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Seiner Büste in Berlin sieht man's nicht an, aber: Karl Marx diskutierte, rauchte und trank mit den Linkshegelianern mehr, als sich in sein Studium zu knien.
Karl Marx
Kultur

„In disziplinarischer Hinsicht nichts besonders Nachtheiliges“

Von Arno Widmann
17:35

Das Abgangszeugnis von Karl Marx (1818-1883) ist wieder im Archiv der Humboldt-Universität. Dort hatte es zusammen mit anderen Studienunterlagen des Trierer Studenten bis 1952 friedlich geruht. Das ging natürlich nicht so weiter. Der damalige Rektor der Universität übereignete die Reliquien des Gründervaters der Staatsreligion dem Marx-Engels-Lenin-Institut, das später umbenannt wurde in „Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED“. Das Konvolut kam zurück. Da die Originale im Archiv der Humboldt-Universität inzwischen durch Faksimiles ersetzt worden waren, blieben sie im Besitz des 1963 gegründeten Zentralen Parteiarchivs. Nach 1989 landete das im Bundesarchiv. Dort wurde jetzt das originale Abgangszeugnis entdeckt und an die Humboldt-Universität zurückgegeben.

Der Text ist in Sütterlin und an manchen Stellen verblasst und kaum noch zu entziffern. Die endgültige, schöne Fassung hatte Karl Marx bekommen. Die Universität behielt den Entwurf. Inhaltlich werden beide sich nicht unterscheiden, aber lesbarer wird die „Kopie“ gewesen sein, die Karl Marx in Händen hielt.

Das Abgangszeugnis stammt vom 30. März 1841 und trägt vier Unterschriften. Es werden die Veranstaltungen aufgeführt, die Marx vom Wintersemester 1836/37 bis zum Wintersemester 1840/41 besuchte. Und es wird vermerkt, ob er sie „fleißig“ oder „ausgezeichnet fleißig“ besuchte. Der heutige Student wird sehr überrascht auf dieses Zeugnis blicken. Es gibt kein Semester, in dem mehr Marx mehr als drei Seminare besuchte. Manche Semester gab es nur ein einziges Seminar und im Wintersemester 1839/40 und im Sommersemester war er offenbar überhaupt nicht an der Universität.

Es sind fast alles juristische Veranstaltungen. Die Pandekten-Vorlesung des Begründers der historischen Rechtsschule Friedrich Carl von Savigny scheint den jungen Marx nicht begeistert zu haben. Während die Ausführungen des Rechtsphilosophen Eduard Gans (1797-1839)über „Kriminalrecht“ Marx wohl mehr interessierten.

Gans wurde selbst ein Fall preußischer Rechtsgeschichte. Juden war die Beamtenlaufbahn auch nach dem Emanzipationsedikt von 1812 verwehrt. Es gab allerdings eine Regelung, die besagte, dass besonders Fähigen doch eine Professur ermöglicht werden sollte. Als die Universität Eduard Gans daraufhin als Professor berufen wollte, intervenierte der König. Lex Gans wird die Kabinettsorder genannt, mit der die Berufung von Eduard Gans verhindert wurde. Gans ließ sich taufen und siehe da. Er bekam die Professur und war bald Dekan der juristischen Fakultät.

Gans sah in der französischen Revolution den Wendepunkt der Weltgeschichte. Aber das Ideal sah er nicht dort, sondern im preußischen Staat. Er hatte mit Begeisterung Hegel gelesen und folgte ihm darin. Von den Linkshegelianern dagegen, die damals in Berlin den jungen Intellektuellen die Köpfe verdrehten, hielt er nicht viel.

Karl Marx dafür um so mehr. Man weiß, dass er mehr mit ihnen diskutierte, rauchte und trank, als sich in sein Studium zu knien. Es war viel interessanter, über David Friedrich Strauß’ „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“, über Ludwig Feuerbachs „Kritik der Hegelschen Philosophie“ sich in die Haare zu bekommen. Hier wurden die Grundlagen von Religion und Philosophie und damit – so sahen das die jungen Männer damals – von Staat und Gesellschaft in Frage gestellt. Hier wollte man den Fragen der Zeit an die Wurzel gehen. Radikales Denken war gefragt. Es verging kein Halbjahr, ohne dass irgendjemand aus diesem Kreis für einen öffentlichen Skandal sorgte.

Das interessierte Karl Marx. Aber noch war er Zuhörer und  Leser. Er intervenierte nicht. Vielleicht tat er das in der einen oder anderen Gesprächsrunde nach dem vierten oder fünften Glas Wein. Aber man darf die intellektuelle Überspanntheit dieses Kreises nicht unterschätzen. Das waren keine Politiker. Es ging nicht darum, wer am lautesten schrie. Es ging schon darum, besser zu sein als die anderen. Wer hier den Mund aufmachte, von dem erwartete man demnächst einen grundstürzenden Aufsatz, ein Buch gar.

In dieser aufgeheizten, hitzigen Atmosphäre bewegte sich Karl Marx. In diesem Abgangszeugnis ist nichts davon zu lesen. Doch. Es gibt eine einzige Zeile dazu. Sie lautet: „Jesaias bei Lic. Bauer besucht“. Das war im Sommersemester 1839. Im Jahr 1835 hatte sich Bruno Bauer noch schützend vor die herrschende Lehre gestellt und Strauss’ Evangelienkritik scharf kritisiert.

Inzwischen vertrat auch er die Auffassung, dass sich keine historische Person Jesus von Nazareth nachweisen lasse. Es waren die Berliner Diskussionen gewesen, die ihn radikalisiert hatten.
Keine Ahnung, was Bruno Bauer im Sommer 1839 über den Propheten Jesaja sagte. Aber man kann nicht über ihn reden, ohne über seine Vision einer endzeitlichen Wende zu sprechen, ohne seine Idee zu thematisieren, dass der Messias kommen werde als ein gerechter Richter und ein Retter der Armen, der der ganzen Welt Frieden und Gerechtigkeit bringen werde. Jesus konnte dieser Messias nicht gewesen sein, denn nach ihm ging das Ausbeuten und Metzeln weiter.

Das Abgangszeugnis beschäftigt sich nicht nur mit den Vorlesungsbesuchen des Studenten, sondern auch mit seinem sonstigen Auftreten. So heißt es auf der letzten Seite des dreiseitigen Zeugnisses: „Hinsichtlich seines Verhaltens auf der hiesigen Universität ist in disziplinarischer Hinsicht nichts besonders Nachtheiliges anzumerken“. An der Stelle gibt es noch einen Hinweis darauf, das Marx wohl Schulden gemacht hat. Aber ich konnte die Passage nicht entziffern. Und dann noch der letzte Satz der Einschätzungen: „Eine Teilnahme an verbotener Verbindung unter Studierenden auf der hiesigen Universität ist derselbe bisher nicht beschuldigt worden.“

Das klänge sehr beruhigend, wenn wir nicht wüssten, wie sehr es in dem Lockenkopf des 22-Jährigen gärte und wie fasziniert er war von dem, was um ihn herum alles noch gärte. Schon damals nicht immer zum Vorteil der Herren. Ein paar Jahre später zum Beispiel scheiterte das Vorhaben einer Habilitation von Karl Marx schon daran, dass Bruno Bauer, der sie ihm hatte verschaffen wollen, so weit radikalisiert war, dass er seine Professur verlor.

Die letzte Vorlesung, die Karl Marx in Berlin besuchte, war eine über den griechischen Tragödiendichter Euripides (480-406 v. Chr.). Medea erklärt im gleichnamigen Stück „Entdeckst du Kluges, das die Dummen nicht gekannt, scheinst du der Tör’ge, nicht der Klug’ im Torenvolk.“ Ist das nicht, als erkläre sie Karl Marx seine künftige Stellung in der Gesellschaft?

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