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Auf Sichtweite: die 14 Kilometer voneinander entfernten Küsten Europas und Afrikas, hier gesehen von Andalusien Richtung Marokko.
Flüchtlingspolitik
Kultur

Drei Jahrzehnte Westroute

Von Reinhart Wustlich
14:27

Das Bild ist verführerisch: Zum Greifen nah die Küste Afrikas. Gekrönt vom Gebirgsstock des Jebel Musa in der Ferne, dem Berg Moses’, dessen Kontur im Südosten über den Morgenschatten der Straße von Gibraltar leuchtet. Der Felsenrücken Ceutas hängt an ihm, die spanische Enklave an der Küste Marokkos. Weiße Strukturen von Siedlungen am zurückweichenden Ufer, darüber, klar erkennbar die filigranen Containerbrücken von Tanger Med, dem neuen Hafen Marokkos. Während im Vordergrund die N-340, die Fernstraße zwischen Tarifa und Algeciras so europäisch verlässlich erscheint, so sicher mit doppelten Leitplanken vor dem leuchtenden Grün der andalusischen Alcornocales, einem Naturpark, ist es die unglaubliche Nähe der Kontinente, die sich aufdrängt. 

Gerade einmal vierzehn Kilometer liegen zwischen den Ufern Afrikas und Europas. Tahar Ben Jelloun hat das Bild vom Gegenüber geprägt: „Wie schön es ist mit seinem glänzenden Kleid, seinen feinen Düften“, klingt es, „doch dieses Meer verschlingt euch und wirft euch stückweise wieder aus ...“ 

Dennoch verwundert nicht, dass diese Meerenge seit jeher zu Querungsversuchen verleitet hat. Während der Ärmelkanal zwischen dem französischen Cap Gris-Nez und Dover an der engsten Stelle zweiunddreißig Kilometer misst, deren Überwindung durch Kanalschwimmer als Rekordevent geführt wird, geht es am „Estrecho“, der Straße von Gibraltar, um Leben und Tod.

„Wenn der Augenblick gekommen war, müssten wir mit all unserer Kraft schieben und dann unverzüglich ins Boot springen ... Während wir die Welle abpassten, die riesige, die einzigartige Welle, die uns – wenn sie mit kräftigem, hilfreichem Sog wieder zurückströmte – ins offene Meer hinaustragen würde... Kaum war ich einige Meter zurückgewichen, als mich die Walze erfasste, mich hoch in den Himmel hob, sich Redas bemächtigte und uns mit unerhörter Gewalt ans Ufer warf. An dieses verfluchte Ufer, das uns zur Welt gebracht hatte und zu dessen Qualen wir in alle Ewigkeit verdammt waren ...“

Die Szene der verpassten Abfahrt spielt auf der Westroute der Migranten zwischen Tanger und Algeciras, aber nicht am Strand von heute, nicht im Sommer 2018. Sie spielt zwanzig Jahre zuvor, als Mahi Binebine seinen Roman „Cannibales“ (Paris 1999, dt. Kannibalen) schreibt. 
Darin zeichnet er die kleine Welt der Migranten, einer Gruppe aus Algerien, Mali und Marokko bei dem Versuch, nach Europa zu kommen; benennt Protagonisten, die zum ersten Mal auf die Überquerung des „Estrecho“ warten, schildert andere, die bereits Versuche hinter sich haben, bei jedem Mal zurückgewiesen werden, nur, um es erneut zu versuchen. 

Er erwähnt die Aufenthalte der Schlepper in europäischen Gefängnissen; beschreibt das Ritual, das die Papiere – „jegliches Dokument, das dazu dienen könnte, euch zu identifizieren“ (Reisepass, Personalausweis, Geburtsurkunde, Adressbüchlein) aus den Verstecken zu Tage fördert. Zeigt, wie sie vergraben, nicht verbrannt werden, weil ein Feuer in der Nacht zu riskant gewesen wäre. Heute haben die Dokumente einen eigenen, lukrativen Markt. 

Er beschreibt das Meer, „weit außerhalb der Stadt“, das ruhig sein sollte, dessen Wellen die Gruppe jedoch bereits bei dem Versuch sprengen, das Boot ins Wasser zu wuchten. Zwei bleiben in dieser Nacht, von einem Brecher abgedrängt, am Strand. Am Abend des Tages, als sie deprimiert durch Tanger streifen, fällt ihr Blick auf ein Schaufenster: ein Fernsehgerät strahlt spanische Programme aus, zeigt Polizisten der Guardia Civil, die am Strand die Körper Ertrunkener einsammeln: „Die grüne Öljacke des Schleppers, die ein Stück weit draußen schwamm, ebenso wie die Größe eines der Ertrunkenen, ließen keinen Zweifel aufkommen“ – es sind die eigenen Leute. Sie haben die Fahrt nicht überlebt. „Wir hatten in unserer Naivität gedacht, dass uns nichts Geringeres beschieden sein würde, als in Spanien zu Abend zu essen“, heißt es bei Mahi Binebine. Das Überqueren der Straße von Gibraltar hatte „nur eine Sache von wenigen Stunden“ sein sollen. 

Binebines Roman enthält alle Ingredienzen, die den Strom über das Meer auch heute kennzeichnen. Etwa die Bereitschaft der Protagonisten, „alles zu glauben“, vorausgesetzt, man erlaubt ihnen zu gehen; „so weit weg wie möglich“.

Romane wie „Kannibalen“ entstehen nicht voraussetzungslos. Für den europäischen Leser geschrieben, vermögen sie gesellschaftspolitische Verwerfungen sichtbar zu machen, lange bevor sie die Öffentlichkeit erreichen, schildern sie die Zuspitzung, die den Tod ungewollt zum symbolischen Kapital einer Kultur werden lässt. 

Die vergessenen Toten

Vor dreißig Jahren, an Allerheiligen, dem 01. November 1988, beginnt die Zählung der Opfer gescheiterter Überfahrten über die Straße von Gibraltar. Zwanzig Jahre später berichtet die spanische „La Vanguardia“, dass die erschütternde Bilanz bei mehr als 18 000 Toten liege (lavanguardia.com – 02.11.2008). 

Wer auf wikipedia das Stichwort „Straße von Gibraltar/Illegale Einwanderung“ aufruft, kann allein über die Jahre von 1997 bis 2001 erfahren, dass die marokkanische „Association des amis et des familles des victimes de l’immigration clandestine (AFVIC), die Vereinigung der Freunde und Familien von Opfern der illegalen Einwanderung in der Entstehungszeit von Binebines Roman durch eigene Zählungen festgestellt hatte, dass an den marokkanischen und spanischen Küstenstreifen der Meerenge 3 286 Tote gefunden worden waren. Dass viele Tote aufs Meer hinausgetrieben und nie gefunden wurden, dass deren Zahl dreimal so hoch zu schätzen war. Dass man für den Zeitraum, in dem der Roman entstand, von fast 2 000 weiteren Toten pro Jahr ausgehen musste.

Es sind die „stillen“, die vergessenen Toten, die lange vor dem 3. Oktober 2013 gezählt wurden, dem Tag, an dem vor Lampedusa 368 Menschen ertranken und die Bilder der aufgebahrten Toten um die Welt gingen.

Der alte Traum von der Durchlässigkeit der Kulturen, von den offenen Grenzen. Dabei stehen Nord und Süd im Mittelmeerraum in einem kulturellen Konflikt: 1998 veröffentlicht der Politologe Sami Naïr das Buch „Las heridas abiertes“ (Madrid 1998, Die offenen Wunden), das Juan Goytisolo für die spanische „El País“ kommentiert: „Die westliche Zivilisation ist zur globalen geworden, seither sind die Kulturen lokal. Nur dass die materiell-technische Zivilisation, deren Prinzip es ist, das Eine und Identische im Weltmaßstab zu produzieren, gewisse Mechanismen mit unauflöslichen Widersprüchen erzeugt: ‚Wo sie vereint, teilt sie; wo sie integriert, schließt sie aus; wo sie entsakralisiert, verleiht sie einen neuen konfessionellen Charakter; wo sie globalisiert, stärkt sie das Nationale.‘“

1998 – spätestens – wäre eine kulturelle und ökonomische Südpolitik der EU erforderlich, vielleicht möglich gewesen, ein „Wandel durch Annäherung“, um die Modernisierung der Gesellschaften Nordafrikas als kulturelle Herausforderung zu vermitteln und zu fördern (Stellung der Frau, Bildungspolitik, Bekämpfung der Armut, der Korruption etc.). 1998, das war mehr als zwölf Jahre vor dem Beginn der Arabellion in Tunesien.

Wenn die EU sich die von Sami Naïr 1997-1998 für Frankreich konzipierte Politik der „Ko-Entwicklung“ (Co-development) zu eigen gemacht hätte, wäre nicht unvorstellbar gewesen, zu einem konstruktiven, geregelten Nord-Süd-Austausch „in einem gemeinsamen wirtschaftlichen und kulturellen Raum“ (Goytisolo) zu kommen. 

„Dem Europarat zufolge bildet die angestrebte Verbindung zwischen fairer Entwicklungspolitik zur Armutsbekämpfung und klarer Migrationspolitik eine der größten Herausforderungen, denen sich Europa stellen muss“, zitieren die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages die Lageeinschätzung von 2008, vor dem Ausbruch der Arabellion. 

Zirkuläre Migration und Ko-Entwicklung sollten in dem Maße miteinander kombiniert werden, dass beide Regionen – sowohl die Entsende- als auch die Gaststaaten – gleichwertig die gestärkten Beziehungen zu effektiver Entwicklung nutzen könnten, zu Integration im Zielland und Entwicklung im Ursprungsland. In diesem Verständnis werden Migranten selbst – durch ihre ökonomischen und kulturellen Beiträge zur Wirtschaft der Entsendestaaten – zu einem eigenen, wichtigen Entwicklungsfaktor.

Stattdessen wurde in der EU seit 2008, seit der – eher unglückliche – Vorstoß Nicolas Sarkozys für eine „Union méditerranéenne“ durch ein Veto der deutschen Regierung ausgebremst worden war, der gesellschaftliche Auflösungsprozess in den arabischen Ländern vor dem Hintergrund der einsetzenden Weltfinanz- und Wirtschaftskrise in Kauf genommen.

„Als Folge rücksichtsloser Entwicklungsstrategien und der Unterwerfung unter die Diktate einer Europäischen Union“, wie Juan Goytisolo bereits 1998 feststellt, „die für den freien Warenverkehr eintritt, Freizügigkeit für Personen aber unterbindet“. 

Heute, zwanzig Jahre später, im August 2018, muss der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller feststellen, dass die europäischen Märkte für Produkte aus Afrika faktisch gesperrt, die europäischen Exporte nach Afrika gleichzeitig gestiegen seien. Er fordert, dass die EU ihre Märkte für sämtliche Güter aus Afrika öffnet.

Noch 2012 – damals bestand Hoffnung für den Arabischen Frühling – forderte Claus Leggewie in seinem Buch „Zukunft im Süden – Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann“, sowohl im Rückblick als auch in der Vorausschau, dass die EU „die neuen, fragilen Demokratien Nordafrikas und des Mittleren Ostens genau wie die erschütterten älteren Demokratien des südlichen Europa stützen und mit ihnen einen wesentlich kooperativeren Politikstil pflegen (müsse). In den neuen Dokumenten der EU ist davon, was die arabische Welt betrifft, bereits die Rede. Demokratie, gemeinsame Sicherheit und humane Entwicklung müssen viel stärker als bisher konvergieren, und dafür sind ganz neue Anstrengungen und Muster politischer Kooperation notwendig.“ 

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