat auch die Hälfte seines Vermögens verloren. Das haben wir bewusst nicht im Film thematisiert, denn auch wenn ihn das bestimmt getroffen hat, war das nichts im Vergleich zu einer Frau auf dem Land, die einen Großteil ihre Altersvorsorge verloren hat.

Dannenbaum lieferte Ihnen überhaupt erstaunliche O-Töne...
Er sagt: „Für die Sparkasse war es gut, (diese Zertifikate) im Angebot zu haben. So wie es für einen Laden gut ist, Coca Cola verkaufen zu können. Obwohl es vielleicht zu viel Zucker enthält, Kinder wollen es.“ Die Sparkassen wollten sich laut Dannenbaum auch nicht mehr so provinziell fühlen – wollten amerikanische Zertifikate im Programm haben, neben Sparbuch und Festgeld.

Eine Betroffene sagt in Ihrem Doku-Drama: „Ich war 37 Jahre bei der Sparkasse. Ich habe nie gehört, dass sie irgendwelche krumme Sachen gemacht haben …“
Lange Zeit wollten wir alle gern glauben, dass die Banken unsere Interessen vertreten, das ist uns seit frühster Kindheit anerzogen worden. Da herrschte fast so ein Urvertrauen. Da gibt man dem Bankberater dann auch gerne mal 10 000 Euro: „Du machst da schon was mit.“ Und so haben die Banken das lange in sie gesetzte Vertrauen dann zu Geld gemacht. Die Lehman-Zertifikate waren damals allerdings ein legales wie begehrtes Papier. Die Sparer haben gern unterschrieben, da das Gewinnversprechen so attraktiv schien. Die Risiken wurden nicht erwähnt.

Einer der fiktiven Helden ist der Sparkassenangestellte Arno Breuer, gespielt von Joachim Król.
Ein großartiger Schauspieler: Król ist in dieser Rolle für mich tatsächlich: „Der Bankbeamte in Person“. Diese Frisur, diese hässliche Brille und spießige Krawatte – sein ganzes Auftreten sagt: Vertrau mir. Am Drehort haben Mitarbeiter gesagt: „Ja, dem Breuer würde ich alles abkaufen.“

In Ihrem Film wird klar, dass auch viele Bankberater irgendwie Opfer waren.
Sie haben natürlich auch ihrem Arbeitgeber vertraut und sich darauf verlassen, dass ihr Arbeitgeber ihnen Produkte an die Hand gibt, die sie auch ohne Argwohn verkaufen können. Man muss bedenken, dass es bis zum Crash viele Leute gab, die mit den Zertifikaten Gewinn machten. Die Bankmitarbeiter haben die Leute nicht bewusst über den Tisch gezogen. Auch wenn einer erzählte, wie sein Chef ihm sagte: „Im Vertrieb geht es darum, den Kunden so schnell über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.“

Eine sehr krasse Spielfilm-Szene: Einer der Banker, die die Zertifikate sehr erfolgreich verkauft haben, wird an eine „Wall of Fame“ gestellt und bejubelt. Seine Kollegin dagegen, die schlecht abgeliefert hat, muss an die „Wall of Shame“…
Diese Methode war in den USA „beliebt“, in Deutschland gab es eher die Gewinner- und Verliererlisten. Ich war baff, als ein ehemaliger Bankberater mir erzählte, dass er an einem guten Tag zwischen 100 000 und 500 000 Euro umgesetzt hat. Ich fand diese Wall of Shame/Fame-Szene wichtig, um den Wettbewerbsdruck untereinander auf den Punkt zu bringen.

Das wird auch sehr deutlich bei der Online-Bankerin Nele Fromm (Mala Emde), die unter Druck sogar noch Geschäfte im Altersheim macht. War das wirklich so?
Ja – es gab einen Fall. Auch hier galt es, ein Bild zu finden, wo die Beraterin alle Bedenken vergisst. Es gab sogar Verträge mit 100-Jährigen.

Sie stellen dem ehemaligen Frankfurter Lehman-Chef Dannenbaum auch die Schuldfrage.
Am Ende gelingt es ihm nicht, eine Entschuldigung zu platzieren, klar war er da schon ein Jahr raus. Es ist einer der O-Töne, die mir am meisten hängengeblieben sind: „Das war wie eine Pyramide, und unten, am Boden, wurden Lebenswerke zerstört. Sicher.“ Aber: „Nein, Schuld haben wir nicht.“

 

Interview: Kathrin Rosendorff

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