© David Mdzinarishvili (Reuters), FR
Tiflis schlägt einen Bogen gen Westen.
Buchmesse Frankfurt
Kultur

Das ist der Ehrengast der Buchmesse

Von Claus-Jürgen Göpfert
16:12

Vor einundzwanzig Jahren hat Ana Kordzaia-Samadaschwili zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse besucht. Gemeinsam mit einem Freund streifte die Kulturjournalistin aus Georgien damals durch die Hallen des Messegeländes. Die beiden malten sich aus, „wie es wohl wäre, wenn Georgien das Gastland der Buchmesse sein würde“. Welche Filme würden sie zeigen, welche Ausstellungen? Und wie könnte der Pavillon aussehen? Zwei Jahrzehnte später ist dieser Traum wahr geworden: Georgien ist Ehrengast der Buchmesse vom 10. bis 14. Oktober. Unter dem Motto: „Georgia – Made by Characters“.

Und die Übersetzerin versucht, Buchmessen-Direktor Juergen Boos zu erklären, was dieser Auftritt im Herbst für sie und ihre Heimat bedeutet. „Eine große Freude, ein Stückchen Glück“, sagt sie schließlich. Mikheil Giorgadze, Minister für Kultur und Sport, formuliert einen politischen Anspruch: „Wir wollen den Europäern demonstrieren, wer wir sind – sie sollen Georgien wiederentdecken.“

Ein Land, südlich des Kaukasus und östlich des Schwarzen Meeres, das oft genug gar nicht mehr mit Europa in Verbindung gebracht wird. Folgt man Giorgadze, ist aber genau diese Zugehörigkeit zur europäischen Familie und ihren Werten das große Ziel der Georgier: „Mehr als 75 Prozent der Bevölkerung wählten für Europa und die Integration.“ Und insbesondere die junge Generation trete für politische Freiheit, „für europäische Denkweisen und Werte“ ein.

Ein Land strebt nach Europa: Und der Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse ist die Bühne dafür. „Es ist eine Chance, einmalig in unserem Leben, um unsere Kultur zu präsentieren“, sagt der Minister. Das dünn besiedelte Land, das gerade einmal vier Millionen Einwohner zählt, investiert sechs Millionen Euro in die Präsentation in der Bundesrepublik, die schon bei der Frühjahrs-Buchmesse in Leipzig begann.

Es gibt 100 kulturelle Events in 100 deutschen Städten – aber auch in der Schweiz und in Österreich werden georgische Autorinnen und Autoren präsent sein. Die Frankfurter Buchmesse soll der Höhepunkt werden.

Es ist nicht umsonst das Jahr 2018, in dem Georgien die europäische Bühne sucht. Vor 100 Jahren, am 26. Mai 1918, erklärte sich Georgien zur unabhängigen demokratischen Republik. Die Eigenständigkeit dauerte nicht lange: Schon am 16. Februar 1921 wurde das Land von der Roten Armee besetzt und in die Sowjetunion eingegliedert. Erst am 9. April 1991 erkämpfte sich Georgien wieder seine Unabhängigkeit von der zerfallenden Sowjetunion.

Im Jahr 2018 nun tauschen sich die Frankfurter Buchmesse und Georgien in ganz besonderer Weise aus. Ende Mai richten die Frankfurter bei der Buchmesse in der georgischen Hauptstadt Tiflis einen großen deutschen Gemeinschaftsstand aus – mit Unterstützung des Auswärtigen Amts. Zahlreiche deutsche Autorinnen und Autoren werden aus diesem Anlass nach Tiflis reisen. Etwa 60 000 Besucher werden erwartet.

Schon bei „literaTurm“, dem Literaturfestival Frankfurt-Rhein-Main, sind am 6. Juni drei namhafte Repräsentanten der zeitgenössischen georgischen Literatur zu Gast: Nana Ekvtimishvili, Davit Gabunia und Aka Morchiladze. Bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst werden schließlich nicht weniger als 70 Autorinnen und Autoren erwartet.

Hier kommen die „Characters“ ins Spiel. Denn sie stehen nicht nur für die vielfältigen Vertreter der georgischen Kultur, sondern auch für die 33 Buchstaben des uralten Alphabets des Landes. „Es war das georgische Alphabet, das die georgische Nation begründete“, sagt Medea Metreveli, die Direktorin des Georgian National Book Centre. Am 12. Oktober wird Georgien seinen wichtigsten Literaturpreis, den Saba, feierlich im Kaisersaal des Römers verleihen.

Aber natürlich erhofft sich das Land auch, von dem Auftritt in Frankfurt und Europa wirtschaftlich zu profitieren. Der georgische Buchhandel hat sich im Vorfeld neu organisiert, durch die Gründung des National Book Centre. Etwa 100 Verlage wollen mit Deutschland ins Geschäft kommen. Schon 80 georgische Titel liegen in deutscher Übersetzung vor.

Minister Giorgadze fasst es nicht ohne Pathos zusammen: „Europa ist unsere historische Familie, mit der wir eine Verbindung wollen.“

  Zur Startseite
Schlagworte