© Christoph Boeckheler, FR
Der Blick auf die FAZ-Gebäude an der Hellerhofstraße im Gallus heute: Im Jahr 2021 will die Zeitung hier ausziehen.
Zeitungsviertel in Frankfurt
Frankfurt

Wohnungen statt Zeitungsredaktionen

Von Claus-Jürgen Göpfert
06:55

Es ist ein Einschnitt in der Frankfurter Stadtgeschichte. Seit Jahrzehnten werden im Gallus zwischen Mainzer Landstraße und Frankenallee Zeitungen gemacht: Die „FAZ“ und die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) sitzen hier traditionell mit ihren Redaktionen. Doch nun steht das alte Zeitungsviertel vor der Auflösung. „Im ersten Quartal 2021“, so heißt es bei der Fazit-Stiftung, die das FAZ-Kapital hält, wird die Zeitung ins Europaviertel umziehen.

Dort entsteht bis dahin auf dem Grundstück Europaallee 92 ihr neues Verlagsgebäude. Das 60 Meter hohe Haus nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros Ecke Becker wird die rund 1000 FAZ-Beschäftigten aufnehmen, die gegenwärtig noch im Gallus auf mehrere Gebäude verteilt sind. Auf das riesige Grundstück der Zeitung im Gallus aber unter der Adresse Hellerhofstraße 2-4 und Hellerhofstraße 9 richten sich längst begehrliche Blicke von Projektentwicklern und potenziellen Investoren. „Das Interesse an diesem Gebiet ist groß, es gibt viele Anfragen“, sagt eine Sprecherin der Fazit-Stiftung.

Das ist kein Zufall. Denn im Gallus ist der Umbruch vom früheren Industrieviertel hin zum modernen Dienstleistungsquartier längst in vollem Gange. Überall entstehen neue Bürogebäude, aber auch neue Wohnungen. „Der Wandel ist unverkennbar“, sagt der planungspolitische Sprecher der Grünen im Römer, Uli Baier, der seit Jahrzehnten im Gallus lebt. Auch der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) spricht von einem „sozialen Umbruch“, der auch die Gefahr berge, dass es zur Verdrängung der angestammten Wohnbevölkerung komme.

Josef skizziert im Gespräch mit der FR nach einem Abriss des alten Zeitungsquartiers ein „Viertel mit dem Schwerpunkt Wohnen“, in dem aber auch nichtstörendes Gewerbe angesiedelt werden könne. Und er spricht die „soziale Infrastruktur“ an, die es dort künftig brauche, also etwa eine Kita oder auch eine Schule.

Für das Gelände der FAZ gibt es laut Josef keinen städtischen Bebauungsplan. Das spricht seiner Meinung nach dafür, die Zukunft nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches zu behandeln. Das würde bedeuten: Das Maß der Bebauung dürfte die Maße in der Nachbarschaft des FAZ-Areals nicht überschreiten.

Die Botschaft des Planungsdezernenten an die interessierten Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft lautet: „Das hier ist kein Hochhaus-Standort.“ Bedeutet übersetzt: Ein maßstabsprenger Büroturm von 150 bis 200 Metern ist mit der Stadt nicht zu machen. Als Maß aller Dinge gilt das kleine Hochhaus des Deutschen Fachverlages, Mainzer Landstraße 251, am Rande des Zeitungsquartiers. Wenn es dabei bliebe, wären der Spekulation mit dem FAZ-Grundstück Grenzen gesetzt.

Dennoch schätzen Fachleute, dass ein Verkauf des Areals eine dreistellige Millionensumme einbringen könnte. Die Fazit-Stiftung dementiert Informationen, dass sie bereits ein Bieterverfahren für Immobilienunternehmen ausgeschrieben habe: „Das können wir nicht bestätigen.“ Offiziell sei über die Zukunft des Grundstücks nach dem Umzug der FAZ ins Europaviertel „noch keine Entscheidung gefallen“.

Die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) ist seit Jahrzehnten im langgestreckten Stammgebäude Frankenallee 71-81 beheimatet, nur wenige Schritte von der FAZ entfernt. Im Sommer 2013 zog auch die Frankfurter Rundschau (FR) ins Quartier, deren Redaktion im Bürogebäude Mainzer Landstraße 205/207 untergebracht ist. Seit April gehören FNP und FR zur Ippen-Gruppe, dem fünftgrößten Zeitungsunternehmen der Bundesrepublik.

In der Verlagsführung von Ippen sind die Überlegungen über den künftigen Standort von FR und FNP noch nicht abgeschlossen. Es spricht aber einiges dafür, dass beide Zeitungen zum gleichen Zeitpunkt wie die FAZ, also im Frühjahr 2021, ihre bisherigen Gebäude verlassen werden.

Das Stammhaus der FNP ist nach Angaben der Stadt nicht denkmalgeschützt, könnte also auch abgebrochen werden. Es böte sich an, dieses Grundstück in eine neue Bebauung einzubeziehen. Wegen der Dimension des Projekts drängen die Grünen auf eine städtische Planungswerkstatt und einen Bebauungsplan für das alte Zeitungsviertel. Um die Spekulation zu begrenzen, verlangt Grünen-Sprecher Uli Baier zugleich eine Veränderungssperre.

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