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Überall in Frankfurt wird gebaut. Doch hiesige Unternehmen kommen kaum zum Zuge, kritisiert ihr Verband.
Wohnen in Frankfurt
Frankfurt

„Spekulation mit Bauland treibt die Preise in Frankfurt“

Von Christoph Manus
14:12

Wer in Frankfurt und Region eine neue Bleibe sucht, hat schlechte Karten. Zwar wird mehr gebaut als vor einigen Jahren. Was entsteht, ist aber überwiegend so teuer, dass selbst Besserverdienende außen vor bleiben. Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer eines Verbands, der die Interessen von rund 1000 hessischen Baubetrieben vertritt, nennt Gründe. 

Herr von Borstel, als einen Grund für die immer weiter steigenden Preise für neue Wohnungen in Frankfurt nennen Investoren gerne die wachsenden Baukosten. Sind die Bauunternehmen schuld, dass kein günstiger Wohnraum mehr entsteht?
Das wäre sehr verkürzt. Weder bei den Löhnen noch bei den Sachkosten hat es eine große Erhöhung gegeben. Der wichtigste Grund für die steigenden Preise sind die dramatisch gestiegenen Kosten für den Grundstückskauf. Bauland ist knapp und wird immer teurer. Da lohnt es sich für Investoren, ein oder zwei Jahre zu warten und das Grundstück dann weiterzuverkaufen. 

Sie gehen davon aus, dass auch in Frankfurt Investoren Grundstücke liegen lassen, statt sie zu bebauen, weil sie hoffen, dass die Flächen im Wert steigen? Wird mit Bauland spekuliert?
Ja, es wird mit Grundstücken spekuliert. 

Müsste man versuchen, gegen diese Spekulation mit Grundstücken vorzugehen?
Die Frage ist, wie man die Spekulation verhindern oder die Spekulationsgewinne abschöpfen könnte. Doch das ist schwierig. Der einzige zielführende Weg, um der Spekulation entgegenzuwirken und die Wohnungsnot zu lindern, ist es, mehr Bauland auszuweisen. 

In Frankfurt und Umgebung wird derzeit sehr viel gebaut. Sind das goldene Zeiten für die Bauunternehmen?
Das könnte man denken. Aber gerade im Bereich des Wohnungsbaus treten eklatante Missstände auf. Vergleichen Sie etwa die hessenweiten Durchschnittslöhne für Bauarbeiter. Da haben sie die geringsten ausgerechnet in Frankfurt und Offenbach. Das liegt daran, dass in Frankfurt sehr viele ausländische Bauarbeiter tätig sind. Es gibt einen Verdrängungswettbewerb, der teilweise katastrophale Auswirkungen hat. Unsere traditionellen Bauunternehmen kommen oft gar nicht mehr zum Zuge. 

Die kommen trotz des Baubooms nicht an Aufträge? Wieso?
Weil sie mit Unternehmen aus Ostdeutschland und aus osteuropäischen Ländern konkurrieren, die geringere Löhne zahlen. Wenn es um den billigsten Preis geht, haben unsere Unternehmen mit eigenen Mitarbeitern kaum Chancen, an Aufträge zu kommen. 

Die Projektentwickler sagen gern, man kriege hier nicht mehr genug Leute für große Bauprojekte. Man müsse an die EU-Außengrenzen gehen, um genug Bauarbeiter zu finden. 
Weil sie knapp kalkulieren. Tariflöhne zu zahlen und nicht nur Mindestlohn, ist den Projektentwicklern zu teuer. Dabei können sie vom Mindestlohn keine Familie in Frankfurt ernähren. 

In Frankfurt entsteht derzeit etwa das höchste Wohnhochhaus Deutschlands. Braucht man für solche Projekte nicht gute Leute, die auch auf guten Löhnen bestehen können?
Die guten, hochqualifizierten Leute haben sie nur noch in Führungsaufgaben. Die Poliere, die Bauleiter haben eine gute Ausbildung und verdienen gut. Doch die Masse der Leute auf der Baustelle bekommt oft nur Mindestlohn. Es gibt Baustellen, auf denen fast alle Bauarbeiter über Sub- und Subsubunternehmen beschäftigt sind und schlecht verdienen – teilweise unter Mindestlohn. 

Wie gehen Ihre Unternehmen denn damit um, dass sie bei der Auftragsvergabe leer ausgehen?
Wenn klar ist, dass Lohndumping betrieben wird, kann man den Zoll einschalten. Doch der hat nicht genug Kapazitäten, um  alles kontrollieren zu können. Unsere Mitgliedsunternehmen versuchen etwa, im gewerblichen Hochbau an Aufträge zu kommen. Da gibt es Unternehmen, die eine qualitativ hochwertige Leistung wollen und dafür auch ein paar Euro mehr zahlen. Auch im privaten Bereich gibt es aber noch Bauherren, die eine hohe Qualität schätzen und deshalb ein Unternehmen mit eigenen Mitarbeitern beauftragen. 

Schauen die öffentlichen Unternehmen mehr darauf, dass die beauftragten Firmen ihre Leute vernünftig bezahlen?
Unsere Unternehmen haben kaum Chancen, an öffentliche Aufträge zu kommen. Die öffentliche Hand vergibt diese in der Regel an den billigsten Anbieter. Dabei gibt es die Möglichkeit, mit beschränkten Vergaben zu arbeiten, um Unternehmen zum Zuge kommen zu lassen, die mit eigenen Mitarbeitern und ohne Subsubunternehmerketten arbeiten. Doch wer einen Auftrag mal nicht so billig wie möglich vergibt, muss befürchten, später als Steuerverschwender kritisiert zu werden.

Es gibt immer wieder Fälle, in denen Bauarbeiter um den Lohn geprellt werden, öffentlich. 
Das sind leider keine Einzelfälle. Schwarzarbeit ist im Hochbau immer noch sehr stark verbreitet. Man schätzt, dass deutschlandweit etwa 300 000 Menschen in der Branche in der Schattenwirtschaft arbeiten. In vielen Fällen wird nicht mal der Mindestlohn gezahlt. Dann erhalten die Arbeiter zum Beispiel Lohn für acht Stunden, obwohl sie zehn gearbeitet haben. 

Was kann man tun?
Wir müssen versuchen aufzuklären und den Zoll stärken. Die öffentliche Hand sollte zudem nur noch Unternehmen beauftragen, die nachweisen können, dass sie ordentlich arbeiten und ihre Beschäftigten vernünftig bezahlen. 

Kann man jungen Leuten trotz der Missstände raten, einen Bauberuf zu erlernen?
Unbedingt. Die gestalterischen Möglichkeiten in der Branche und die Bandbreite der Tätigkeiten sind enorm. 

Trotzdem rennen Auszubildende den Unternehmen ja nicht gerade die Bude ein.
Stimmt. Wir haben verschiedene Schwierigkeiten. Etwa den demografischen Wandel und die Tendenz, dass immer mehr junge Leute Abitur machen und studieren wollen. 

Welche Rolle spielen die teuren Wohnungen im Ballungsraum für die Nachwuchssuche?
Eine große. Die Beschäftigten unserer Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet können sich Wohnungen hier kaum noch leisten. Mit der Folge, dass einige bereits anfangen, eigenen Wohnraum zum Beispiel für Mitarbeiter aus Osteuropa zur Verfügung zu stellen. 

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