© Renate Hoyer, FR
Protest gegen den geplanten neuen Stadtteil.
Neuer Stadtteil in Frankfurt
Frankfurt

„Wir sollten über zwei Stadtteile nachdenken“

Von Christoph Manus
17:10

Vor der Landtagswahl spitzt sich die Diskussion über einen neuen Stadtteil im Frankfurter Nordwesten zu. Widerstand gibt es nicht nur in Steinbach oder Oberursel. Auch in der Frankfurter Koalition bröckelt der Konsens, an der Autobahn 5 Wohnviertel zu entwickeln. Einige CDU-Vertreter stellen sich inzwischen offen gegen die Pläne.

Herr Stock, halten Sie es noch für möglich, dass im Nordwesten der Stadt beidseits der A5 ein großer neuer Stadtteil entsteht?
Ich gehe davon aus, dass das eine Möglichkeit ist. Wir haben ja Voruntersuchungen dafür auf den Weg gebracht. Deren Ergebnisse werden uns zeigen, wo und in welchem Umfang dort unter ökologischen Gesichtspunkten gebaut werden kann. Für uns ist entscheidend, dass das Areal so entwickelt wird, dass möglichst wenig Fläche versiegelt und die Frischluftzufuhr nicht abgeschnitten wird. Wir müssen den Klimaschutz und den Landschaftsschutz beachten, uns aber auch der sozialen Frage stellen. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum für die stark wachsende Stadt.

Gerade gegen die Bebauung des Gebiets westlich der A5 wächst der Widerstand. Zuletzt haben sich auch drei Stadtbezirksverbände der CDU an einem Sternmarsch gegen die Pläne beteiligt.Wäre ein Stadtteil auf beiden Seiten der Autobahn überhaupt politisch durchsetzbar?
Politisch haben wir uns darauf verständigt, dass wir in diesem Gebiet bauen wollen. Aber warten wir die ergebnisoffenen Prüfungen ab, wo genau das geht. Ich habe auch alle Koalitionspartner im Römer so verstanden, dass sie weiterhin zu diesem Beschluss stehen. Klar ist aber, dass gerade das Gebiet westlich der A5 in der Region höchst umstritten ist. Da muss man auch in der Regionalversammlung Überzeugungsarbeit leisten. Die Frage ist, ob es nicht realistischer ist, zwei getrennt voneinander zu entwickelnde Gebiete zu bauen.

Sie raten dazu, zwei Stadtteile statt einen großen zu entwickeln?
Wir sollten eher über zwei Stadtteile nachdenken. Dafür spricht vor allem die große Trennwirkung der Autobahn, deren Ausbau ansteht, und die Problematik mit den Hochspannungsleitungen. Aber auch dafür brauchen wir eine Verständigung mit Steinbach. Auch die Steinbacher könnten durchaus von einer gemeinsamen Entwicklung profitieren, etwa von einer Verlängerung der Linie U6. Viele Gemeinden im Vordertaunus, die die Pläne kritisch sehen, werden sich zudem die Frage gefallen lassen müssen, wieso sie nicht mehr Flächen, die im Flächennutzungsplan für Wohnungsbau vorgesehen sind, ausgewiesen haben.

Wäre ein Stadtteil westlich der Autobahn nicht noch isolierter? Abgeschnitten vom Frankfurter Stadtgebiet?
Klar ist: Wir haben in Frankfurt nur noch Gebiete, die schwierig zu entwickeln sind. Für eine attraktive Verbindung über die Autobahn hinweg haben wir Landschaftsbrücken vorgeschlagen. Ohne Lärmschutz wird es auch nicht gehen.

Also zum Beispiel erst östlich der A5 einen Stadtteil bauen und sich die Option wahren, westlich der Autobahn weiterzumachen?
Wenn wir davon ausgehen, dass es ökologisch vertretbare Möglichkeiten gibt, zu bauen, wäre es logisch, dass wir zuerst das Gebiet im Osten entwickeln. Dort gibt es ein Gebiet an der Nordweststadt, das bereits im regionalen Flächennutzungplan steht. Uns wäre es wichtig, das Thema so bald wie möglich aus dem Klein-Klein der jeweiligen Binnensicht herauszuholen. Deshalb haben wir ja bereits eine Internationale Bauausstellung für das Rhein-Main-Gebiet vorgeschlagen.

 

Sie haben vorhin von der Notwendigkeit gesprochen, neuen bezahlbaren Wohnraum zu bauen. Ein Bündnis für einen „Mietentscheid“ will unter anderem erreichen, dass die ABG nur noch geförderten Wohnungsbau betreiben soll. Wieso soll das nicht möglich sein?
Die Frage ist, ob wir die privaten Investoren aus der Verantwortung entlassen wollen. Wir haben 2014 als Grüne durchgesetzt, dass in Gebieten mit neuen Bebauungsplänen 30 Prozent geförderter Wohnungsbau entstehen muss. Die privaten Unternehmen, die derzeit horrende Gewinne einstreichen, dazu zu zwingen, sozialen Wohnungsbau zu betreiben, ist für uns auch aus Gründen der Gerechtigkeit der richtige Ansatz. Die ABG baut jetzt schon zu etwa 40 Prozent im geförderten Bereich. Wir wollen als Grüne noch mehr. In sehr großen Gebieten, die die ABG entwickelt, zum Beispiel am Römerhof oder am Hilgenfeld, hielten wir es aber falsch, ausschließlich geförderten Wohnungsbau zu betreiben.

Wieso?
Uns ist eine soziale Durchmischung wichtig. Wir sollten keine Fehler der Vergangenheit wiederholen. Zudem ist es uns sehr wichtig, dass auch gemeinschaftliche Wohnprojekte dort Platz bekommen, die für bauliche Vielfalt und kluge Wohnungsgrundrisse stehen, die den sozialen Zusammenhalt fördern und die Mieten auch langfristig bezahlbar lassen. Wir sollten auch wieder stärker über effiziente Grundrisse reden. Nicht jeder kann und will sich eine Drei-Zimmer-Wohnung mit 100 Quadratmetern leisten.

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) warnt auch davor, die ABG nur noch gefördert bauen zu lassen, zeigt sich aber offener für die Forderung des Bündnisses Mietentscheid nach günstigeren Mietern im Bestand.
Für solche Fragen sind wir sehr offen. So sollte die ABG auch weiterhin im niedrigen und mittleren Preissegment unter dem Mietspiegel bleiben und nicht den kompletten Zuschlag der zentralen Lage ausnutzen. Die Höhe der Mieten ist bis tief in die Mittelschicht hinein ein großes Thema in der Stadt.

Interview: Christoph Manus

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