© Michael Schick, FR
Der Zeppelinpark ist eine gern besuchte Anlaufstelle für Mütter mit Kindern.
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Frankfurt

Ein bisschen Dorf, ein bisschen Stadt, ein bisschen Frankreich

Von Simon Berninger
20:04

Direkt ins Grenzgebiet zwischen Europa- und Kuhwaldviertel, Rebstock- und Zeppelinpark stach der Pfeil in den Frankfurter Stadtplan.

Das ist eine Gegend, in der sich westlich der zweispurigen Nord-Süd-Tangente Am Römerhof moderne Neubausiedlungen befinden, während das Kuhwaldviertel „ein Dorf mitten in der Stadt ist“, sagt Gertrud Dapper.

Die 66-jährige Rentnerin macht gerade ihre morgendlichen Erledigungen in dem Wohngebiet mit dem architektonisch kleinstädtischen Charme von anno dazumal. Dem tue auch das moderne Neubauviertel, das rund herum angrenzt, keinen Abbruch: „Davon kriegen wir eigentlich gar nichts mit, hier in unserem Dorf“, lacht Dapper.

In dieses dörfliche Bild fügt sich auch das Wasserhäuschen, wie die rüstige Frankfurterin die Trinkhalle nennt, in der sie gerade „heimlich“ - wie sie gesteht - Zigaretten gekauft hat. Mit ihrem Mann wohnt Gertrud Dappner seit über 30 Jahren in einem Reihenhaus ein paar Meter weiter. Daher hat die Rentnerin die Entwicklung im Kuhwaldviertel ganz genau verfolgen können. „Früher war das Viertel von Leuten aus Post, Polizei und Eisenbahn bewohnt, heute ist es bunt gemischt“, sagt sie merklich stolz darauf, schon so lange hier zu sein. Als sie „der Liebe wegen“ hierher gezogen sei, habe ihr ihre Mutter, die früher „der Arbeit wegen“ zufällig in derselben Gegend zu tun hatte, genau erklären können, wohin es ihre Tochter 1986 verschlagen hatte: „Sie hat mir genau erzählt, was es mit dem Gedenkstein und den Zeppelinen auf sich hatte“, erinnert sich die Rentnerin.

Keine fünf Gehminuten von der Trinkhalle entfernt steht ein grauer Gedenkstein, der an die erste Zeppelinlandung in Frankfurt im Jahr 1909 erinnert. Passagier war kein Geringerer als der Erfinder des zigarrenförmigen Ballons, Graf Ferdinand von Zeppelin höchstpersönlich. Seine ungewöhnliche Anreise in dem Luftschiff an eben jenen Ort, wo heute der Gedenkstein steht, war einst das Highlight der Internationalen Luftschifffahrt-Ausstellung in Frankfurt.

Daran, dass das heutige Wohnviertel einst ein Flugplatz war, erinnern immerhin noch Straßennamen wie Montgolfier-Allee, die übersetzt Ballonallee heißt, und Wilhelmine-Reichard-Weg, der nach der ersten deutschen Ballonfahrerin benannt ist.

Entsprechend lag es auch nahe, die heute an das Viertel angrenzende Grünanlage kurzerhand Zeppelinpark zu nennen. Hier drehen Mütter mit Kinderwagen ihre Runden, während sich die Größeren und Sportlicheren an einem frei zugänglichen Trimm-Dich-Rondell ausprobieren. Dort macht auch der ein oder andere Jogger kurz Station, ehe die Route über die Straße weiterführt in den wesentlich größeren Rebstockpark. Dort ist inzwischen auch Ousmane Mbodyi angekommen. Der 49-Jährige ist heute schon eineinhalb Stunden durch den Rebstockpark gejoggt, den der gebürtige Senegalese liebevoll „seinen Garten“ nennt, weil er den Park als Anwohner im Europaviertel quasi vor der Haustüre habe.

Trotz der allmählich herauskommenden Sonne, die sich im Rasen voller Morgentau wie auf den Schweißperlen des Joggers widerspiegelt, hat Ousmane Mbodyi den Rebstockpark an diesem Herbstmorgen fast für sich alleine: „Umso besser“, sagt er. „Normalerweise jogge ich auch abends, da sind dann auch viel mehr Menschen da. Aber heute habe ich noch frei“, freut sich der Sicherheitsangestellte beim Frankfurter Flughafen, der sich um seine eigene Sicherheit beim nächtlichen Joggen im Rebstockpark keine Sorgen macht: „In den zwanzig Jahren, die ich jetzt hier lebe, wüsste ich nicht, dass hier im Park mal was passiert ist.“ Und er müsse es wissen, immerhin joggt er vier Mal in der Woche durch die Grünanlage.

Anders als Ousmane Mbodyi kommt Symeon Symeon von Berufs wegen am Rebstockpark vorbei. Der 29-Jährige ist Briefträger und macht im Park regelmäßig seine Pause. „Hier sieht man viele Leute, denen man auch die Briefe bringt“, erzählt er, nachdem er aus Nummer 6 Am Römerberg herausgekommen ist und in seinem gelben Wagen nach der Post für Nummer 4 greift.

Nummer 4 ist die Pizzeria „Da Salva“, die Inhaberin Nadine Gümüs seit vier Jahren betreibt. „Am Anfang ist es natürlich schwer gewesen, hier schwarze Zahlen zu schreiben“, erzählt die gebürtige Straubingerin. Inzwischen habe die Pizzeria aber ihre festen Stammkunden. An manchen Abenden habe sie in der kleinen Pizzeria, in der vor ihrer Zeit mal eine Eisdiele zu Hause war, sogar gar keinen Platz mehr für Besucher, die nicht vorher reserviert hätten.

Pizzen ganz klassisch im Holzofen gebacken

Bei einem Preis von fünf Euro für die günstigste Pizza (Tomate-Mozzarella) könnten sich das auch die weniger gut Verdienenden aus dem Kuhwaldviertel leisten, meint die 30-jährige Restaurantbesitzerin. „Aber die Geschäftsleute mit Geld aus dem Europaviertel oder von der Messe kommen ja sowieso“, versichert sie und verweist auf ihren Mittagstisch, den sie werktags ab 11.30 Uhr anbietet.

Deshalb kommt der Pizzabäcker auch heute wieder eine Stunde vorher, um den schwarzen Ofen auf 200 bis 300 Grad Betriebstemperatur zu bringen. Dafür braucht er getrocknete Buchenholzscheite, die sich das „Da Salva“ aus dem Maintal liefern lässt. Hier werden nämlich alle Pizzen ganz klassisch im Holzofen gebacken.

Das habe nicht nur geschmackliche Vorteile, erläutert Gümüs: „Denn auch wenn wir hier mal Stromausfall haben, können wir weiter Pizza backen.“ Bleibe nur zu hoffen, dass der Ofen auch im übertragenen Sinn nicht ausgehe für ihre Pizzeria. So, wie sich das Viertel entwickele, habe sie aber ins Schwarze getroffen, „genauso wie der Dartpfeil“, lacht sie.

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