© Peter Jülich, FR
Unterkünfte im Gutleut-Viertel in Frankfurt.
Förderverein Roma
Frankfurt

„Die Stadt tut eindeutig zu wenig“

Von Hanning Voigts
19:35

Joachim Brenner (62), Sozialarbeiter, ist Geschäftsleiter des Fördervereins Roma in Frankfurt. Der 1993 eingetragene gemeinnützige Verein kümmert sich mit Sozialberatung, Öffentlichkeitsarbeit, Bildungsangeboten, Übersetzungen, Begleitung bei Behördengängen und der eigenen Kindertagesstätte „Schaworalle“ um die in Frankfurt lebenden Roma.

Herr Brenner, Sie kennen die obdachlosen Rumänen, die auf einer Brachfläche im Gutleutviertel in Hütten leben, schon länger. Wie ist ihre Situation?
Sie haben sich dort notdürftig eingerichtet. Es fehlt natürlich an sanitären Einrichtungen, Wasser und einer Entsorgung des Mülls. Sie bekommen Hilfe durch unsere Sozialberatung, aber ansonsten organisieren sie ihre Existenz auf niedrigem Niveau selbst.

Wer hilft diesen Menschen?
Sie werden vom Diakoniezentrum Weser 5 unterstützt; wir beraten sie, waren etliche Male vor Ort, um Lebensmittel vorbeizubringen. Vor allem die Versorgung mit Wasser ist schwierig. Die Stadt leistet keine Hilfe.

Sie führen immer wieder Gespräche mit den Menschen. Warum sind sie in Frankfurt?
Die Lage der Menschen in Rumänien ist völlig perspektivlos, was Ausbildung und Arbeit angeht. Viele berichten, dass sie als Roma diskriminiert werden, ihre Wohnungen verloren und keine Chance haben, sich irgendetwas aufbauen. Das führt dazu, dass sie in andere Länder gehen, um dort Arbeit zu suchen, um mit dem verdienten Geld die Familie in der Heimat zu unterstützen.

Stimmt der Eindruck, dass es den Menschen in Frankfurt auf der Straße immer noch besser geht als in Rumänien?
Das sagen sie genau so. Für uns mag das schwer nachvollziehbar sein, aber sie erzählen immer wieder, dass sie hier wenigstens die Möglichkeit haben, mit dem Sammeln von Pfandflaschen, Autowaschen oder kleinen Jobs etwas Geld zu verdienen.

Es gab bereits vor Jahren eine Brachfläche im Gutleut, auf der Rumänen gelebt haben. Dieses Mal wird mehr darüber gesprochen, es gab sogar zwei Kundgebungen vor dem Sozialdezernat. Hat Sie das überrascht?
Ich finde es eine bemerkenswerte Entwicklung, dass Leute, die sozial und politisch engagiert sind, sich speziell für die Situation der Roma auf der Brache interessieren. Das ist auch der Unterschied zur letzten Brache, im Februar 2017 geräumt. Das freut uns sehr.

Aktuell besteht die Gefahr, dass die Leute wieder geräumt werden. Was wird dann passieren?
Es wird dasselbe passieren wie letztes Mal. Die 30 Leute werden von der Stadt in einem oder zwei Zimmern zusammengepfercht, und innerhalb von zwei Wochen wird geprüft, ob sie Ansprüche auf Hartz IV haben. Bei den meisten wird das nicht der Fall sein, und die können dann entweder eine Rückfahrkarte nach Rumänien annehmen, oder sie landen wieder auf der Straße.

Wenn die Menschen ihre Hütten verlieren, landen sie wieder auf der Straße?
Ja, das war bei der letzten Räumung dasselbe. Und es wird noch geprüft, ob es eine Möglichkeit gibt, den Menschen die Freizügigkeit zu entziehen. Es wird dann argumentiert, die Freizügigkeit in der EU sei Arbeitnehmerfreizügigkeit, also an einen Job gebunden. Aus unserer Sicht ist das unzulässig, jedenfalls sind die Leute dann wieder obdachlos. Und als Folge der ausbleibenden Hilfe werden sie sich wieder selbst organisieren, ein leerstehendes Haus beziehen oder eine neue Brache. 

Die Stadt argumentiert, sie tue mit der Prüfung der Rechtsansprüche und dem Ticket nach Hause alles, wozu sie verpflichtet ist. Was sagen Sie dazu?
Der rechtliche Rahmen hat sich in der Tat sehr verschärft. Wenn jemand herkommt und hat keine Arbeit, hat er keine Perspektive. Wir sind aber der Auffassung, dass es im Sinne einer sozialen Politik notwendig ist, die schwierige Lage der Roma zu berücksichtigen. Man müsste den Menschen zumindest eine Unterkunft und eine Grundversorgung stellen und ihnen eine Möglichkeit zur Aus- oder Fortbildung geben.

Die Linksfraktion im Römer hat eine Art Boardinghouse vorgeschlagen. Wäre das die Lösung?
Ja, die Forderung nach einem „Haus für Roma“ erheben wir seit vielen Jahren. Roma sind Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt, auch in Frankfurt. Ich glaube, dass wir hier mit einem Haus ein Zeichen setzen müssen, als Zufluchtsort, als Ort, um sich eine Perspektive aufzubauen.

Die Stadt scheint die Sorge zu haben, dass mehr Roma kommen, wenn man ihnen hilft …
Das hat man uns schon vor 30 Jahren entgegengehalten, als wir sagten, wir brauchen eine Kita. Wir haben seitdem schrittweise selbst Projekte aufgebaut und enorme Fortschritte erzielt. Diese Behauptung soll nur verdecken, dass man nicht helfen will. Weil es politisch nicht opportun erscheint, man keine Wählerstimmen verlieren und weil man Roma schlichtweg nicht haben will.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Stadtpolitik bewegt?
Ja, aufgrund der Normativität des Faktischen. Man kann die Augen verschließen und sagen, es gibt keine armen Roma in der Stadt. Man kann sie aber auch offenlassen und sehen, dass arme Menschen in Frankfurt auf der Straße leben, unter ihnen Roma. Wenn man nichts macht, verschärft sich die Lage. Dazu muss man wissen, dass es seit Jahren Stimmungsmache gegen Roma gibt. Tut man nichts, werden Vorurteile und Rassismus weiter zunehmen.

Interview: Hanning Voigts

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