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Das Ostend galt lange als zu hässlich und laut, um gentrifiziert zu werden. Doch jetzt steigen die Mieten und Preise stark an.
Frankfurt-Ostend
Frankfurt

Wege aus der Wohnungskrise

Von Christoph Manus
06:34

Noch vor ein paar Jahren galt das Ostend einigen als nicht gentrifizierbar. Als zu laut, von zu schlechter Bausubstanz, ja schlicht zu hässlich, um schick und teuer zu werden. Doch spätestens seit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank, einen Neubau auf dem früheren Großmarkthallen-Areal zu errichten, steigen die Preise und Mieten rasch an. Viele, die schon lange im früheren Arbeiterviertel wohnen, haben Angst, sich die Miete nicht mehr leisten zu können und verdrängt zu werden.

Und die Experten, die die Mieterinitative Nordend, Bornheim, Ostend (NBO) in die Kunstkulturkirche eingeladen hatte, um über die sozialen Auswirkungen dieser „Mietexplosion“ und mögliche Regulierungsmöglichkeiten zu sprechen, machten den Zuhörern wenig Hoffnung, dass sich die Situation bald entspannen könne. „Das Problem fängt erst an“, sagte Politikwissenschaftler Björn Egner an der Technischen Universität Darmstadt am Montagabend im für die vielen Besucher zu kleinen Raum. Wer glaube, dass Mieten von zwölf, 13, 14 Euro das Ende der Fahnenstange seien, irre. Der Hofheimer Stadtentwicklungsplaner Bernd Hausmann wies daraufhin, dass die Mieten für kleinere Wohnungen deutlich stärker steigen, zugleich aber die Realeinkommen der unteren Einkommensschichten deutlich sinken, und warnte davor, die Chancen, diese Entwicklung kommunal zu beeinflussen, zu überschätzen.

Schlimme Lage für Mieter bietet auch Chancen

Und Andrea Mösgen, Humangeographin an der Frankfurter Goethe-Universität, zeigte auf, wie der Wandel des Ostends von einem vergleichsweise günstigen Quartier zu einem teuren Viertel von der Stadt durch städtebaulichen Sanierungsmaßnahmen letztlich befördert wurde. Zunächst sei diese mit sozialen Auflagen erfolgt, sei geförderter Wohnungsbau entstanden. Doch seit den 2000ern habe sich das geändert. Conny Petzold vom Verein „Mieter helfen Mietern“ erkennt in der Aufwertung des Ostends und anderer Viertel eine politische Strategie. Die Mieter spürten nun die „Erfolge“ einer städtischen Wohnungspolitik, die zum Ziel gehabt habe, einkommensstarke Schichten in die Stadt zu holen, sagte sie. Nun sei die Lage für Mieter so schlimm wie nie.

Zugleich erkennt Petzold aber auch Chancen, die Situation gleichermaßen auf lokaler Ebene zu beeinflussen. Sie ist eine der Initiatorinnen des Mietentscheids, eines Bürgerbegehrens mit dem Ziel, die Frankfurter über die Geschäftspolitik der ABG abstimmen zu lassen. Hauptziel ist, dass die städtische Wohnungsgesellschaft nur noch geförderten Wohnraum errichtet.

Mösgen sieht auf Landesebene die Chance gegen Verdrängung vorzugehen: über einen Vorbehalt gegen die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Der Bund könne die Mieter stärker schützen, indem er die Kappungsgrenze senke, die regelt, wie stark Bestandsmieten steigen dürfen, und die Mietpreisbremse für Neuvermietungen so gestalte, dass sie funktioniere. Sie warb zudem dafür, öffentlichen Grund und Boden nicht zu verkaufen, sondern per Erbpacht und nach dem besten Konzept zu vergeben. Die Bindungsfristen für Sozialwohnungen müssten deutlich verlängert werden, sagte sie.

Egner sieht den Bund in der Pflicht, sich für Wohnungsbau zu engagieren und dafür ein großes Programm aufzulegen. Langfristig müsse man auch über eine Reform der Gemeindefinanzierung nachdenken, mit dem Ziel, dass nicht länger Kommunen belohnt würden, die viele einkommensstarke und wenig sozialschwache Menschen anlockten.

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