© Nashr-e Markaz Publ., FR
Fariba Vafi.
Fariba Vafi
Kultur

„Kleine Freiräume sind möglich“

Von Andrea Pollmeier
14:56

Frau Vafi, Tarlan, die Hauptfigur in Ihrem ursprünglich 2006 erschienenem Roman, will Schriftstellerin werden und lernen, Schreibmaschine zu schreiben. Um vom Vater die Erlaubnis zu erzwingen, tritt sie in einen Hungerstreik. Der Versuch scheitert. Schließlich entscheidet sie sich, Polizistin zu werden. Warum geht sie diesen so gegensätzlich wirkenden Weg?
Tarlan lebt mitten in einer strengen Welt wie in einem Gefängnis. Darum ergreift sie die nächste Gelegenheit, um fortzukommen. Sie ist eine groß gewachsene Frau und geeignet, Polizistin zu werden. Ohne tiefer nachzudenken geht sie diesen Weg. 

Hätte sie als Autorin überhaupt eine Chance gehabt? Wie hat sich seit den ersten Jahren der Islamischen Revolution die Frauenliteratur entwickelt?
Anfangs gab es nur vier oder fünf bekannte Schriftstellerinnen. Nachdem Präsident Khatami 1997 an die Regierung gekommen war, gab es eine Art Frühlingsstimmung und viel mehr Freiheit. Plötzlich tauchten Frauen mit eigenen Texten auf. Sie hatten schon als Autorinnen gelebt, jetzt erst konnten sie ihre Werke in Zeitungen publizieren. Bis heute sind Frauen in Film, Literatur und Kunst stark präsent. 

Tarlan zieht es an Orte, die karg und unwirtlich sind. Im Elternhaus zieht sie sich oft in den Keller zurück, wo Kakerlaken und Skorpione hausen. Warum?
Frauen hatten keine offenen Räume, die sie aufsuchen konnten. Wenn Tarlan eine Alternative gehabt hätte, wäre sie an einen angenehmeren Ort gegangen. Erst jetzt haben wir zum Beispiel Parkanlagen, die Frauen zugänglich sind. Die ersten Jahre der Revolution waren unglaublich streng und brutal.

Im Buch heißt es: „Vielleicht bin ich an diesem rauen, traumleeren Ort, weil meine Träume verschwunden sind.“ War diese Stimmung in den ersten Revolutionsjahren typisch? Hat sich dies jetzt geändert?
Auf jeden Fall. Die Gesellschaft hat sich innerhalb der letzten dreißig Jahre erheblich verändert, sie ist weicher geworden. Ob das auch für die Polizeiakademie gilt, weiß ich allerdings nicht. 

Tarlan zieht es in ihren freien Stunden zurück zur traditionellen Welt. Sie geht mit ihrem Bruder durch die Bazare, während andere Polizeischülerinnen tanzen gehen. Gab es damals solche Ausweichmöglichkeiten und warum haben die Frauen sie aufgesucht? 
Während der Ausbildung leben 150 Frauen  in einer Schlafhalle. Alle haben die gleiche Uniform an und müssen auf dem Hof im Gleichschritt gehen, alle sehen gleich aus. Tarlan sucht den Basar auf, damit sie etwas anderes sieht. Versteckt gab es außerdem Räume, in die sich junge Frauen und Männer zurückzogen, um zu tanzen oder Alkohol zu trinken. Heute gibt es solche Orte viel mehr, sie sind allerdings nicht so offen wie hier.

Es gibt gegenüber äußeren Einflüssen einen kritischen Unterton im Buch. Die Tanzszene wird als Hölle bezeichnet. Auch kommunistische Befreiungsbewegungen verlieren an Glanz. Im Alltag bleibt von den Reden, in denen große Ideale beschworen werden, nicht viel übrig. Gelten sie als Bedrohung?
Ich spreche von einer Phase, in der die Ideale langsam hohl werden und nicht zum Erfolg führen. Es handelt sich um eine geschlossene Gesellschaft, alles wird in dieser Gesellschaft unterdrückt, nichts funktioniert mehr richtig, es gibt einen totalen Umbruch. Kein Stein lag damals mehr auf dem anderen. Wer seinen Idealen nachgeht und von Kuba träumt, kann sie nicht verwirklichen. In meinem Buch habe ich versucht, die großen Faktoren der Gesellschaft in verkleinerter Form widerzuspiegeln. 

Wie ist das Leben jetzt?
Das Leben hat sich geändert, durch Handy und Internet wirken sich internationale Einflüsse auch auf die persische Gesellschaft aus. Die Frauen haben ihre Häuser verlassen und kämpfen für ihre Rechte, sie lassen sich nicht mehr wie damals unterdrücken. Die Pfeiler des Lebens sind jedoch gleich geblieben. Vieles, was ich als Sackgasse betrachte, ist unverändert. Im Buch habe ich versucht, zu zeigen, dass trotz der Einschränkungen kleine Freiräume möglich sind. 

In Ihren beiden auf Deutsch erschienenen Werken, „Kellervogel“ (Rotbuch, 2012) und „Tarlan“, thematisieren Sie Optionen des Weggehens. Im ersten Buch wird der Ehepartner ins Ausland ziehen. In „Tarlan“ verlässt die junge Frau ihren Heimatort Tabriz, in dem auch Sie geboren sind, und geht nach Teheran. Welche Bedeutung haben diese Aufbrüche? 
Alle Hauptfiguren in meinen Geschichten können den Status quo nicht akzeptieren. Sie sind beständig auf der Suche. Wenn sie ihr bisheriges Zuhause verlassen, birgt das schon einen Moment der Freiheit. Die eine will ins Ausland, die andere wendet sich ihren Träumen zu oder hinterfragt alles, was das Schicksal ihr auferlegt hat. 

Ist dieses „Schicksal“ durch eine höhere Gewalt oder durch die Gesellschaft bestimmt? 
Es ist das Leben, das wir nicht selber ausgesucht haben. Was uns als Schicksal erscheint, ist ein gesellschaftlicher Zwang, wir müssen ihn akzeptieren und damit leben. Die Figuren in meinen Romanen möchten Freiheit, Sicherheit und ein etwas besseres Leben. Ein solches Leben wäre möglich, ist jedoch noch nicht Realität.

Sie schreiben über eine Abadanerin, die als einzige zentrale Figur keinen Namen hat, sondern nach ihrem Herkunftsort Abadan benannt wird. Warum?
Im Iran gibt es viele Provinzen. Der Ortsname gibt Hinweis auf die Geschichte, die die Menschen geprägt hat. Abadan war   ein Kriegsschauplatz. Die schöne Stadt am Persischen Golf wurde fast völlig zerstört. Ein persischer Leser assoziiert mit der Stadt sofort eine große Traurigkeit, die Abadanerin verkörpert diese Erfahrung.

Wie stark sind die Schahzeit oder die frühen Revolutionsjahre noch im Gespräch?
Ein junger Mensch kennt die Ereignisse nicht, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben. Manches wird falsch übermittelt. Wir können jedoch sehr locker über die Schahzeit sprechen, es werden Memoiren geschrieben, das Thema ist nicht tabu. Parallelen zur Gegenwart werden allerdings besonders achtsam behandelt. 

Gibt es weibliches Schreiben?
Ich schreibe aus der Sicht von Frauen, weil ich ihre Perspektive sehr gut kenne. Tarlans Geschichte könnte ein Mann nicht schreiben. Sie betrifft einen Ort, an dem nur Frauen zusammenkommen. Es gibt zwar gute Geschichten über Frauen, die von Männern geschrieben sind, doch müssen Frauen über Frauen schreiben. Sie dürfen dies nicht den Männern mit ihren Phantasien überlassen! 

Können Denken und Schreiben Veränderung ermöglichen? 
Nein, nicht Denken, Kreativität ändert die Welt! 

Interview: Andrea Pollmeier

  Zur Startseite
Schlagworte